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07. Mai 2015 00:00 Uhr

BZ-Interview

Welchen Einfluss haben Online-Medien auf Partnerschaften?

Immer online sein - das hat auch Einfluss auf Partnerschaften. Warum das Internet für Paare Fluch und Segen zugleich sein kann, erklärt Paartherapeut Wanja Kunstleben im BZ-Interview.

  1. Schöne Momente festhalten – mit dem Smartphone kein Problem. Doch sollte man die gemeinsame Zeit auch mal analog verbringen, sagt Wanja Kunstleben. Foto: Sebastian Kahnert

  2. Wanja Kunstleben Foto: Sina Gesell

In einer Veröffentlichung der Sigma-Akademie Bad Säckingen hat sich der Psychologe und Paartherapeut Wanja Kunstleben mit dem Einfluss von Online-Medien auf Partnerschaften beschäftigt. Der Titel: "Viel Klick in der Liebe". Mit BZ-Redakteurin Sina Gesell sprach Kunstleben darüber, warum das Internet für Paare Fluch und Segen zugleich sein kann.

BZ: Herr Kunstleben, kommen Paare zu Ihnen, für die Online-Medien zum Problem werden?
Kunstleben: Das Thema taucht tatsächlich immer häufiger in Paartherapien auf. Natürlich sind die Neuen Medien nicht das Hauptproblem. Aber innerhalb der Schwierigkeiten, die in Partnerschaften auftauchen, spielen sie durchaus zunehmend eine Rolle.

Wann ist Online-Feierabend, Online-Wochenende oder Online-Urlaub?

BZ: Weil ein Partner dauernd auf sein Handy schaut?
Kunstleben: Die Entwicklung der Neuen Medien geht sehr schnell, eine kulturell gewachsene Antwort darauf gibt es noch nicht. Wir haben nichts, worauf wir zurückgreifen können. Ich rate sehr zu einem bewussteren Umgang und dazu, die Online-Zeit zu rhythmisieren. Wir müssen uns überlegen: Wann ist Online-Feierabend, Online-Wochenende oder Online-Urlaub? Denn auch, wenn ich nur mal zwei Minuten meine Mails checke, nach zehn Minuten aber noch mal, dann bin ich die Zeit dazwischen auch nicht offline, sondern in Gedanken noch verbunden. Das stört auch die Nähe zwischen einem Paar.

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BZ: Also ist die ständige Erreichbarkeit problematisch?
Kunstleben: Das ist einer der Hauptstressfaktoren, aber einer, an den wir uns gewöhnt haben – ein Hintergrundgeräusch, das wir schon gar nicht mehr wahrnehmen. Intime Nähe aber braucht zwei Dinge: Exklusivzeit und Qualitätszeit. Zeiträume, in denen wir als Paar ungestört sind und uns begegnen können.

BZ: In Ihrem Artikel sprechen Sie auch Kontrollmöglichkeiten an.
Kunstleben: Man kann über Whats-App kontrollieren, wann der andere zum letzten Mal online war. Und wenn das gestern Nacht um zwei war, fragt man sich vielleicht schon, was er da gemacht hat. Und wer ganz misstrauisch ist, beginnt das Handy seines Partners zu durchsuchen.

BZ: Geben das Ihre Patienten zu?
Kunstleben: Das erschreckt mich auch manchmal. Viele sagen offen: ,Ich habe im Handy geschaut und etwas gefunden.’ Eifersucht und Kontrolle gab es schon immer, aber der Nährboden dafür ist durch die Neuen Medien viel fruchtbarer.

Die Ansprüche an die Partnerschaft sind riesengroß.

BZ: Das Internet bietet aber auch viele Möglichkeiten, was die Partnersuche betrifft.
Kunstleben: Seriöse Partnerportale sind heutzutage eine gute Möglichkeit, jemanden kennenzulernen. Es kann aber auch sehr anstrengend sein, weil man sich durch tausende Profile klicken muss. Wenn man sich von Rückschlägen nicht abschrecken lässt, kann man auf diesem Weg durchaus jemanden finden, der gut zu einem passt. Die analoge Nähe muss nach der Annäherung im Chat aber erst noch nachwachsen.

BZ: Ist es heute schwieriger, einen Partner zu finden?
Kunstleben: Das kann man so nicht sagen. Die Nachkriegsgeneration ist emotional und materiell noch eher unterversorgt worden und die Generation, die jetzt nachkommt, hat von allem fast schon zu viel. Deshalb sind die Ansprüche an die Partnerschaft riesengroß. Vielleicht empfinden es deshalb viele als schwieriger, sich auf die Bindung an einen Partner einzulassen.

Wanja Kunstleben ist 39 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der Diplom-Psychologe arbeitet im Sigma-Zentrum Bad Säckingen und in der Praxis in Freiburg, die er gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Seine Veröffentlichung zum Thema ist unter http://www.sigma-zentrum.de zu finden.

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Autor: Sina Gesell