Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Februar 2016 09:32 Uhr

Basel

Interview: Syngenta-Chef Mäder über die chinesische Übernahme

Der chinesische Staatskonzern Chem-China greift nach dem Basler Saatgut- und Pflanzenschutzmittelhersteller Syngenta. Die Chinesen wollen umgerechnet 39 Milliarden Euro zahlen. Was bedeutet dies für die Standorte in der Region?

  1. Syngenta beschäftigt in der Region rund 2350 Menschen, 320 davon im Forschungszentrum Stein, 1750 am Hauptsitz in Basel (Foto). Foto: ZVG

  2. Christoph Mäder Foto: Marcus Lyon

Der chinesische Staatskonzern Chem-China will den Basler Agrochemie und Saatguthersteller Syngenta für umgerechnet rund 44 Milliarden Franken übernehmen und dann davon von der Börse nehmen. Kommt der Deal, dessen Bekanntgabe die Vorlage der Syngenta-Geschäftszahlen für das vergangene Jahr am Mittwoch in Basel dominierte, wäre er eine der größten Firmenübernahmen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Michael Baas hat Christoph Mäder von der Syngenta-Geschäftsleitung zu der Transaktion und den Folgen für die Standorte des Konzerns in und um Basel befragt.

BZ: Herr Mäder, wird bei Syngenta bereits Mandarin gelernt?
Mäder: Es gibt bei uns schon immer Leute, die eine chinesische Sprache sprechen. Ob seit Mittwoch vermehrt Mandarin gesprochen wird, kann ich nicht sagen. Aber sicher werden einzelne Sprachfetzen künftig Einzug halten. Ich sehe das positiv. Das ist eine Bereicherung.

BZ: Im Prinzip steht Syngenta nicht schlecht da: Knapp 1,4 Milliarden Dollar Gewinn 2015, weltweit die Nummer eins im Pflanzenschutz. Warum macht das Unternehmen nicht alleine weiter?

Werbung

Mäder: Unser Verwaltungsrat ist zu dem Schluss gekommen, dass es mittel- und längerfristig besser ist, nicht in der bisherigen Form weiterzumachen. Ein Zusammengehen verbessert die Perspektiven und eröffnet zusätzliche Marktchancen. Vor allem aber bedeutet dieser Schritt, dass Syngenta künftig einen Großaktionär haben wird, der in längerfristigen Horizonten denkt. Das kommt den Investitions- und Innovationszyklen in unserem Geschäft, in dem die Entwicklung eines marktreifen neuen Produktes rund zehn Jahre dauert, sehr entgegen. Das ist ein außerordentlich positives Zeichen.

BZ: Die Sprachregelung ist, Syngenta bleibt Syngenta mit Hauptsitz in Basel. Heißt das, dass das Unternehmen als selbständige Einheit unter dem Dach von Chem-China bestehen bleiben soll?
Mäder: So ist es. Chem-China hat ein Interesse an Syngenta als bestehendes Unternehmen mit dem Know-how, der Infrastruktur und allen Leuten. Diese Transaktion zielt nicht in erster Linie auf Synergien. Syngenta operiert weiter als Syngenta, nur unter dem Dach von Chem-China.

BZ: Es ist auch nicht geplant, Syngenta mit den anderen Aktivitäten von Chem-China in der Agrochemie, das heißt vor allem dem israelischen Unternehmen Adama zusammenzuführen.
Mäder: Da gibt es aktuell keine Pläne – zumal Adama nicht im innovativen Segment operiert, sondern auf Basis abgelaufener Patente, also Generika. Wie sich diese Zusammenarbeit mittel- und langfristig gestaltet, wird sich zeigen.

BZ: Kommt es im Hauptquartier in Basel, an den anderen Standorten in der Region in Stein, Münchwilen, Kaisten sowie in der Produktion im Wallis über den Eigentümerwechsel zu Einschnitten?
Mäder: Überhaupt nicht. Wir haben einen Wechsel auf Aktionärsebene. Das ist alles.

BZ: Das heißt auch, dass die Modernisierung des Hauptquartiers in Basel wie geplant umgesetzt und vollendet wird?
Mäder: An diesem Vorhaben ändert sich nichts und auch Stein und Münchwilen bleiben, wie sind und behalten die Funktionen, die sie heute haben.

"Der Idealfall aus Basler Sicht wäre sicherlich eine weiter völlig unabhängige Syngenta gewesen."

BZ: Gleichwohl hat die Basler Regierung zurückhaltend auf die Entwicklung reagiert.
Mäder: Ich habe mit Regierungsrat Christoph Brutschin gesprochen. Der Idealfall aus Basler Sicht wäre sicherlich eine weiter völlig unabhängige Syngenta gewesen. Ich habe dafür Verständnis, aber die Regierung verschließt sich auch nicht den Realitäten und ist sehr froh, dass alle Standorte und Arbeitsplätze in der Region und der Schweiz erhalten bleiben.

