Der Demenz verschrieben

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Mi, 24. August 2016

Bad Krozingen

BZ-PORTRÄT: Elisabeth Klein-Wiesler arbeitet seit 25 Jahren bei der Sozialstation Südlicher Breisgau.

BAD KROZINGEN. "Ich gehe nicht in Rente." Elisabeth Klein-Wiesler lacht. Diesen Satz habe sie ihrem Mann gegenüber schon häufig gesagt. Denn die 48-jährige Heitersheimerin hat ihren "absoluten Traumjob gefunden". Seit 25 Jahren arbeitet sie bei der Sozialstation Südlicher Breisgau. Vor genau 15 Jahren hat Geschäftsführerin Waltraud Kannen dort die Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz ins Leben gerufen. Elisabeth Klein-Wiesler leitete sie. Heute ist das Thema Demenz zu ihrem Schwerpunkt geworden.

Genau genommen hat Elisabeth Klein-Wiesler 2016 damit gleich zwei Jubiläen zu feiern. Den 15. Geburtstag der Betreuungsgruppe und ihr eigenes Betriebsjubiläum. Am 1. Dezember 2016 ist sie genau 25 Jahre bei der Sozialstation Südlicher Breisgau beschäftigt. Aber eine große Feier plane sie da nicht. Die zweifache Mutter ist niemand, der sich in den Mittelpunkt drängen muss, das wird schnell klar. Lieber ist sie für andere da, setzt sich ein. Und das schon lange.

"Ich wollte eigentlich immer einen sozialen Beruf erlernen", erzählt Klein-Wiesler. Nach der Schule absolvierte sie ein Praktikum im Staufener Pflegeheim St. Margarethen. Spätestens danach sei ihr klar gewesen, dass sie in die Altenpflege gehen wolle und so entschied sie sich für eine entsprechende Ausbildung. Nach Stationen in der Schweiz und im damaligen Haus Ulrike in Bad Krozingen landete sie schließlich bei der Sozialstation. "Die ersten zehn Jahre habe ich im Pflegedienst gearbeitet und in Bad Krozingen meinen eigenen Bezirk gehabt – da kannte ich bald jede Straße", sagt sie mit einem Lachen. "Die ambulante Pflege liegt mir mehr als die stationäre. So kann ich mich besser auf den Patienten konzentrieren, muss nicht alles gleichzeitig machen."

Als sie fünf Jahre lang bei der Sozialstation tätig war, absolvierte Elisabeth Klein-Wiesler eine zweijährige berufsbegleitende Fortbildung in Freiburg, die ihren späteren Werdegang prägen sollte: Sie wurde gerontopsychiatrische Betreuerin. Die Fachrichtung beschäftigt sich mit psychischen Erkrankungen älterer Menschen. "Ich wollte mich damals einfach weiterentwickeln", sagt Klein-Wiesler. Fortan sei das Erlernte in ihre Hausbesuche eingeflossen. Besonders zum Einsatz kam es aber mit der Gründung der ersten Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz im September 2001.

"Das ist das Baby von Frau Kannen", sagt Klein-Wiesler. "Sie hat die Gruppe gegründet, die Demenzbetreuung ist ihr Herzensanliegen." Elisabeth Klein-Wiesler leitete fortan die erste Betreuungsgruppe. "Einmal die Woche nachmittags, das war unsere Mittwochsgruppe", sagt sie. Es geht dabei um die Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz und anderen Gedächtnisstörungen. "Die wöchentlichen Treffen haben immer den gleichen Ablauf. Diese Orientierung ist für Demenzkranke ganz wichtig", erklärt Klein-Wiesler. Es wird erzählt, es werden Spiele gespielt. Sitztanz, Gymnastik, Gedächtnistraining, Singen.

