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14. September 2010

"Wir müssen Demokratie erarbeiten"

Die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser gibt in der Christuskirche Einblicke in die Situation ihres Volkes.

  1. „Wir sind die Besetzten, Zerrissenen“, meint Sumaya Farhat-Naser über die Situation ihrer Landsleute im Nahost-Konflikt. Zum Abschluss des Kirchenjubiläums sprach die palästinensische Friedensaktivistin (ganz links) in Bad Krozingen und diskutierte mit den Zuhörern. Foto: s. müller/dpa

  2. Foto: dpa

BAD KROZINGEN. Sumaya Farhat-Naser wurde 1948, im Jahr der israelischen Staatsgründung, in Bir Zait bei Jerusalem geboren. Die Geschichte ihrer Heimat, der Nahost-Konflikt, ist zum Lebensthema geworden für die palästinensische Friedensaktivistin, Buchautorin, Universitätsdozentin und Zeitzeugin. Am Sonntagabend sprach sie vor rund 100 Zuhörern in der evangelischen Christuskirche.

"Nur wenn wir für den Frieden eintreten, sind wir auch glaubwürdig", hieß Pfarrer Gerhard Jost Sumaya Farhat-Naser zum Abschluss des Festwoche anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Evangelischen Kirche im Kurort willkommen. Der Frieden, so verdeutlichte die Referentin im Laufe ihres gut einstündigen Vortrags, das ist für sie das "Nebeneinander und Miteinander" von Israelis und Palästinensern: die Zweistaatenlösung. Doch dafür, klagte sie, sei die Zeit noch nicht reif: "Die Verhandlungen werden scheitern", prognostiziert sie schonungslos, "weil es für den israelischen Ministerpräsidenten Nethanjahu zu früh ist." Israel brauche Land. Die Besatzungspolitik ziele auf die Einschränkung der Mobilität und als Folge der Produktivität der Palästinenser, so die Ansicht der palästinensischen Christin. "Unsere Situation ist schrecklich und wir sind traurig, wütend, zornig und viele verzweifeln."

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Die Folge sei Gewalt – und Gewalt, so versicherte Sumaya Farhat-Naser, ist für sie keine Lösung, sie verteidige auch die Entwicklung der Hamas nicht. Vielmehr trete sie dafür ein, dass Wut und Zorn nicht in Hass umschlagen. In ihren Kursen und ihrem Engagement in Frauengruppen vermittelt sie Wege zum Dialog. Es gibt nur diesen Weg, findet sie, und appelliert an eine Erziehung zu Frieden und Gewaltlosigkeit: "Menschlichkeit ist das Stärkste, was wir geben können."

In Europa dominiere die Wahrnehmung über Israel. Die Bedingungen, unter denen die Palästinenser lebten, seien hierzulande weniger bekannt. "Die zionistische Strategie auf der Westbank ist Landraub, wir sind die Besetzten, Zerrissenen", beklagt sie. Als Beispiel schilderte sie die Odyssee, die sie bewältigen muss, um via Jericho zum Flughafen zu gelangen. Sieben Checkpoints muss sie passieren, oft mit langen Wartezeiten verbunden. Das Leben werde so schwer gemacht, dass viele verzweifelten, viele das Land verließen.

Die beklemmenden Bilder von meterhohen Mauern und Wachtürmen, die sie ihrem Publikum anhand einer Folienpräsentation zeigte, und die Schilderungen über die ungerechte Rationierung der Wasserreserven, all dies verfehlt seine Wirkung nicht. "Es tut weh, aber wir müssen da durch", macht sie Mut, "wir müssen Demokratie erarbeiten". Streit müsse sein, aber mit Respekt und Würde. Wenn Israel Mauern wolle, dann akzeptiere sie das, aber nur zwischen der Westbank und Israel und nicht mit besiedelten Gebieten.

Im Anschluss an ihren Vortrag bezog sie Stellung zu Publikumsfragen. Dabei ging es etwa um die Situation in Jerusalem, um gewaltlosen Widerstand, um den Mauerbau, oder um die Stellung der Juden in Europa, sowie der Situation zwischen Moslems und Christen. Auf Einwände wie den eines Zuhörers, dass sie Fakten unterschlage und ihre Thesen auf der Basis von Geschichtsklitterung verbreite, war Sumaya Farhat-Naser offenbar vorbereitet. Sie respektiere andere Meinungen, doch sie beziehe sich auf ihre historischen Quellen, entgegnete sie.

Auf die Frage, ob sie einer Vermittlerrolle Deutschlands im Nahostkonflikt nach wie vor ablehnend gegenüberstehe, erklärte sie: "Deutschland kann in vielen Bereichen wichtige Hilfe leisten, aber nicht auf politischem Feld." Am Stand der Buchhandlung Pfister signierte Sumaya Farhat-Naser schließlich ihre im Basler Lenos Verlag erschienen Werke, wie etwa "Verwurzelt im Land der Olivenbäume. Eine Palästinenserin im Streit für den Frieden" oder "Disteln im Weinberg".

Autor: Susanne Müller