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28. Februar 2013

Perfektion des Unperfekten

Neun Künstler des Kunstpalais-Vereins zeigen in Badenweiler "halbe Sachen" / Vernissage im Kunstpalais ist am Samstag.

  1. Abwechslungsreich ist die neue Ausstellung im Kunstpalais – mit Werken wie dem Torso von Jochen Böhnert, dem blauen Laub von Pia Bolduan-Schlenk und den surrealen Zeichnungen von Wolf Höss (von links). Foto: Drescher

  2. Foto: Andrea Drescher

  3. Foto: Andrea Drescher

BADENWEILER. Halbe Sachen – wer macht denn sowas? Die Künstler des Kunstpalais in Badenweiler tun’s. Und zwar für eine Ausstellung mit eben diesem Titel: "Halbe Sachen" lassen dem Betrachter Raum, sich die andere Hälften hinzuzudenken. Sie geben aber auch den Kreativen die Möglichkeit, auf die Perfektion zu verzichten und manches nur anzudeuten. Wenngleich ein Rundgang durch die Ausstellungsräume vom Gegenteil zeugt: Spannend, abwechslungsreich und keinesfalls unperfekt ist diese Gruppenausstellung, die am Samstag eröffnet wird, geworden.

Wo es ging und wo es passte, hat jeder der neun Beteiligten aus dem Kunstpalais-Verein einen eigenen Raum bestückt. Wer die Treppe hinauf und in die Galerie kommt, dem sticht als erstes ein Bild mit zwei getrennten Gesichtshälften ins Auge: Es gehört zu den verfremdeten Fotografien von Uli Pfeiffer, die den Betrachter auf der Suche nach dem richtigen Standort und dem passenden Licht zu schwankenden Tänzen verführen, denn Gesichter und Körper sind teilweise nur noch als schwarze Schemen auf dunklem Grund zu erkennen, fast wie bei einem altmeisterlichen Werk mit dicker Patina.

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Uli Pfeiffer ist, ebenso wie seine Frau Tina Pfeiffer, neues Mitglied in der Künstlergruppe des Vereins. Beide arbeiten völlig unterschiedlich. Tina Pfeiffer malt: Ihr großformatiges Werk zeigt ein in der unteren Hälfte zerfließendes Gesicht, eines, das einem bekannt vorkommt, wenn man es im Geiste ergänzt. Hängt da ein verrutschtes Hitlerbärtchen oder nicht?

Das "halbe Sachen" Spaß machen können, beweist Wolf Höss mit seinen Zeichnungen, die mit hauchfeinem Tuschestift entstehen – und ein heiterer Quell für die Fantasie sind. Tiere, Körperteile, Pflanzen, Häuser, Technisches: Alles vermischt sich wild, aber perfekt gezeichnet. Das lässt sich schauen, spinnen und sinnieren, was sich der Künstler dabei wohl gedacht haben könnte. Doch der weiß beim Zeichnen nach eigenen Angaben selbst nicht, was am Ende auf dem Blatt zu sehen sein wird; er arbeitet aleatorisch, überlässt es dem Zufall, was entsteht.

Assoziieren, dazu regen auch die vielschichtigen Acrylarbeiten von Micaela Bauer an. Wer sich auf sie ein- und mit ihnen treiben lässt, sieht plötzlich Landschaften, Wellenberge oder Unwetterfronten, fühlt sich hineingezogen in die Tiefe berauschender Farbwelten.

Gegenständlicher setzt Andrea Gawaz die Farben ein. Dabei geht sie nah heran, teilt und viertelt etwa einen übergroßen Granatapfel und setzt in ihrem in Rot- und Orangetönen leuchtendem Diptychon eine angeschnittene Nackte zwischen Schweinerhälften in einem Schlachthaus – auf den Fleischbeschauer wartend?

Ebenfalls von starken Farben bestimmt sind die Bilder von Gerlinde Dettling. Aber hier spielt auch die durchscheinende Struktur des bemalten Seidenstoffs oder der verknitterten Seidenpapierlage über der Leinwand eine Rolle. Auf feinen, verästelten Faltungen fließen die Farben in Bändern mal von oben nach unten, mal von links nach rechts. Ruhe ist angesagt.

Dagegen könnte man nebenan fast glauben, das Rascheln von Laub im Wind zu hören: Wo Pia Bolduan-Schlenk zugange war, ist der Betrachter umgeben von einem bläulichen Blätterwald, in dem einzelne gelbe und orangefarbene Flecken aufblitzen. Es fehlt nur noch die frische Prise, die dieses plastisch-pastose, dann wieder fein gemalte Laub aufwirbelt.

Vor zu kräftigen Böen möchte man hingegen die Metallskulpturen von Jochen Böhnert schützen. Trotz ihres Materials wirken sie filigran und zerbrechlich, der männliche Torso aus verrosteten Blechbüchsen scheint kurz vor dem Verfall zu stehen, der linke Fuß eines nackten Paares wirkt verkrüppelt, die zwei kleinen Segel aus Draht sind zwar gebläht, aber nicht wirklich für Stürme geeignet.

Das gilt erst Recht für die poetischen Glasbilder von Friedemann Hergarten, die je nach Lichteinfall in starken Farben leuchten und dennoch durchscheinend bleiben wie bei der engelsgleichen Figur, deren Flügel aus zwei roten Herzhälften bestehen. Hier zeigt sich, wie zwei halbe Sachen ein perfektes Ganzes bilden.

Die Ausstellung "halbe Sachen" im Kunstpalais in Badenweiler ist vom 2. März bis 14. April zu sehen: Mittwoch bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Vernissage ist am Samstag, 2. März, um 17 Uhr; einen Rundgang mit den Künstlern gibt es am Sonntag, 17. März, um 16 Uhr.

Autor: Andrea Drescher