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12. November 2017 16:38 Uhr

Literatur

95 Veranstaltungen, ein Festival: die Buch Basel 2017

Lesungen in Schaufenstern und Fahrradläden, ein unerhörter Schwerpunkt und die Verleihung des Schweizer Buchpreises: Das Literaturfestival Buch Basel in Streiflichtern.

  1. Literatur im Schaufenster und in kleinen Happen gehören auch zur „Buch Basel“. Foto: Annette Mahro

  2. Fundstück vom Büchertisch Foto: Annette Mahro

  3. Performance des Schriftstellerkollektivs AJAR im Basler Fahhradladen Obst&Gemüse Foto: Annette Mahro

Die beste Lesezeit ist immer dann, wenn es draußen Bindfäden regnet, stürmt und sich der erste Schnee ankündigt. Wer zudem gerne erst selbst gelesen hätte, was zu Weihnachten en gros bestellt und an Freunde und Verwandte verschenkt werden will, hat um diese Zeit auch noch reelle Chancen. Entsprechend enthusiastisch umlagert war am Wochenende die bereits 17. "Buch Basel". Eine Bühne bot das Literaturfestival auch einmal mehr der Verleihung des zehnten Schweizer Buchpreises an den gebürtigen Berner Lukas Lüscher.

Aufgeschlagen und vorgelesen, diskutiert, moderiert und nachgefragt wurde 95 mal an 31 Spielorten, einem der Markenzeichen des einst als Buchmesse geplanten Festivals. Konnte die Messe schon wegen des räumlich begrenzten Markts kaum funktionieren, findet das inzwischen gewählte Format sehr viel Zuspruch. Dabei wird Wert darauf gelegt, neue Leser zu finden und auch diejenigen anzusprechen, die nicht auf den ersten Blick schon als Vielleser identifizierbar sind.

Autoren neben Weihnachtselchen

Perfekt geeignet sind dafür die Schaufensterlesungen im Kaufhaus Manor. Im Zehnminutentakt beziehen drinnen neben Kandelabern und goldbesprühten Weihnachtselchen Autoren Position, während ihr Publikum draußen auf mit Schaffellen belegten Gartensesseln Platz nimmt und den per Lautsprecher übertragenen Vorträgen lauscht.

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Zum Lesezentrum hatte das Team um die Basler Literaturhauschefin Katrin Eckert einmal mehr das Volkshaus im Kleinbasel gewählt. Hier fanden ein Großteil der Lesungen und Diskussionsrunden Platz. Hier stellten sich die fünf für den mit 40 000 Franken dotierten Buchpreis nominierten Autoren jeweils moderiert einem größeren Publikum vor.

Im Foyer des Volkshauses standen selbstverständlich auch übervolle Büchertische. Hier warteten die gerade nicht anderswo beschäftigten Schriftsteller am Signaturtisch, um das eben Erstandene handschriftlich noch ein bisschen wertvoller zu machen.

Im Volkshaus gebündelt fanden auch alle Veranstaltungen zum diesmal politisch brisanten Schwerpunktthema "Unerhört!" statt, bei dem etwa der indisch-britsiche Autor und Kritiker Pankaj Mishra zu seinem Roman "Das Zeitalter des Zorns" Stellung nahm, in dem er in Zeiten von Donald Trump und Shitstorms von weltpolitisch geringerem Ausmaß zur historischen Analyse des Hasses ansetzt.

Unerhört ist auch der alltägliche Rassismus

Unerhört fanden auch Autoren wie Mohamed Amjahid und Jagoda Marinic den täglichen Rassismus, dem sie sich allein aufgrund ihres Namens oder ihres Aussehens ausgesetzt fühlen. Amjahid ist Sohn marokkanischer Gastarbeiter und Journalist beim renommierten ZEIT-Magazin. Allein aufgrund seines Aussehens wird er regelmäßig zu speziellen Kontrollen aus Schlangen an Flughäfen oder Grenzübergängen gezogen.

Auch die in Deutschland geborene Bühnenautorin und Leiterin eines internationalen Begegnungszentrums, Jagoda Marinic, stammt aus sogenannten bildungsfernen Verhältnissen. Beide haben über den ihnen alltäglich begegnenden und keineswegs nur aus rechtsnationalen Kreisen entgegenschlagenden Rassismus Bücher geschrieben.

