Erinnernder Blick nach vorne

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Do, 17. Mai 2018

Basel

Riehener Gedenkstätte für Flüchtlinge zur Zeit des Zweiten Weltkriegs jetzt mit Dauerausstellung.

RIEHEN. Die Gedenkstätte für Flüchtlinge in der Inzlinger Straße in Riehen ist seit sieben Jahren ein Ort des Erinnerns. Mit Eröffnung der Dauerausstellung wurde nun ein weiterer Schritt getan, das Thema Flucht zur Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs erfahrbar zu machen. Denn hinter jeder Zahl stehen immer individuelle Schicksale. Auch Sabine Seidler, Vertreterin der Deutschen Botschaft in Bern, war zur Eröffnung gekommen, und Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat eine Grußbotschaft geschickt.

An den Wänden hängen Tafeln mit Geschichten und Faksimiles von Postkarten, Ausweisen oder Fotografien. Im Hof der Gedenkstätte im ehemaligen Weichenwärterhäuschen an der Straße nach Inzlingen sind es einfach Namen von Menschen, die gerettet wurden, die Helfer fanden, oder auch zurückgeschickt wurden im besten Fall ins Ungewisse, meist aber in den Tod. "Zuflucht und Abweisung" ist die Ausstellung überschrieben, im Anbau und im Garten hinter dem kantigen verbogenen siebenarmigen Leuchter. Die große Skulptur steht für die vielen jüdischen Flüchtlinge, die in der Schweiz Schutz vor dem Naziregime gesucht haben. Für 300 000 Menschen war diese Zufluchtsort, bei unter vier Millionen Einwohnern, waren das fast zehn Prozent der Bevölkerung. Rund 60 000 zivile Flüchtlinge soll es zu der Zeit in der Schweiz gegeben haben, davon waren 21 000 Juden. Damals hatten die Menschen, genauso wie heute, Angst vor Überfremdung, deutet Sabine Seidler, Stellvertreterin des Deutschen Botschafters aus Bern, auf eine Parallele im Empfinden hin. Sie verglich die Situation mit der heutigen, bei prozentual weitaus weniger Flüchtlingen, wie sie betont.

Johannes Czwalina wollte diese Gedenkstätte, weil "Vergangenheit und Gegenwart nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Gegenwart kann nur aus der Kenntnis der Vergangenheit verstanden und bewältigt werden. Nur wenn wir nach hinten schauen, können wir nach vorne leben", betonte der Initiator der Gedenkstätte. Die Berliner Historikerin Gabriele Bergner hat Lebensläufe rekonstruiert. Lilian Kauders aus Wien, deren Großvater die Nazis wie Millionen andere ermordeten, bezeichnet es als eine Ehre, die Familiengeschichte im Museum aufgenommen zu wissen. Ihr 90-jähriger Onkel Julius Katz aus Birmingham erzählte vom Leben als Ausländer in England. "Im Herzen bin ich immer ein Wiener geblieben", sagte der alte Mann, der 1938 nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland aus Wien geflohen war und die Schweiz weder gastfreundlich noch mitfühlend erlebte.

Die Schweiz hatte den Krieg nicht begonnen, sie hatte die Unmenschlichkeit nicht zu verantworten, darauf hatte Johannes Czwalina hingewiesen. Dennoch waren die Folgen für jeden Einzelnen furchtbar. Julius Katz hatte von einer Unterschrift erzählt, einer Art Rückkehrbewilligung aus Portugal, ohne die die Weiterreise nach England nicht möglich war. Doch die Schweizer Beamten waren nur nach demütigendem Flehen zur Unterschrift bereit. Shlomo Graber aus Basel ließ es sich nicht nehmen, zwei Sätze zu sagen. Der 92-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, das, was er erlitten hat, weiterzugeben und freut sich über den Ort der Erinnerung. Die Erzählungen berührten – und das nicht nur aus Betroffenheit vor dem Leid und Scham angesichts des Naziwütens, sondern auch wegen der Lebensfreude der betagten Männer.