Die Demenz ist ständiger Begleiter

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Sa, 08. Oktober 2016

Bad Krozingen

Wenn das Vergessen immer größer und die Selbstständigkeit immer geringer wird: Aus dem Alltag einer pflegenden Angehörigen.

SÜDLICHER BREISGAU. Vor sieben Jahren hat es angefangen. Immer wieder bemerkte Gisela Schneider* damals, dass ihr Mann Dinge doppelt erzählte, vergaß, desinteressiert war. Es waren die ersten Anzeichen für seine Demenzerkrankung. Gerade einmal 60 Jahre alt war Ulrich Schneider* zu dem Zeitpunkt. Seine Krankheit schreitet schnell voran. Heute hat Gisela Schneider ihren ganzen Tagesablauf auf ihren Mann abgestimmt. Doch sie weiß nicht, wie lange sie die Verantwortung noch schultern kann.

Mit einem freundlichen Hallo und Handschlag begrüßt Ulrich Schneider den Besuch an der Haustür. Er lächelt. Dass der 67-Jährige schwer krank ist, ahnt man in diesem Moment nicht. Gisela Schneider legt ihrem Mann die Hand auf den Rücken. Sie schlägt ihm vor, ein bisschen ins Wohnzimmer zu gehen. Bereitwillig stimmt Ulrich Schneider zu. Nebenan in der Küche nimmt Gisela Schneider Platz. Kurz darauf ertönen Stimmen aus dem Wohnzimmer, der Fernseher läuft. Durch die Glastür kann Gisela Schneider ihren Mann sehen. Er sitzt in Ruhe auf dem Sofa. Gisela Schneider bleibt unruhig.

"Er hat eine Weglauf-Tendenz, möchte immer raus", erzählt sie. Wohin, das wisse er auch nicht so genau. Hauptsache raus. "Man möchte so gerne mal aufatmen können", sagt die 63-Jährige. Doch das ist schwierig. Die Pflege ihres kranken Mannes beschäftigt sie Tag und Nacht. Die Demenz ist ihr ständiger Begleiter geworden. Das hätte sie sich vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Damals hatte sie zwar auch schon mit der Krankheit zu tun – jedoch freiwillig.

"Ich habe mich früher ehrenamtlich in einer Demenzbetreuungsgruppe engagiert", erzählt Gisela Schneider. "Ich habe das sehr gern gemacht", ergänzt sie. Freilich konnte sie damals nicht ahnen, dass sie selbst einmal so unmittelbar mit der Krankheit konfrontiert werden würde. Doch ihre Kenntnisse über das Krankheitsbild haben sie bald ahnen lassen, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Er veränderte sich. Gisela Schneider bemerkte die Anzeichen. Ein Arztbesuch und zahlreiche Untersuchungen später stand es fest: Ulrich Schneider leidet unter einer schnell voranschreitenden Form von Demenz.

"Er selbst hat es natürlich auch gemerkt", erzählt die 63-Jährige. "Aber er hat nie damit gehadert. Er hat es hingenommen. So ein Typ war er immer schon, Probleme hat er mit sich selbst ausgemacht." Ihr Mann war damals schon im Ruhestand gewesen. Aber zur Ruhe setzen wollte er sich nicht. "Mein Mann war ein Macher", sagt Gisela Schneider. Er sei immer fröhlich gewesen, habe sich engagiert. "Wir waren mal sehr zufrieden, hatten eine tolle Ehe."

Der Mann, den Gisela Schneider geheiratet hat und mit dem sie drei erwachsene Kinder hat, ist Ulrich Schneider heute nicht mehr. "Er ist sehr in sich gekehrt. Sein ganzes Verhalten hat sich verändert", erzählt sie. Normale Gespräche können die Eheleute nicht mehr führen. "Man muss sehr aufpassen, was und wie man es sagt." Gisela Schneider weiß, dass man Demenzkranke nicht zu viel fragen sollte, "sonst kommen sie in Bedrängnis". Generell werde das Sprechen ihres Mannes immer schlechter, er habe Probleme mit dem Satzbau. "Man weiß ja auch nicht, wie das noch weiter geht. Was noch kommt."

Nachdem seine Frau ihn am Morgen geweckt habe, könne Ulrich Schneider sich noch alleine zurecht machen. Sie lege ihm nur seine Kleidung hin. "Er hat da kein Gefühl mehr für. Merkt nicht, ob es draußen heiß oder kalt ist", erklärt sie. Anschließend frühstücken die beiden zusammen. "Dabei merke ich schon, wie er unruhig wird. Er guckt aus dem Fenster und überlegt, wie er raus könnte", sagt sie. Sie probiere dann, ihn in der Küche miteinzubinden, ihm Aufgaben aufzutragen. Wenn es ihn nicht mehr im Haus halte, gehe sie mit ihm in der Nachbarschaft spazieren. Hier weiß man von Ulrich Schneiders Demenz. "Das haben wir unseren Nachbarn offen gesagt."

Die Betreuungsgruppe ist eine Entlastung

Einmal wöchentlich für rund vier Stunden hat Gisela Schneider Zeit für sich allein. "Seit zwei Monaten geht mein Mann regelmäßig zu einer der regionalen Betreuungsgruppen für Demenzkranke, die die Sozialstation anbietet", erklärt sie. Ausgebildete Kräfte kümmern sich hier um ihn, es wird gesungen und gespielt. "Da geht er gerne hin", sagt Gisela Schneider. "Und ich bin froh, in der Zeit mal aufatmen zu können. Die Freizeit ist doch sehr begrenzt."

Seit etwa zwei Jahren sei die Krankheit von Ulrich Schneider "so extrem", wie Gisela Schneider sagt. "Eigentlich möchte ich meinen Mann niemandem übergeben", sagt sie. "Ich denke, das bin ich ihm schuldig." Aber sie müsse schauen, wie es weitergehe. "Ich komme an meine Grenzen", bekennt Gisela Schneider. Eine Möglichkeit, die sie sich für ihren Ehemann künftig vorstellen könnte, wäre eine betreute Wohngemeinschaft. Solch ein Projekt für Demenzkranke soll in Staufen entstehen (die BZ berichtete). Gisela Schneider muss sich das noch durch den Kopf gehen lassen. Es ist freilich auch eine finanzielle Frage. Ihr ist wichtig, dass Demenzkranke nicht allein gelassen werden. "Ich bin sehr dankbar für die Hilfe, die ich bekomme, appelliere aber auch dafür, dass insgesamt noch mehr für Demenzpatienten gemacht wird."

* Name von der Redaktion geändert

15 Jahre Betreuungsgruppe für demenzerkrankte Menschen: Aus diesem Anlass hat die Badische Zeitung in mehreren Schwerpunkt-Artikeln das Thema Demenz und den Umgang damit bei der Sozialstation Südlicher Breisgau in Bad Krozingen beleuchtet. Dies ist der letzte Beitrag.