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15. Mai 2010

"Gut, dass es öffentlich wurde"

Nach BZ-Bericht über Misshandlungen in ehemaligen Kinderheimen kümmerte sich die Caritas um rund ein Dutzend weitere Opfer.

  1. Caritas-Chef Martin Riegraf (links) und Pro-Juve-Abteilungsleiter Dieter Weisser kümmerten sich in den vergangenen Wochen intensiv um Opfer von Misshandlungen in den einstigen Kinderheim St. Fridolin und Marienwald. Foto: katja mielcarek

BAD SÄCKINGEN/RICKENBACH. Turbulente Wochen liegen hinter Martin Riegraf, Geschäftsführer des Caritasverbandes Hochrhein, und Dieter Weisser, Abteilungsleiter bei Pro Juve. Nachdem Betroffene der Badischen Zeitung von Misshandlungen in den Kinderheimen St. Fridolin in Bad Säckingen und Marienwald in Rickenbach berichtet hatten, meldeten sich bei ihnen noch rund ein Dutzend weiterer ehemaliger Bewohner mit ähnlichen Geschichten.

"Es war gut, dass dieses Thema öffentlich wurde", betonen Martin Riegraf und Dieter Weisser im Gespräch mit der Badischen Zeitung. Gut in erster Line für die früheren Opfer, die in den meisten Fällen auch heute noch schwer unter dem Erlebten leiden. Gut aber auch für die Pro Juve Caritas Jugendhilfe Hochrhein, die die beiden Heime im Jahr 2000 vom Schwesternorden vom Heiligen Kreuz in Altötting übernommen hat. Rund ein Dutzend Betroffener aus ganz Deutschland hat sich seit dem BZ-Bericht am 25. März bei der Pro Juve gemeldet. Ihnen sei es vor allem darum gegangen, nach langen Jahren des Schweigens ihre Geschichte erzählen zu können und mit ihren Erinnerungen auf echtes Interesse zu stoßen. "Abrechnung oder gar Strafverfolgung war nie ein Thema", sagt Weiser. "Wie ein roter Faden durch fast alle Gespräche hat sich auch die Frage nach den heutigen Verhältnissen in den beiden Heimen gezogen", ergänzt Riegraf. "Die Bewohner von damals wollten einfach sicher sein, dass das, was sie erlebt hatten, heute nicht mehr möglich ist." Einige ließen sich die heutigen Einrichtungen zeigen, andere wollten ihre Akten von damals sehen. Immer war Fingerspitzengefühl gefragt. "Es gab schon die Situation, in denen ich mich gefragt habe, ob mein Gesprächspartner in der Lage ist, den Inhalt seiner Akten richtig einzuordnen", erzählt Riegraf. Mit Dieter Weisser war er sich einig, dass es in den Gesprächen nicht darum gehen konnte, die ehemaligen Bewohner der Heime zu therapieren. "Wir haben in erster Linie zugehört."

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Der BZ-Artikel hat nicht nur viele ehemalige Bewohner der Kinderheime erschüttert, sondern auch die Schwestern, betont Martin Riegraf. Aber er habe auch dazu geführt, dass viele der Schwestern Zuspruch von ehemaligen Schützlingen bekommen haben. "Es gab durchaus auch die Signale, dass sie eine gute Arbeit gemacht haben", sagt Martin Riegraf. "Das hat mich gefreut." Anhand der Berichte der Betroffenen können Riegraf und Weisser eine gewisse Entwicklung in den Kinderheimen nachvollziehen, die auch der in anderen Einrichtungen entspreche. Am schlimmsten sei die Situation wohl in den 50er und der ersten Hälfte der 60er Jahre gewesen. Die Öffnung der Erziehungsstile in der Gesellschaft habe sich in den Heimen niedergeschlagen. Je später die Betroffenen in den Heimen waren, desto eher betonen sie, dass es positive Erlebnisse gegeben habe.

Auch wenn die vergangenen Wochen nicht sehr angenehm gewesen seien, sind Riegraf und Weisser dennoch froh, dass die Misshandlungen in den Heimen in Bad Säckingen und Rickenbach öffentlich wurden. "Nach den Diskussionen, die in den vergangenen Monaten in den Medien stattgefunden haben, war klar, dass kein Betreiber einer Kinder- und Jugendlichenbetreuungseinrichtung davon ausgehen konnte, dass gerade dort kein Missbrauch oder keine Misshandlungen stattgefunden haben; deswegen waren wir beinahe froh, dass wir Bescheid wussten und aktiv werden konnten", sagt Riegraf. Er betont, dass Pro Juve und damit auch die Caritas zwar nicht nicht im rechtlichen Sinne verantwortlich für die Geschehnisse in der Vergangenheit ist, sich aber sehr wohl verantwortlich für die Betroffenen fühlt und ihren Teil zur Bewältigung der Folgen beitragen will. "Wir sind deshalb auch weiterhin für jeden Betroffenen immer ansprechbar."

Autor: Katja Mielcarek