Ein Hoffnungskonzert gegen Herbst-Blues

Sabine Model

Von Sabine Model

Mo, 30. Oktober 2017

Ballrechten-Dottingen

Chor Temporal stellt bei einem Kirchenkonzert in Ballrechten-Dottingen erneut sein Können unter Beweis / Dirigent Thomas Wiedenhofer prägt den Anspruch.

BALLRECHTEN-DOTTINGEN. Draußen ist es stürmisch, kalt und grau. Doch in der St. Erasmuskirche bewegt sich der Chor Temporal auf den Spuren der goldenen Herbstsonne. Er liebt, träumt und hofft in allen Farben und Facetten. Erinnernd, sentimental, stürmisch und virtuos. Gospels, Jazz-Standards und Pop-Songs entfalten ihre Eigenarten. Man glaubt, sie zu kennen und erlebt sie unter der Leitung von Thomas Wiedenhofer doch immer wieder überraschend neu. Temporal ist kein Chor wie mancher andere. Eher unkonventionell und unverwechselbar.

Die Fangemeinde aus dem Markgräflerland, dem Elsass und der Schweiz hat sich auf den Weg nach Ballrechten gemacht und füllt die Kirche mit gespannter Erwartung. Der Chor ist vorbereitet. Ein Probenwochenende in Schramberg hat dem Programm den letzten Schliff verliehen. Unbeeindruckt von der Publikumskulisse nimmt Thomas Wiedenhofer seinen Platz am Dirigentenpult ein. Entschlossen, dem Chor alles zu entlocken, was an Potenzial in ihm steckt. "Go down, Moses" – das traditionelle, afrikanisch-amerikanische Spiritual flutet kraftvoll den Kirchenraum. Das einzigartige Arrangement nimmt Sängerinnen, Sänger und Zuhörer gleichermaßen mit. Die treibenden Melodielinien spiegeln die Dynamik der Sehnsucht nach Freiheit wider, getragen von einer energiegeladenen Laufbegleitung mit Sonja Hänig am Keyboard.

Das bekannte Volkslied "Die Gedanken sind frei" erreicht in der ungewöhnlich rockig-rhythmischen Fassung von Oliver Gies eine fast sphärische Ausstrahlung. Ein Hauch von Moll-Charakteristik und eine Spur von Dur beherrschen den Titel "Autumn Leaves". Denn die bunten, lichtdurchfluteten Schattierungen sterbender Blätter und verwehende Spuren einer unvergesslichen Liebe wirken versöhnlich in meisterhaftem Wohlklang. Wie beflügelt schwingt sich "Follow the Golden Sun", das Mottolied des Konzerts, zur Sonne. Den Wind jagen, funkelnde Sterne halten, das sind die Träume, die warm und weich, dann jedoch wieder entschlossen ausdrucksstark interpretiert werden. Trotz und Traurigkeit, Zynismus und Kummer schwingen mit in den großen Intervallsprüngen und kleinen Tonschritten von "Don’t Get Around Much Any More". Aber "When I Fall in Love" – wenn ich mich verliebe, dann für immer – ist ein gefühlvoller Titel, in den die Solistin Ingrid Krafft viel Herzblut legt. Zwischen Schwermut und Glück bewegt sich "Kiss From a Rose". Ohne jegliche Gefühlsduselei verwandelt Temporal den Popsong in ein emotionales Feuerwerk.

Seit 27 Jahren haben sich die derzeit 27 Chormitglieder kontinuierlich entwickelt. An Nuancen der Stimmenvielfalt, präzisen Ausprägungen musikalischer Befindlichkeiten, am Kolorit unterschiedlicher Rhythmen haben sie gearbeitet und ein herausragendes Niveau erreicht. Als unerbittlicher Inspirator, Motivator und manchmal auch ein bisschen als Diktator hat Thomas Wiedenhofer sie in diese Kategorie geführt. Der inspirierende Pop-Gospel "You Raise Me Up" gilt zwar nicht vorrangig ihm. Zur Höchstleistung ermutigt hat er den Chor aber allemal. Die schwärmerische Popmusik-Ballade "She was Beautiful" demonstriert eindrücklich, zu welcher Gesangsakrobatik die Stimmen fähig sind. Mit fordernden Blicken, Gesten und Mimik führt Wiedenhofer weiter durch leidenschaftlichen Jazz und zündet "Fly Me to the Moon" zum Abheben. Gleich wieder geerdet, empfindsam und melancholisch streift der Chor durch "Fields of Gold", wo sich Ähren im Sonnenlicht wiegen, während die Spuren einer Liebe verwehen.

Alles geben und alles nehmen ist Thema von "All of Me" und Maßstab für die Interpreten, die auch diesmal wieder zur Bestform auflaufen und nach jedem Beitrag den begeisterten Applaus genießen. Dankbar entführen sie ihre Zuhörer an den Ort der Träume, irgendwo jenseits des Regenbogens "Somewhere over the Rainbow". Harmonisch-melodisch, aber immer mit der unverkennbaren Handschrift des Chorleiters. Das andächtig-betonte "Bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden" der Motetten-Komposition "Abendlied" von Josef Rheinberger deutet mit leisem, homophonem Ausklang das Konzertende an. Doch die Zuhörer fordern mehr, dürfen noch einmal der goldenen Sonne folgen und sich von strahlenden Stimmen tragen lassen. Ein Hoffnungskonzert gegen Herbst-Blues.