Ein Phänomen wird beleuchtet

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Fr, 25. Februar 2011

Basel

Eine Diskussion im Literaturhaus Basel zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner.

Der Riesenandrang im Literaturhaus Basel machte es deutlich: Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat ein Werk hinterlassen, das bewegt und polarisiert. Was hat uns Steiner heute noch zu sagen? Wie relevant ist sein Werk? Warum noch Steiner lesen? Um diese Fragen drehte sich die Diskussion zum 150. Geburtstag des Denkers, Philosophen, Goethe-Forschers und Esoterikers.

Auf dem Podium hatte sich eine kompetente Gesprächsrunde versammelt: Die Historikerin, Journalistin und Steiner-Biografin Miriam Gebhardt, der Leiter des Rudolf-Steiner-Verlags, Jonathan Stauffer, und der Philosoph Stefan Brotbeck – beides ausgewiesene Steiner-Kenner – beleuchteten das "Phänomen Steiner" aus verschiedenen Blickwinkeln. Diskutiert wurde vor dem Hintergrund, dass Steiners Impulse eine weit verzweigte Wirkung zeigen, von der Waldorf-Pädagogik über die biologisch-dynamische Landwirtschaft bis zur anthroposophischen Medizin.

Moderator Peter Burri brachte das Stichwort "Ganzheitliches Denken" auf, das ein Modewort geworden ist: "Bei Steiner ist das alles schon drin". Auch Steiners Aussagen zu Grundfragen in Bezug auf Geld, zum Phänomen des Wirtschaftens und der Idee der sozialen Dreigliederung findet Steiner-Experte Stauffer hochaktuell. Wiewohl er kein einfacher Autor und seine Schriften nicht leicht zugänglich und verständlich sind: "Das liest man nicht einfach so nebenbei". Die Runde versteht Steiner nicht als "abgehobenen Denker" vom grünen Hügel in Dornach, sondern sieht seine Gedanken über soziale Verantwortung, menschliche Freiheit, Erkenntnis und Handlungsfähigkeit in das alltägliche soziale Leben übertragbar. Kontrovers diskutiert werden zurzeit nicht nur Steiners Werke, sondern auch drei neue Biografien, die zum Geburtstag des "spirituellen Meisters" herausgekommen sind. Bedenkenswert fand Stauffer, dass es kein anthroposophischer Verlag fertiggebracht hat, zu diesem Anlass eine Biografie herauszubringen. Viel Lob, aber auch heftige Kritik aus anthroposophischen Kreisen bekommt die Steiner-Biografie "Der moderne Prophet" von Miriam Gebhardt. Ungewöhnlich ist, dass sie das Buch nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tod Steiners beginnt.

Sie stellt Steiner "zwischen den Polen Dämonisierung und Heiligsprechung" in objektiver neutraler Optik dar, bettet die Figur Steiner ins historische Umfeld, in das Zeitgeschehen ein, als einen Menschen, der stark in seiner Zeit verhaftet war. Eine Zeit, so Burri, in der viele Menschen ihr Heil in spirituellen und esoterischen Richtungen suchten. Die Autorin will erklärtermaßen auch das Bild vom "anthroposophischen Propheten" gegen den Strich bürsten.

Sie sieht ihn anders, als einen Mann, der stark kontext-orientiert war und sich immer neu weiterentwickelt hat, einen "Kontext-Denker". Die Historikerin sieht durchaus Schnittstellen zwischen der Anthroposophie und der Psychologie.

Am Rande wurden auch verschiedene Aspekte in Steiners Vita und Werk angeschnitten, die immer noch Rätsel aufwerfen: seine übersinnliche Erfahrung und Erkenntnis, seine rastlose Vortragstätigkeit, auch die Frage, ob man manche Äußerungen Steiners als antisemitisch bezeichnen kann. Neue Erkenntnisse kamen zwar bei dieser Diskussion nicht heraus, wohl aber ein differenzierteres, unpolemisches Bild des "modernen Propheten", der auch heute noch viele Reibungsflächen bietet.