Unterhalten haben sie sich mit dem Schweizer Bestellerautor Martin R. Dean, der als Sohn einer Schweizerin und eines Vaters aus Trinidad die Thematik allzu gut kannte.

Speed-Dating mit Nachwuchsautoren

Neben bekannten Autoren will das Festival ausdrücklich Newcomern Raum bieten. Literarische Debütantinnen und Debütanten bewarben sich in Vorstellungsgesprächen der anderen Art nicht um Arbeitsstellen, sondern warben stattdessen um potenzielle Leser.

Frei aufgezogen nach Art des Speed-Datings wurden die Vorstellungsrunden nach jeweils 15 Minuten wieder aufgelöst, bevor das Publikum zum nächsten Vorleser weiter zog. Eine von ihnen war die junge Zürcher Autorin Julia Weber, die einerseits im atmosphärisch kühlen Scope-Musterbüro im Vorstellungsgespräch zu erleben, andererseits aber auch schon für den Schweizer Literaturpreis nominiert war.

So viel Ehre war Semi Eschmamp noch nicht vergönnt. Der in der Schweiz geborene und heute in Berlin lebende Autor, dessen Erstlingswerk den wunderbaren Titel trägt: "Mein erstes Buch schreib ich gleich selbst" war seinerseits im Vorstellungsgespräch zu erleben.

Wenn die Wirklichkeit zu absurd ist

Während Eschmamp seine Geschichten frei aus dem Kopf phantasiert und dabei scheinbar Traumbilder immer neu weiterentwickelt, bleiben andere ganz im klassischen Bild des Vorlesers. Einer wie Elias Hirschl zählt dazu, der mit dem Basler Schauspieler und seinerseits Autor Lucien Haug zu erleben ist. Der erst 23-jährige vormalige Poetry-Slammer, Musiker und Romancier Hirschl hat mit "Hundert schwarze Nähmaschinen" sein bereits drittes Buch vorgelegt, in dem es diesmal um einen Zivildienstleistenden in einer betreuten Wohngemeinschaft für psychisch Kranke geht.

Die Geschichte trägt deutlich autobiografische Züge, wenngleich der "originäre Wiener", wie er sich selbst nennt, im Gespräch gesteht, dass er einiges schon deshalb dazu erfunden hat, weil die Wirklichkeit in diesem Themenfeld oft derart weit über alles Vorstellbare hinausgeht, dass die Story als zu unglaubwürdig abgelehnt worden wäre.

Lesung an der Ledernähmaschine

Hirschl und Haug begegneten sich ihrerseits an einem alles andere als gewöhnlichen Ort. Einmal mehr im Schaufenster, diesmal allerdings mit dem ebenfalls unter Dach und Fach geborgenen Publikum, trafen sie sich zu einer sogenannten Sofalesung in einem Kleinbasler Ledergeschäft.

Auch bei diesem längst auch in anderen Schweizer Städten angebotenen Leseformat stehen die ungewöhnlichen Orte im Vordergrund, ein Sofa ist nicht zwingend erforderlich. Sehr bildhaft fanden Gespräch und Lesung stattdessen an einer großen Ledernähmaschine statt.

Kaum weniger abenteuerlich präsentierte sich auch der ebenfalls in Kleinbasel gelegen Fahrradladen, dessen Name "Obst&Gemüse" vergnügliche Verwirrung stiftet. Hier fand keine Lesung statt, sondern eine Literaturperformance.

Das aus der französischsprachigen Westschweiz stammende vielköpfige Autorenkollektiv AJAR gab dabei Einblick in die Entstehung von Texten, an denen viele schreiben, ändern und korrigieren. Unbedingt lesbar oder gar lesenswert muss am Ende nicht sein, was dabei herauskommt. Der Weg, auf dem es zum Buch kommt, ist da eher das Ziel.
Buch Basel

Gegründet hat die Buch Basel 1998 der Basler Verleger und Autor Matthyas Jenny. Von 2003 bis 2007 wurde das heute als reines Literaturfestival geführte Event mit der Messe Basel organisiert, die sich aus wirtschaftlichen Erwägungen wieder zurückzog. Eine finanziell lohnende Messe wurde die mehrfach an neuen Orten ausgerichtete Veranstaltung nie. Seit 2010 hat die Gesamtleitung die Intendantin des Basler Literaturhauses inne, die für eine neue Beständigkeit steht.

Autor: ama