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27. März 2010

Einmal selbst vor der Fernsehkamera stehen

Das Faust-Gymnasium als Fernsehstudio: Südwestrundfunk möchte mit Workshop das Interesse der Jugend an seinen Nachrichten im Dritten Programm wecken.

  1. Make-up muss sein: Stylistin Andrea Otterbach und „Moderator“ Tim Hamann Foto: Ruther

  2. Die Teilnehmer des Moderatorentrainings zwischen Dieter Fritz und Studienrätin Julia Scchmitz. Foto: Rainer Ruther

STAUFEN. Einen Blick hinter die Kulissen von "Baden-Württemberg aktuell" – damit lockte das SWR-Fernsehen am Mittwoch elf Schülerinnen und Schüler des Faust-Gymnasiums Staufen zu einem Moderatoren-Lehrgang. Ziel des Workshop und der anschließenden Diskussion in der Aula: ein jüngeres Publikum für die aktuellen Sendungen des Regionalfernsehens zu begeistern.

Eigentlich müsste da "Dauerwerbesendung" auf dem Bildschirm stehen – so wie bei den öden Programmfüllern auf den privaten TV-Kanälen, die den neuesten Bauch-Beine-Po-Straffer, den Bohrer mit 77 Aufsätzen oder die endgültige Faltencreme vorzeigen. Doch weil das Programm, das am Mittwoch am Faust-Gymnasium produziert wurde, nie über den Sender gehen wird, kann man sich die Einblendung sparen. Obwohl die mehrstündige Veranstaltung mit acht Schülerinnen und drei Schülern nichts anderes war als Werbung – Werbung fürs SWR-Fernsehen.

Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen die jungen Zuschauer davon

Ein feuchter dunkler Keller im Faust-Gymnasium. Dieter Fritz steht auf nacktem Betonfußboden in einem Gewirr von Kabeln, Mischpulten, Mikrofonständern, Monitoren und Lautsprechern. Der Moderator der bw-aktuell-Regionalnachrichten, mit modischer Krawatte, aber ausnahmsweise mal in Jeans, begrüßt die Teilnehmer an dem Workshop und will’s gleich wissen: "Wer kennt denn die Sendung?", fragt er. Nur einzelne Finger heben sich. "Na, wenigstens ein paar, die nicht Stefan Raab gucken, sondern auch richtiges Fernsehen", ist sein Kommentar.

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Mit einem Tross von einem halben Dutzend Kolleginnen und Kollegen tingelt Dieter Fritz schon in der dritten Staffel durch die baden-württembergische Provinz: Montag das Gymnasium in Ebersbach, Mittwoch das Faust, gestern ein Auftritt vor Schülern in Rastatt. Der technische und personelle Aufwand ist enorm, selbst der Leiter des SWR-Marketings hat den Weg nach Südbaden gefunden. Doch der Einsatz von viel Geld und Zeit scheint aus Sicht der TV-Macher mehr als nötig. Denn dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen die jungen Zuschauer davon – das, was ARD, ZDF und die Dritten Programme bieten, interessiert immer weniger Jugendliche. Als "digital natives", wie sie von Soziologen bezeichnet werden, sind junge Leute mit Computer, Handys und virtuellen sozialen Netzwerken aufgewachsen – Fernsehen dagegen ist nicht mehr ihr Medium Nummer eins zur Unterhaltung und Information.

Hier will der SWR nun gegensteuern. Die Teilnehmer sollen Studioluft schnuppern, einmal selbst vor der Kamera stehen, einen Eindruck von der Arbeit der Redaktion bekommen. Allerdings einen sehr oberflächlichen – denn die Nachrichtentexte hat Dieter Fritz gleich mitgebracht, und der Workshop beschränkt sich auf die Präsentation der Nachrichten vor einer Kamera. Von dem Zeitdruck, den Abläufen in der Redaktion, wie die Sendung zustande kommt – davon erhalten die elf jungen Leute keinen Eindruck. Dafür müssen sie wie die Profis in die Maske, was bei den drei männlichen Teilnehmern zunächst Fluchtreaktionen auslöst. Doch ohne geht’s nicht - alle müssen unter den Pinsel und das Make-Up der mitgereisten Stylistin Andrea Otterbach. Die glänzenden Stellen auf dem Gesicht werden mattiert, die Haare gekämmt – denn, so Fritz: "Der Zuschauer achtet auf Äußerlichkeiten. Was man sagt, ist nur zu 20 Prozent wichtig; die meiste Aufmerksamkeit erregen Kleidung und Frisur und wie man spricht."

Ein Moderatorenjob wäre nur zweite Wahl

Das Vorlesen zu üben, haben die Versuchskaninchen knapp 20 Minuten Zeit. Drei Nachrichten, entnommen der Sendung vom 18. März, dazu Begrüßung und Verabschiedung; in knapp einer Minute ist alles vorbei. Eine Videokamera waren die meisten schon ein bisschen gewohnt – die Mehrheit der Gruppe hatte an einem deutsch-französischen Kurzfilm-Projekt teilgenommen und selbst Filme hergestellt. Hier allerdings tauchen sechs Scheinwerfer die Szene in ein grelles Licht, die Kurzzeit-Moderatoren müssen an einem kleinen Pult stehen, in ein Monstrum von Profi-Kamera schauen, müssen fremde Texte vorlesen und dürfen dabei vor lauter Konzentration nicht vergessen, auch mal eine freundliche Miene zu machen. Das alles, so die Meinung beim anschließenden Gruppengespräch, sorgte für übergroße Nervosität und Versprecher. Und so mancher kämpfte mit fremden Texten, verrutschenden Zeilen, ungewohnten Wörtern und dem schwarzen Auge der Kamera.

Auf jeden Fall ist "Moderator" für die wenigsten ein Traumberuf. Hinter der Kamera, als Producer oder Redakteurin – das könne sie sich eher vorstellen, sagte Laura Kienberger. Ihre Nachrichten-Präsentation zeigte Dieter Fritz als gelungenes Beispiel auf der anschließenden Diskussion in der Aula des Faust-Gymnasiums, genauso wie die Sendung von Felix Breucha. Doch selbst für ihn, der an der Schule ein Podcast-Projekt ins Leben gerufen hat und Filme aus dem Schulalltag dreht, wäre ein Moderatorenjob nur zweite Wahl. Für Dieter Fritz dagegen ist es seit mehr als 25 Jahren Lebensinhalt. Die Arbeit sei ihm nie langweilig geworden, sagte er in der Diskussion mit etwa 100 Schülerinnen und Schülern. Und solange es ihm Spaß mache, werde er weitermachen – wenn der Spaß fehle, würden das die Zuschauer ganz schnell merken. Meditieren vor der Sendung brauche er nicht mehr – die Routine helfe über das Lampenfieber hinweg. Bis zu einer Million Zuschauer sehen sich bw-aktuell an – mit dem Besuch in Staufen hat man eine Handvoll neuer Seher hinzugewonnen. Vielleicht.

Autor: Rainer Ruther