Inklusion als Wettbewerbsvorteil

Christiane Weishaupt

Von Christiane Weishaupt

Sa, 05. Januar 2019

Bad Säckingen

Im Hotel St. Fridolin in Bad Säckingen arbeiten mehr Mitarbeiter mit Behinderung als ohne / Gute Bewertungen im Internet.

BAD SÄCKINGEN. Im Hotel St. Fridolin in Bad Säckingen arbeiten mehr Mitarbeiter mit Behinderung als ohne. Niels Bosley könnte gar nicht mehr auf sie verzichten. Seine Erfahrungen als Hotelmanager in dem Inklusionsbetrieb, der vor gut neun Jahren im ehemaligen Kinderheim an der Hasenrütte seine Pforten öffnete, sind so gut, dass er die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch anderen Hoteliers empfiehlt.

Die "Frühstücksfee"

Wenn Corinna Apel Frühdienst hat, beginnt ihr Arbeitstag im Hotel St. Fridolin morgens um halb sieben. Dann stellt sie Wurst- und Käseplatten, Müsli, Joghurt, Marmelade und alles, was zu einem guten Frühstück gehört, zu einem appetitlichen Buffet zusammen. "Um sieben muss es fertig sein", sagt die 39-Jährige. "Sie ist unsere Frühstücksfee", sagt ihr Kollege Winfried Müller und lacht. Der 33-Jährige schaut in dem Hotel mit 24 Zimmern nach dem Rechten, meldet, wenn etwas nicht funktioniert, packt mit an, wo Hilfe nötig ist, arbeitet auch in der Küche und weist Gäste in ihre Zimmer ein. "Ich bin Allrounder", sagt Müller und schiebt wieder dieses entwaffnende Lachen hinterher. Müller und Apel sind zwei von zehn Mitarbeitern mit vorrangig geistiger Behinderung, die im Hotel St. Fridolin sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Im Partnerhotel Rheinsberg sind es fünf. In beiden Hotels arbeiten insgesamt acht Mitarbeiter ohne Behinderung.

"Früher war das Verhältnis umgekehrt", sagt Niels Bosley, Geschäftsführer der AwoCaDo Integrationsbetriebe Gemeinnützige GmbH. Ihr gehört das St. Fridolin an der Hasenrütte und sie betreibt auch das Hotel Rheinsberg. Gesellschafter sind Arbeiterwohlfahrt, Caritas und Diakonie. Bevor Bosley im Sommer 2009 die Geschäftsführung im damals neu eröffneten St. Fridolin übernahm, hatte er mehrere Hotels geleitet, aber nie mit behinderten Menschen zu tun. Sie passten damals auch nicht in sein Bild als Leistungsträger. Heute schon. Bosley klingt begeistert, wenn er über die Mitarbeiter mit Behinderung erzählt. "Es sind Menschen, die etwas wollen." Und das sei entscheidend für die Arbeit im Hotel, nicht die Behinderung. "Alles andere kann man lernen." Die Mitarbeiter werden je nach Begabung und Einschränkung angeleitet – teilweise auch von erfahrenen Kollegen, die selbst ein Handicap haben – und üben ihre Aufgaben, bis sie sitzen. Bosley motiviert sie, auch Neues auszuprobieren. "Wir sehen dann, wo die Grenzen sind, aber auch bisher verborgene Talente." Die Mitarbeiter seien oft selbst überrascht, was in ihnen steckt. "Zu unserem Erfolgskonzept gehört auch, dass wir ganz normal miteinander umgehen, egal ob behindert oder nicht", sagt Bosley. Wichtig seien gegenseitiger Respekt und ein verantwortungsvoller Umgang, der die Mitarbeiter mit Handicap davor schützt, ausgenutzt zu werden. "Die Hemmschwelle, sich zu wehren, ist bei ihnen manchmal höher." Wer sich mit einer Behinderung für eine Stelle im Hotel interessiert, muss sich ganz normal bewerben. Derzeit kann Bosley aber keine freien Stellen anbieten.

Grosse Nachfrage

"Es gibt eine große Nachfrage an Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung, die wir nicht erfüllen können." Deshalb wirbt der Hotelier bei den Kollegen in der Gastronomie- und Hotelbranche, mehr Mitarbeiter mit Handicap zu beschäftigen. "Mit ihnen haben wir eine Lösung für den Fachkräftemangel", ist Bosley überzeugt, sieht aber noch viel Aufklärungsarbeit. Viele Arbeitgeber hätten falsche Vorstellungen von einem Beschäftigungsverhältnis mit Behinderten. "Anfangs muss man etwas mehr investieren, aber es ist wirtschaftlich."

Auch ein Inklusionsbetrieb wie das St. Fridolin müsse gewinnorientiert arbeiten. Es bekomme keine Fördergelder oder Finanzspritzen, außer den regulären Zuschüssen, die jeder Arbeitgeber erhält, der Menschen mit Behinderung beschäftigt. "Wir müssen nachhaltig investieren und immer überlegen, was wir noch besser machen können", sagt Niels Bosley. Derzeit arbeite man an einem neuen Internetauftritt unter dem Label "Sapia-Hotels". Preislich ist das St. Fridolin nicht günstiger als vergleichbare Hotels seiner Kategorie und das Preis-Leistungsverhältnis müsse stimmen, betont der 44-Jährige. "Der Gast erwartet zu Recht eine adäquate Leistung für sein Geld", erklärt Bosley. Bei Reklamationen dürfe das Thema Inklusion nie als Ausrede benutzt werden. "Dann hat das Management versagt." Bei den Gästen scheint das St. Fridolin jedenfalls beliebt zu sein: Auf Bewertungsportalen im Internet belegt es mit dem Hotel Rheinsberg die beiden vorderen Plätze unter den dort aufgeführten Bad Säckinger Unterkünften.

Neben der Sauberkeit und der familiären Atmosphäre, gefalle den Gästen vor allem die unverstellte, herzliche Art der Hotelangestellten, sagt Niels Bosley. Besonders beliebt sei das St. Fridolin bei Geschäftsreisenden.