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22. November 2011

Geniestreiche und legendäre Werke

Ergreifende Kirchenmusik mit dem Kammerchor Staufen und dem Consortium Musicum Staufen.

  1. Kerstin Bögner dirigiert den Kammerchor Staufen und das Consortium Musicum Staufen bei der Aufführung zu Mozarts Requiem in der St.-Alban-Kirche Bad Krozingen. Foto: Hans Jürgen Kugler

BAD KROZINGEN. Wolfgang Amadeus Mozart hat die katholische Kirchenmusik nicht nur mit einzigartigen Messvertonungen bereichert, sondern in einem speziellen Fall auch von einem lang gepflegten Mythos entzaubert. Der Vatikan hatte um das "Miserere Mei Deus" von Gregorio Allegri eine geradezu mythische Aura gelegt. Die in der Tat überirdisch schöne A-cappella-Psalmvertonung durfte nur einmal im Jahr zur Karwoche aufgeführt werden. Die Partitur wurde sorgfältig unter Verschluss gehalten, wer die Noten aus den heiligen Mauern herauszuschmuggeln wagte, dem drohte die Exkommunikation. Der Überlieferung nach soll es dem 14-jährigen Mozart während einer Aufführung des Miserere in der Sixtinischen Kapelle gelungen sein, dieses neunstimmige Werk Note für Note aus dem Gedächtnis heraus aufzuschreiben. Möglicherweise wollte der Vater mit diesem "Geniestreich" den Ruf des Wunderkindes untermauern, möglicherweise hatte man noch handfestere Absichten mit dieser Abschrift.

Der Kammerchor Staufen unter der Leitung von Kerstin Bögner gab gemeinsam mit einem hochkarätigen Solistenensemble am Wochenende in Bad Krozingen und Staufen den Zuhörern die Gelegenheit, dieses einzigartige Werk zu erleben. Für die Aufführung wurde in der St.-Alban-Kirche der gesamte Kirchenraum miteinbezogen. Der Chor beginnt mit einer fünfstimmigen Wiedergabe der Verse, dem sich ein Tenorsolo im psalmodierenden Ton anschließt. Die Solisten (Regina Kabis, Andrea Müller, Sopran; Barbara Ostertag, Alt; Alvaro Zambrano, Tenor, und Clemens Morgenthaler, Bass) antworten von der Orgelempore herab mit einer reich ornamentierten Variante des Textes. Dieses sozusagen dreidimensionale Klangbild und die innige Interpretation von Chor und Solisten vermittelten den Zuhörern auf einzigartige Weise die Faszination, die dieses Werk auch heute noch ausübt.

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Noch mehr Legenden ranken sich um die Entstehungsgeschichte von Mozarts Requiem. Fünf Monate vor seinem Tod erhielt Mozart von einem anonymen Musikliebhaber den Auftrag, ein Requiem zu schreiben. Da der Komponist in der Folgezeit schwer erkrankte, rankte sich bald die Legende um das Werk, dass finstere Mächte Mozart dazu veranlasst hätten, seine eigene Totenmesse zu schreiben. Trotz fieberhafter Arbeit blieb die Komposition unvollständig und wurde postum von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr ergänzt.

Der Kammerchor Staufen und die Musiker des Consortium Musicum Staufen brachten dieses Werk in einer eindringlichen Interpretation zur Aufführung. Der ausdrucksstarke Chor, der dramatische Vortrag der Solisten, allen voran der grabestiefe Bass Clemens Morgenthalers und das im "Dies irae" und im "Confutatis" kraftvoll, geradezu wütend musizierende Orchester hauchten im Verein mit Bögners temperamentvollem Dirigat der ohnehin schon ergreifenden Komposition nachgerade Fleisch und Blut ein.

Ergänzt wurden die beiden kirchenmusikalischen Werke vom "Lachrymae" für Viola und Streichorchester von Benjamin Britten. Das kammermusikalische Werk ist eine Reverenz an John Dowlands gleichnamigen Liedzyklus für Laute. Freilich eine Reverenz, die in ihrer modernen Tonsprache ein zwar dicht gewebtes, aber auch etwas befremdliches Klangbild formt. Über "schwebenden" Harmonien platziert die Bratschistin Jeannette Dorée fragmentarische Melodiefetzen, bei denen gleichwohl immer wieder die schönen Linien des Originals hindurchschimmern. Anklänge an eine Fiedel lassen Tanzmusik erahnen, während das Orchester aus fernen Sphären im Pizzicato die Tränen (lateinisch "Lachrimae") tropfen lässt. An manchen Stellen klingt die Orchesterbegleitung wie ein lang ausgehaltener, tief liegender Orgelton. Gegen Schluss kommen Brittens "Lachrymae"-Variationen dem Original dann wieder erstaunlich nahe, um nicht zu sagen, sie geben den ursprünglichen Lautensatz getreulich wieder und schlagen so auch stilistisch den Bogen zurück zu Mozarts Requiem.





Autor: Hans Jürgen Kugler