"Ein Kolb-Erlebnisraum"

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 06. November 2017

Badenweiler

19. Internationales Literaturforum Badenweiler: Im Kurhaus ist eine Sonderausstellung zum 50. Todestag der Schriftstellerin Annette Kolb eröffnet worden.

BADENWEILER. Mit einer detailreichen, fundierten Ausstellung mit mehr als 150 Exponaten würdigt Badenweiler seine Ehrenbürgerin Annette Kolb zu ihrem 50. Todestag: "Annette Kolb – Bürgerin zweier Vaterländer und literarische Stimme Europas".

Die Ausstellung ist ein Glücksfall: Als Sonderausstellung des Literarischen Museums Tschechow Salon Badenweiler kamen der Präsentation die vielen Kontakte der Deutschen Tschechow-Gesellschaft zu literarischen und wissenschaftlichen Institutionen zugute. Kurator ist Museumsleiter Heinz Setzer. Viele der Exponate stammen aus dem Kolb-Archiv in Badenweiler, wo die Schriftstellerin von 1923 bis 1933 und nach dem Zweiten Weltkrieg sporadisch gelebt und gearbeitet hatte. Weitere Ausstellungsstücke kommen aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und dem Münchner Literaturarchiv Monacensia. Diese Dokumente seien allerdings keine Originale, sondern technisch sehr gute Scans von Handschriften und Fotos, die man aber deswegen auch lesefreundlich vergrößern könnte, sagte Setzer bei der Eröffnung der Ausstellung im Annette-Kolb-Saal des Kurhauses.

Die exzellenten Kontakte Setzers haben es ermöglicht, dass der größte Teil der Ausstellungstexte auch französisch zu lesen ist. Vier ehrenamtliche Übersetzerinnen und Übersetzer haben daran gearbeitet. "Annette Kolb, eine Schriftstellerin, die auszog, die Welt zu verändern", hatte die Festrednerin Hiltrud Häntzschel ihren Vortrag überschrieben. Die freie Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin ist prädestiniert für dieses Thema, hat sie doch zusammen mit ihrem Mann Günter Häntzschel eine vierbändige, kommentierte Werkausgabe von Annette Kolb vorgelegt, die im kommenden Monat im Wallstein-Verlag erscheint. "Helfen Sie uns zu einer Gesamtausgabe all Ihrer Bücher", hatte schon 1955 der Romanist und Literaturwissenschaftler Ernst Robert Curtius die Schriftstellerin Annette Kolb gebeten. Sie hatte in jenem Jahr den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhalten – und den Ehrenbürgerbrief der Gemeinde Badenweiler. Curtius und die Dichterin erlebten diese Werkausgabe nicht mehr.

"Die Aufforderung von Curtius haben wir uns zu Herzen genommen", sagte Häntzschel. Drei Romane, zahlreiche Erzählungen, Feuilletons und biografische Porträts füllen die vier Bände. In ihrem Vortrag zeichnete Häntzschel das Bild einer ungewöhnlichen Frau, die sich zeitlebens mit "Fräulein" ansprechen ließ und trotzdem eine starke, selbstständige Persönlichkeit war. Als "begnadete Autodidaktin" eignete sie sich das Wissen und die Belesenheit an, die Frauen zur Zeit der Jahrhundertwende an den Universitäten verwehrt war. Annette Kolb, Jahrgang 1870, Tochter eines bayrischen Gartenarchitekten und einer französischen Pianistin, erlebte Zeiten gewaltiger Umbrüche von der Kaiserzeit "bis in die erwachsen gewordene Bundesrepublik". Die Zugehörigkeit zu zwei Vaterländern erlebte sie nach Häntzschel als "beglückende Bereicherung und als mörderischen Zwiespalt während des Krieges". Mit dem Theodor-Fontane-Preis 1913 für ihren Erstlingsroman "Das Exemplar" wurde sie einem breiteren Publikum bekannt. Im Ersten Weltkrieg äußerste sie unerschrocken pazifistische Ansichten, die ihr viele Feindschaften, Zensur und Postüberwachung eintrugen. Sie emigrierte 1916 in die Schweiz.

Das Kapitel 1923 bis 1933 hat Häntzschel mit "Trügerische Ruhe" überschrieben, eine Zeit von glücklichen Jahren, die Kolb als Nachbarin von René Schickele in Badenweiler verbrachte. Die Fotos zeigen sie unter anderem mit ihrem Pudel auf der Terrasse ihres Hauses an der Kanderner Straße, eine mondäne Dame immer mit Hütchen, meist mit Zigarette, die sie elegant in einer langen Spitze hält. Zu ihren Besuchern in Badenweiler zählte auch die Familie Mann. 1933 emigrierte Annette Kolb nach Paris und 1941, als 71-Jährige, nach New York. 1945 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Thomas Mann hat sie als Jeanette Scheurl in seinem "Doktor Faustus" porträtiert, mit der ihm eigenen delikaten Arroganz ihr "reizend inkorrektes Privatidiom" und ihr "elegantes Schafsgesicht" festgestellt. Freundlicher war die Karikatur von Olaf Gulbrannsson, der als Mitarbeiter des Satirezeitschrift Simplicissimus die schreibende Annette Kolb zeichnete. Ein weiteres nicht schriftliches Exponat der Ausstellung ist die Bronzebüste der Dichterin, die Georg Kolbe um 1919 geschaffen hat. Die Ausstellung soll mit ihrem Mix aus gut aufbereiteten Texten und aussagekräftigen Gegenständen einen "Kolb-Erlebnisraum" schaffen, der neugierig macht, wünschte Setzer dem Vernissage-Publikum.

Internationales Literaturforum Badenweiler; Ausstellung zum 50. Todestag Annette Kolbs; Kurhaus Badenweiler; bis 26. November, täglich 10 bis 19 Uhr; Eintritt frei.