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23. Juni 2012

Baden gegen Bluthochdruck

Wie in Bad Krozingen die Heilkraft des Wassers erforscht wird.

  1. Wohltuendes Nass: Johannes Naumann forscht in seinem Institut über die heilsame Wirkung des Bad Krozinger Mineral-Thermalwassers. Foto: Rainer Ruther

BAD KROZINGEN. Was passiert mit einem Menschen, wenn er ins Wasser geht? Genauer: ins Heilwasser von Bad Krozingen, Bad Bellingen oder Freiburg? Dieser Frage will Johannes Naumann nachgehen. Der promovierte Mediziner, Leiter des Interdisziplinären Behandlungs- und Forschungszentrums (IBF) Balneologie in Bad Krozingen, arbeitet aktuell an einer Studie, die den Einfluss des Heilwassers auf Menschen mit hohem Blutdruck untersuchen soll. Wer mitmachen will, kann etwas für seine Gesundheit und für die Wissenschaft tun – und das fast umsonst.

Man kann es gar nicht verfehlen: Gleich drei neue Schilder prangen am Weg von der Vita Classica zur Kurverwaltung und weisen auf das Balneologie-Institut hin. Die alten Räumlichkeiten waren vier Jahre verwaist, nachdem Bernd Hartmann Ende 2007 aufgehört hatte zu praktizieren. Erst im Dezember 2011 wurde Johannes Naumann als sein Nachfolger berufen. Das Institut hatte immer schon Kontakte zur Uniklinik Freiburg gesucht, seit es 1951 begründet wurde. Heute ist es eine Außenstelle der Uniklinik – in den Anfangsjahren war es dagegen wenig mehr als die Praxis eines Badearztes. Solange das Kurwesen von den Kassen bezahlt wurde, kümmerte sich niemand groß darum, mal wissenschaftlich nachzuweisen, was denn nun eigentlich so gut ist an einem Thermalbad. In der Region ist das sowieso Allgemeinwissen, schließlich gibt es hier 2000 Jahre alte Bäder – bereits die Römer schätzten die wohltuende Wirkung der Quellen hierzulande.

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Doch als Kuren immer seltener bewilligt und immer weniger bezuschusst wurden, und die Bäder in die Krise gerieten, rächten sich die fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung des Heilwassers. Zwar hatte es sporadisch Untersuchungen in kleinem Rahmen gegeben, aber keine der Studien wies eine Kontrollgruppe auf, was erst eine saubere vergleichende Untersuchung bedeutet hätte. "Die Balneologen, das war ein kleiner Klüngel", sagt Johannes Naumann, "und die Ärzte damals und die Kurorte haben versäumt, die Balneologie – also die Bäderheilkunde – in der wissenschaftlichen Literatur unterzubringen." Doch wer nicht publiziert, wird nicht beachtet, und weil die Bäderheilkunde keine Forschungsergebnisse vorzuweisen hatte, fiel sie zuerst aus der Erstattung der Krankenkassen raus und dann aus der medizinischen Wissenschaft.

Die Kurorte wurden zu "Wellness-Centern" – gezwungenermaßen, und der Kurgast wurde zum Kunden. Man bemühte sich um zahlende Gäste, viele Kurorte haben diesen Wandel gemeistert. In Bad Krozingen aber ging man weiter und besann sich des Instituts im Dornröschenschlaf. Die Kur und Bäder GmbH, das Land, die Uniklinik, die Uni Freiburg mit ihrer medizinischen Fakultät – alle gaben Geld, um die Balneologie zu beleben. Ziel ist, wissenschaftlich fundierte und gesicherte Erkenntnisse zu bekommen, die Anerkennung finden bei Medizinern und Gesundheitspolitikern. "Dafür bin ich eingestellt worden", sagt Naumann, "ich soll Wissenschaft betreiben."

Viermal in der Woche baden - ein halbes Jahr lang

Sein aktuelles Vorhaben heißt: "Einfluss von regelmäßigem Baden auf erhöhten Blutdruck." Wissenschaftlich erwiesen ist bereits, dass ein Ganzkörperbad über mindestens 45 Minuten kurzfristig den Blutdruck senkt – was noch unklar ist, wie intensiv und wie oft solche Bäder zu genießen sind, um einen lang anhaltenden Erfolg zu haben. Um diese Fragen zu beantworten, braucht Naumann 60 Probanden, die bereit sind, viel Zeit für die Studie zu opfern. Melden können sich Personen ab 18 Jahren, die an leichtem Bluthochdruck leiden. Wer sich meldet, wird in eine von drei Gruppen gelost und muss sich verpflichten, mindestens ein halbes Jahr der Studie zu folgen.

Die Probanden der ersten Gruppe gehen 26 Wochen lang viermal pro Woche in die Heilbäder in Bad Krozingen, Bad Bellingen oder Freiburg. Eine zweite Gruppe macht das nur vier Wochen lang so intensiv und muss dann den Bäderbesuch auf einmal pro Woche reduzieren. Die dritte Gruppe darf während dieser ganzen Zeit überhaupt nicht baden, sondern bekommt ein Entspannungsprogramm verordnet, das ebenfalls strikt durchgehalten werden muss. Diese Kontrollgruppe ist nötig, um die Wirkung der Bäder nachweisen zu können. "Für die Studie ist es sehr wichtig ist, dass die Teilnehmer dieser Gruppe das Badeverbot einhalten, aber auch wie die anderen bis zum Schluss mitmachen und alle Messungen vornehmen lassen", erklärt der Mediziner. Es sei außerdem bereits wissenschaftlich erwiesen, dass auch die Maßnahmen in der Kontrollgruppe eine Wirkung haben.

Medikamente können weiter genommen werden, jedoch sollte während der Studiendauer die Blutdruckmedikation nicht geändert werden, und in den Bädergruppen sollten auch keine anderen Therapien zur Senkung des Blutdrucks begonnen werden. In regelmäßigen Abständen werden die Probanden untersucht; zu Anfang der Studie, nach vier Wochen und am Ende müssen die Probanden einen 24-Stunden-Blutdrucktest mitmachen.

Die Teilnehmer der beiden Bädergruppen erhalten eine Dauereintrittskarte, mit der sie zu den Öffnungszeiten der Thermen kostenlos Eintritt haben, die Kontrollgruppe erhält gratis alle Entspannungsprogramme samt CD. Für die Eintrittskarte müssen sie ein Pfand von 120 Euro entrichten. Wer die Studie komplett mitgemacht hat (inklusive aller Bäder, Messungen und Fragebögen), erhält 100 Euro erstattet.

Weitere Infos können Interessierte unter Telefon 07633/4008 501 erhalten – außerhalb der Praxiszeiten läuft ein Anrufbeantworter, auch für Anmeldungen.

BALNEOLOGIE

Die wohltuende Wirkung von Bädern war schon in der Antike bekannt. Die medizinische Wissenschaft hat das Lebenselixier Wasser indes bislang eher stiefmütterlich behandelt. Die Balneologie (Bäderkunde) beschäftigt sich mit der therapeutischen Anwendung von Bädern, aber auch von Trinkkuren und Inhalationen. Der Fokus liegt auf Heilquellen, wie sie etwa in den Orten mit Mineral-Thermalbädern zu finden sind. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Wirkung des Wassers an sich (zum Beispiel Auftrieb und Wärme) und der im Wasser gelösten Inhaltsstoffe, die speziell in der Balneochemie untersucht werden. Die Balneologie beschäftigt sich unter anderem auch mit der Anwendung von Meerwasser, wie sie etwa in der Thalasso-Therapie praktiziert wird.  

Autor: bz

Autor: Rainer Ruther