Mister Badminton

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 19. Oktober 2018

Badminton

Der Weiler Günther Huber war als Badminton-Entwicklungshelfer weltweit tätig                               und hat den Sport vor dem olympischen Aus bewahrt.

BADMINTON. Günther Huber hat Badminton geprägt. Weltweit. Der Weiler war Nationaltrainer in Deutschland, der Schweiz und in Kanada, war dreimal bei Olympia und hat den Badmintonsport vor seinem Aus bewahrt.

1968 war ein Jahr, das die Welt verändert hat. Nach 50 Jahren zeichnet sich zwar vielerorts Erinnerungsmüdigkeit ab, der Blick auf das Jahr lohnt aber weiterhin. Ein Geschichte der besonderen Art begann damals, die von Günther Huber. Mit einem einfachen Erfolgsrezept: Badminton durch Badminton.

"Alles fing 1968 an", erinnert sich der 68-Jährige heute. Huber gehört zu den Gründungsmitgliedern der Brombacher Badmintonabteilung. "Ich bin da eher zufällig reingerutscht", erzählt Huber, der erzählen kann, wie es nur Leute können, die das Reden vor großen Gruppen gewöhnt sind. "Er ist pädagogisch extrem fähig, und kann charmant, humorvoll und faszinierend Dinge rüberbringen", findet Lieven van der Hoofd. Der Jugendwart des BC Eimeldingen hat den Badmintonlehrmeister vor drei Jahren zurück an den Hochrhein gelotst. Seitdem gibt der A-Lizenzinhaber sein Wissen hier weiter.

Und an Badmintonwissen ist Huber in Deutschland wohl unübertroffen. Obwohl er bis zum Studium nichts mit dem Schlägersport zu tun hatte. An der PH Lörrach studierte er Sport und Mathe. Weil die Brombacher ihn darum baten, ihre Einheiten zu leiten, forderte er im Gegenzug, eine Trainerausbildung machen zu dürfen. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf: Hubers Run durch die Badmintoninstitutionen der Weltgeschichte.

Größen wie die spätere Bundesligaspielerin Elke Drews aus Weil, Edi Klein (Konstanz) und die Schopfheimerin Nicole Grether bildete er in seinen ersten Jahren in Brombach aus. Der Landesverband wurde rasch aufmerksam, beförderte ihn 1978 zum Landestrainer. 350 Mark im Monat bekam er da. "Ich habe Training zum Preis von einer Schachtel Zigaretten gegeben." 1984 schloss Huber die höchste deutsche Trainerausbildung ab, wurde Juniorennationalcoach. Der ausgebildete Lehrer reduzierte sein Deputat auf 50 Prozent, beim Wechsel zum Schweizer Verband ließ er sich vom Schuldienst beurlauben. 1992 kehrte er als Sportdirektor zum deutschen Verband zurück. Als der chinesische Nationaltrainer Deutschlands, Xu Quanheng, 1992 mitten in der Olympiavorbereitung zurücktrat, übernahm Huber und betreute das Badmintonteam bei Olympia in Barcelona. 1996 war er in Atlanta als Teammanager für die Gesamtorganisation des Olympiateams zuständig. "Nach sechs Jahren Managementjob wollte ich etwas anderes machen", sagt Huber, der 1998 von den Kanadiern verpflichtet wurde: Panamerican Games 1999, Sydney 2000, Commonwealth Games 2002 – auch die Liste der Huberschen Highlights mit dem kanadischen Nationalteam ist lang.

An den Kern der Bedeutung Hubers für den Weltbadmintonsport gelangt man aber erst mit dem folgenden Kapitel. Anfang des Jahrtausends heuerte er beim europäischen Verband an. "Da gab es wenig Strukturen", wie er betont. Folglich reiste Huber quer durch Europa und erklärte den unterschiedlichen Ländern seine Philosophie. "Ich war so etwas wie Entwicklungshilfecoach, habe in Polen, der Türkei, Spanien, Litauen gezeigt, wie Badminton geht." Sein Konzept ist ein Einfaches: durch Spielen lernen. "Wir wollen Spielkompetenz schaffen: Wissen schaffen, damit die Kinder mit Wissen schaffen können." Stupide Technikeinheiten gibt es bei ihm nicht. Der Lizenzinhaber der höchsten schweizerischen und kanadischen Trainerstufen kreiert für seine Lehrlinge Problemsituationen. Aus denen müssen sich die Spieler befreien. Und somit Lösungsrepertoires entwickeln – Badminton durch Badminton.

Dass diese Formel aufgeht, zeigt sich mit Blick auf seine letzten beiden Stationen. 2005 wechselte Huber zum internationalen Verband in Luxemburg, um dort Badminton als Performance Direktor vor seinem olympischen Aus zu retten. Das IOC hatte gefordert, mindestens 50 Länder bei Olympia antreten zu lassen. 30 waren es 2004 noch gewesen. Das Komitee wollte zu den Spielen in Peking einen Beweis, dass der Sport nicht nur in Asien betrieben wird. Huber gründete drei Welttrainingszentren: eins in Saarbrücken, eins in Guangzhou, China, und eins in Sofia, Bulgarien.

"Dorthin haben wir die ein bis zwei besten Spieler aus verschiedenen Ländern für einen Monat zum Training eingeladen." 16 von 17 Athleten, die er in Saarbrücken betreute, packten es zu Olympia. Erstmals waren Badmintonschwellenländer wie Sambia, Kenia oder Tschechien vertreten. Dazu mussten diese in die Top-100 der Weltrangliste aufsteigen. Um zu spielen wie die Besten, reiste er mit seinen Lehrlingen zu den Besten: "Wir haben bei den Weltklasseleuten abgeschaut, waren mit unseren Leuten acht Wochen in Indonesien, zehn Wochen in China."

2008 schließlich wechselte Huber ein letztes Mal den Job: In Lausanne betreute er das Büro des Weltverbands und kümmerte sich um die Kontakte zum IOC. Seitdem er dort 2010 die Segel strich, betreut er in Europa gelegentlich unterschiedliche Talente auf ihrem Weg, beispielsweise mehrere Jahre lang die Bulgarinnen Gabriela und Stefani Stoeva, Doppel-Europameisterinnen von 2018.

Zum Jubiläum seiner eigenen Karriere ist er großteils zu seinen eigenen Wurzeln zurückgekehrt. In Eimeldingen leitet er zwei Einheiten, zu denen immer wieder internationale Topspieler kommen. Am Samstag ist die Bulgarin Linda Zetchiri, Nummer 43 der Weltrangliste, in der Lörracher Wintersbuckhalle zu Gast. Dort trainiert die Olympia-Teilnehmerin von 2016 unter Hubers Anleitung von 9 bis 12.30 Uhr unter anderem mit deutschen und schweizerischen Kaderspielern.

"Ich helfe hin und wieder Freunden hier und da, das macht riesig Spaß", betont Huber. Und so treibt er sich mal am Hochrhein, mal in der Türkei, mal in Rumänien rum. Immer auf der Suche nach Talenten. Immer mit Rat und Tat zur Seite stehend: der Entwicklungshilfecoach, dessen Story sich zum 50. Mal jährt.