"Von Anfang an hatten wir viel mehr Bewerber als Plätze", erzählt Klein-Wiesler. Das habe teils zu Wartelisten von bis zu einem Jahr geführt. "Nach drei Jahren haben wir dann die zweite Gruppe gegründet – und die war auch gleich voll." Heute gibt es sechs Betreuungsgruppen. Zwei in Bad Krozingen und jeweils eine in Münstertal, Heitersheim, Staufen und Hartheim. "Wir wollten, dass jede Gemeinde ihre eigene Gruppe bekommt." Bis zu zwölf Erkrankte nehmen pro Gruppe teil. Die älteste Teilnehmerin ist 95, der jüngste 60 Jahre alt. Versorgt werden sie von einem regionalen Betreuerteam aus einer examinierten Fachkraft, wie Elisabeth Klein-Wiesler, und fünf bis sechs bürgerschaftlich Engagierten.

Ob Frauenarzt, Jurist oder Ingenieur – die bürgerschaftlich Engagierten stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Viele seien als Rentner auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung gewesen und so bei der Sozialstation gelandet. Diese bietet zwei Mal jährlich Qualifizierungskurse für Betreuer an. Dort lernen sie an zehn Abenden das Krankheitsbild Demenz genau kennen. Erlernen die Kommunikation, Betreuung und Aktivierung der Erkrankten genauso wie die rechtlichen Aspekte.

Damals lag die

Krankheit viel mehr

in einer Tabuzone

70 Euro kostet der Qualifizierungskurs. Engagieren sich die Teilnehmer anschließend regelmäßig bei der Sozialstation, erhalten sie ihr Geld zurück. Dieses Engagement kann eben in einer der Betreuungsgruppen sein oder beispielsweise stundenweise im Haushalt eines Demenzerkrankten oder als Demenzbetreuer im Herzzentrum. Die aktuell rund 100 bürgerschaftlich Engagierten erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung.

"Die Atmosphäre in unseren regionalen Betreuungsgruppen ist einfach total toll", schwärmt Elisabeth Klein-Wiesler, die in Heitersheim und Bad Krozingen Gruppen leitet. Es seien schon viele Freundschaften entstanden. "Die Menschen dort sollen spüren, dass sie Teil der Gemeinschaft sind und bei uns nichts falsch machen können." 25 Euro kostet die Teilnehmer ein Treffen. "Das Geld wird mit der Pflegekasse abgerechnet, so dass wirklich jeder teilnehmen kann, der das möchte", erklärt Klein-Wiesler. Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß sie, dass die erste Teilnahme an der Gruppe für viele eine große Überwindung sei. "Da muss ich dann schon mal Überzeugungsarbeit leisten", sagt sie. Oft bietet sie den Angehörigen an, dass sie bei einem ersten Treffen dabei sein können, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Und nicht nur für die Erkrankten hat die Betreuungsgruppe einen Nutzen, auch die Angehörigen sollen profitieren. Das feste wöchentliche Treffen bietet ihnen einen kleinen Freiraum. "Ich kenne eine Angehörige, die in dieser Zeit immer ins Thermalbad geht und sich entspannt. Eine andere nutzt die Zeit einfach, um zu schlafen und Ruhe zu haben", erzählt Klein-Wiesler. Häufig empfehle sie Angehörigen auch, sich zusätzlich Hilfe vom Pflegedienst zu holen, "um weitere Entlastung zu schaffen". Isolation ist der falsche Weg – in dieser Hinsicht hat sich im Bereich Demenz viel getan.

"Vor 15 Jahren sind viele Angehörige von Demenzkranken noch nicht auf die Idee gekommen, Hilfe anzunehmen", sagt Klein-Wiesler. Damals lag die Krankheit viel mehr in einer "Tabuzone" als heute. Die Krankheit ist bekannter geworden. Trotzdem falle es vielen Betroffenen natürlich auch heute noch schwer, sich zu öffnen. "Aber die Betreuungsgruppe ist ein erster Schritt." Davon ist Elisabeth Klein-Wiesler überzeugt.

15 Jahre Betreuungsgruppe für demenzerkrankte Menschen: Aus diesem Anlass beleuchtet die BZ in mehreren Schwerpunkt-Artikeln das Thema Demenz und den Umgang mit der Erkrankung bei der Sozialstation Südlicher Breisgau in Bad Krozingen.