BZ: Aus Basler Sicht erinnert man zum Beispiel auch den Fall Swiss: Nach der Gründung des Unternehmens wurde Basel juristisch zum Hauptsitz. Das ist es formal zwar noch immer; inzwischen steht das riesige Gebäude am Euroairport aber weitgehend leer.
Mäder: Der Sitz der Swiss ergab sich aus der Fusion der Swissair mit der Crossair. Wir haben es nicht mit einer Fusion zu tun. Die Situation ist nicht vergleichbar.

BZ: Chem-China ist ein breit aufgestellter Mischkonzern, ein Chemiekonglomerat, wie sie in Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Zuge der Spezialisierung eher aufgelöst wurden. Auch Syngenta entstand in einem solchen Prozess. Wird das Rad jetzt wieder zurückgedreht?

Mäder: Richtig ist, dass sich die großen Unternehmen in chemisch-pharmazeutischen Bereich zuletzt auf weniger Bereiche konzentriert haben. Aber wir haben immer noch große Chemiekonglomerate. Vier unserer fünf großen Wettbewerber sind solche Konglomerate. Da unterscheidet sich Chem-China nicht fundamental.

BZ: Wechseln wir die Perspektive. Aus chinesischer Sicht ist der Schritt Industriepolitik: Chem-China kauft das Know-how und die Technologien, um die Ernährungsbasis in eigenen Land zu sichern. Ist China für Syngenta nur im chinesischen Besitz weiter zu erschließen?
Mäder: Chem-China betrachtet das Engagement nicht nur mit der nationalen Brille. Es geht nicht nur um Ernährungssicherung in China. Der Aspekt ist für ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen zwar ein triftiger Grund; aber sie wissen, dass es zur weltweiten Ernährungssicherung auch eine global produktive Landwirtschaft braucht und, dass das ein Wachstumsmarkt bleiben wird. Was unsere Stellung in China angeht, sind wir mit einem Marktanteil von sechs Prozent schon größter Marktteilnehmer im Pflanzenschutz. Aber der Markt ist sehr fragmentiert. Wir erhoffen uns da mit Chem-China eine bessere Durchdringung.

"Zunächst müssen die Aktionäre zustimmen. Zwei Drittel der Aktionäre müssen das tun, damit die Transaktion zustande kommt."

BZ: Sehen Sie größere Hindernisse, die die Übernahme blockieren könnten?
Mäder: Zunächst müssen die Aktionäre zustimmen und ihre Aktien andienen. Zwei Drittel der Aktionäre müssen das tun, damit die Transaktion zustande kommt. Die andere Ebene sind die Genehmigungsbehörden in den verschiedenen Ländern; zudem gibt es ein Verfahren in den USA, in dem nationale Sicherheitsinteressen geprüft werden. Was die Kartellseite, also den Wettbewerb, angeht, sehen wir keine großen Hindernisse. Was die nationalen Sicherheitsinteressen der USA angeht, ist die Prognose schwieriger, da es da keinen klaren Maßstab gibt. Aber wir gehen davon aus, dass wir am Ende alle Bewilligungen erhalten.

BZ: Und was bedeutet es für Sie als Schweizer, dass Ihre obersten Arbeitgeber künftig Chinesen sind?
Mäder: Meine Dienstherren, wenn Sie das so sagen wollen, sind bisher schon zum Großteil keine Schweizer; vielmehr ist es die Community institutioneller Investoren, die Mehrheit der Aktionäre. Nun ändert sich nur die Nationalität. Viel entscheidender als diese ist für mich, dass wir einen Eigentümer erhalten, der in langen Horizonten denkt. Davon bin ich sehr angetan.

Christoph Mäder (Jahrgang 1959) ist Schweizer, Mitglied der Geschäftsleitung von Syngenta und dort unter anderem für die Schweizer Standorte zuständig.

Reaktion der Basler Regierung

Die Basler Regierung reagiert zurückhaltend auf die Übernahme von Syngenta durch Chem-China. Die Exekutive hätte sich eine unabhängige Syngenta gewünscht, erklärte Regierungsrat Christoph Brutschin auf Anfrage. "Da dies nun nicht mehr möglich scheint, treten Ziele und Zeithorizont der neuen Eigentümer in den Vordergrund", teilte der für Wirtschaft, Soziales und Umwelt zuständige Regierungsrat weiter mit.

Aufgrund der bisherigen Übernahmen von Chem-China in Europa scheine sich das Unternehmen indes als langfristiger Investor zu positionieren. So oder so steht für die Basler Regierung der Erhalt des Syngenta-Hauptsitzes in Basel sowie der Arbeitsplätze in Basel, Stein und den weiteren Schweizer Standorten im Vordergrund, hält Brutschin fest. Der SP-Regierungsrat war bereits am Dienstagabend von Syngenta über den Deal informiert worden. Im Regionaljournal von Radio und Fernsehen SRF bezeichnete er die Übernahme durch Chem-China von den Möglichkeiten, die sich für Syngenta abgezeichnet haben, als "eine der positiveren".

Mehr zum Thema:

Autor: Michael Baas