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08. Juli 2013

Faszinierende Fingerakrobatik

Claus Boesser-Ferrari im Kunstpalais Badenweiler: Das Publikum kann von seinen Kompositionen gar nicht genug kriegen.

  1. Claus Boesser-Ferrari begeisterte mit seinen außergewöhnlichen Gitarrendarbietungen im Café Art im Kunstpalais. Foto: Bianca Flier

BADENWEILER. Mit virtuosen Darbietungen begeisterte Claus Boesser-Ferrari bei der jüngsten Matinée im Kunstpalais sein Publikum. Der deutsche Gitarrist, dem international der Ruf eines stilprägenden Klangästheten vorauseilt, überzeugte mit meisterlicher Technik, genialer Gestaltungskunst und facettenreichen Kompositionen und Bearbeitungen.

Der intime Rahmen des Art-Cafés erzeugte eine ungezwungene Atmosphäre und machte es den Hörern möglich, dem Künstler aus nächster Nähe auf die Finger zu schauen. Schnell wurde klar, dass Boesser-Ferrari ein Ausnahmemusiker ist: Stilistisch voller Überraschungen, technisch versiert, authentisch. Einer, der nicht einfach spielt, sondern ganze Klanglandschaften entstehen lässt.

Zum Auftakt präsentierte Claus Boesser-Ferrari in einer Art sinfonischer Reise eine Reihe von Stücken mit faszinierenden Kontrastbildern. Sphährenklänge leiteten "Polar" ein, eine Klanghommage an den Antarktisforscher Sir Robert Scott. Fast unmerklich der Übergang an das indianisch beeinflusste "Keeper of the plains". Adaptionen des Doors-Hit "Light my Fire" mündeten in die Eigenkomposition zweier Balladen, und das Ganze endete in einer fulminanten Bearbeitung von Mongo Santamarias "Afro Blues".

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Gebannt lauschten die Hörer dem genialen Spiel und starrten verwundert auf die Fingerakrobatik, die sich bei Boesser-Ferrari keineswegs auf die Saiten des Instrumentes beschränkt. Er benutzt die Gitarre für effektvolle Percussion-Sequenzen, wobei nicht nur die Finger, sondern auch schon einmal ein Rhythm-Stick zum Einsatz kommt. Man glaubt, eine ganze Band zu hören, und es ist erstaunlich, mit welch minimaler Elektronik das funktioniert. Mit trockenem Humor, der immer wieder Lacher erzeugt, kommentiert Boesser-Ferrari seine Darbietungen. In seiner "Musik von unechten Indianern" gibt er sich gefühlvoll und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern Kindheitsreminiszenzen an die Karl-May-Verfilmungen mit Pierre Brice hin. Das Stück nimmt sich liebevoll der Klischees des Soundtracks von "Der Schatz im Silbersee" an. Am Ende steht so etwas wie eine Vision vom einsamen Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet.

Ein weiteres Kabinettstückchen: Der Soundtrack zu der unglaublichen Geschichte der Besiedelung der kleinen Galapagosinsel "Floreana" durch ein Berliner Paar – eine Auftragsarbeit des Züricher Schauspielhauses, die Boesser-Ferrari mit Witz und Gefühl als köstliche "Schweizer Inselmusik" inszeniert hat. Inselromantischen Verfremdungen inklusive.

Ein großartiger Reigen von Adaptionselementen

Ein anderes Auftragsstück, der Soundtrack zu einer Filmreportage über das "Teatro Amazonas" spielt raffiniert mit kultivierter Melodik und bedrohlichen Dschungelgeräuschen. "Zuccos Thema" ist ein Stück über den italienischen Serienmörder Robert Succo. Boesser-Ferrari wurde zu dieser sehr lyrischen Komposition auch durch Bernard-Marie Koltès’ gleichnamiges Theaterstück über den Killer inspiriert.

Wie die Sätze einer Sonate folgten Klänge von Sting, das jiddische Lied "Der Rebbe tanzt" und Kurt Weills "Lied von der Frau des Soldaten". Temporeich, mit Dissonanzen ausgeschmückt, stark in den Kontrastbildern.

Das Finale gestaltete der Künstler mit einem großartigen Reigen verschiedener Adaptionselemente: Zunächst eine gelungene Stilmelange, inspiriert von dem indianischen Jazzsaxophonisten Jim Pepper, dann heftige Rockklänge von Fleetwood Mac und schließlich Jan Garbareks "Witchi Tai to". Donnernder Applaus am Ende und zwei Zugaben!

Autor: Bianca Flier