Tintoretto in Köln zu sehen

Ulrich Traub

Von Ulrich Traub

Sa, 04. November 2017

Ausstellungen

"A Star was Born": Das Frühwerk des venezianischen Malers Tintoretto wird im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt.

Man könnte annehmen, dass es nichts Neues zu erzählen gibt, wenn es um einen Alten Meister geht. Da müsste doch längst alles gesagt sein. Dass dies eine Fehleinschätzung ist, dokumentiert nun eine Ausstellung in Köln, die auf einem Forschungsprojekt basiert. Sie widmet sich dem Frühwerk Jacopo Robustis.

Jacopo Robusti? Besser bekannt ist der Maler unter dem Namen Tintoretto, der auf den Beruf seines Vaters, der Färber war, zurückgeht und Färberlein bedeutet. Ihm ist im Kölner Wallraf- Richartz-Museum kurz vor seinem vermeintlichen 500. Geburtstag 2018 oder 2019 (da ist man sich uneinig) eine Ausstellung mit hochkarätigen Werken aus den bekanntesten Museen der Welt gewidmet, die man mit Recht ambitioniert nennen darf. Die Schau "A Star was Born" mit 30 eigenhändigen Bildern Tintorettos, zehn Werkstattarbeiten und Exponaten von Zeitgenossen, rückt das Frühwerk Tintorettos in den Fokus und präsentiert außerdem Ergebnisse des mehrjährigen Forschungsprojektes. Und ja, es gibt neue Erkenntnisse über die ersten Schaffensjahrzehnte des venezianischen Meisters.

Der Maler stammte aus einer Familie, die zu den Popolani gehörte, jenen 80 Prozent der Bevölkerung, die politisch machtlos waren. Durch Malen versuchte Tintoretto, den der Chronist Vasari als "wunderlich, kapriziös, schnell und kühn und dem furchterregendsten Intellekt, den die Malerei je besessen", beschrieb, seine gesellschaftliche Stellung zu verbessern. Er musste sich etwas einfallen lassen; die Stadt war voll von Künstlern.

Überbordendes Talent – Tintoretto erfuhr nur eine kurze malerische Ausbildung – reichte nicht. Neue Marketingstrategien, wie man heute sagen würde, waren gefragt. Er produzierte nicht nur en masse und mit großer Experimentierfreude und Themenvielfalt, er verwendete auch Vorlagen anderer Maler (zum Beispiel Dürer) und unterwanderte den von Tizian dominierten Markt mit Dumpingangeboten. Tintoretto beschäftigte Mitarbeiter und war selber als Subunternehmer für andere Maler tätig – sogar für Tizian. All dies machte die Zuschreibung der Werke schon immer schwierig, diente aber letztlich dem Ziel, "die Malerei zu revolutionieren", wie es Kurator Roland Krischel formuliert.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Werkstattverhältnis von Tintoretto zu seinem Assistenten Giovanni Galizzi. Der Kölner Tintoretto-Experte nennt "ganz unterschiedliche Kooperationspraktiken". Entweder malten beide am selben Bild, oder Galizzi vollendete einen angefangenen Tintoretto, oder er arbeitete allein nach einer Zeichnung des Meisters. Die Autorenangaben lauten nun "Tintoretto und Werkstatt". In Köln werden die Betrachter auf Qualitätsunterschiede hingewiesen. So wird die Architekturkulisse in "Christus und die Ehebrecherin" Tintoretto zugeschrieben, die wenig ausdrucksstarken Figuren dagegen seinem Mitarbeiter. Zur Bestätigung wird auch ein malerisch unausgereifter Hl. Markus von Galizzi, den Krischel als "Handwerker" bezeichnet, gezeigt. Dem Verkaufserfolg stand diese Praxis jedoch nicht im Wege.

Nach Abnahme von Firnis-Schichten kann das allegorische "Liebeslabyrinth" aus dem Besitz der englischen Königin wieder Tintorettos Werkstatt zugeschrieben werden und nicht, wie zwischenzeitlich angenommen, dem Flamen Lodewijk Toeput. Geklärt ist auch, dass es sich bei einer vermeintlichen Susanna um Psyche handelt. Außerdem wird eine bislang keinem Künstler zugeschriebene "Fußwaschung" jetzt als ein Werk des gerade 20-jährigen Tintoretto eingestuft.

Über zwei Deckenbilder aus Modena ist der Kurator besonders glücklich. "Das 16. Jahrhundert hat nichts Vergleichbares hervorgebracht", lobt Krischel. Szenen aus Ovids "Metamorphosen" sind in extremer Untersicht gemalt, die Tintorettos Modernität belegen. Auch auf anderen Bildern wie dem "Emmaus-Mahl" oder "Jesus unter den Schriftgelehrten" zeigt sich eine Dynamik, mit der der Maler die Bildfläche aufzusprengen scheint. Die Figuren springen den Betrachtern förmlich entgegen.

Ebenfalls neu war seinerzeit die einfühlsame Thematisierung der Frau. Ungewöhnlich, dass Tintoretto seine alttestamentarischen Szenen mit erotischen Untertönen versah. Für die Kirche wird er diese Bilder kaum gemalt haben. Mit Männern beschäftigte sich der Venezianer in ausdrucksstarken Porträts – etwa des Dogen Alvise Mocenigo. Ihr Zustandekommen ist Ausdruck von Tintorettos erfolgreicher Netzwerkarbeit. Wer eingehend Tintorettos um 1547 entstandenes Selbstporträt betrachtet, wird einem Mann begegnen, der zwar mit einer großen Portion Selbstbewusstsein, aber auch mit gewisser Skepsis in die Welt blickt. Der nicht nur zu seiner Zeit als Schnellmaler Geschmähte scheint noch nicht zu ahnen, dass er zu den bedeutendsten Malern der Kunstgeschichte zählen wird.

Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

Bis 28. Januar. http://www.wallraf.museum