Vorstellungen jenseits der Ungerechtigkeit

Chiara Cesaro-Tadic

Von Chiara Cesaro-Tadic

Mi, 20. Juni 2018

Basel

Die Kunsthalle Basel zeigt Luke Willis Thompsons filmische Arbeit "_Human".

Der Raum ist fast dunkel. Die einzige Lichtquelle ist eine Leinwand am Ende. Die dort aneinandergereihten Bilder spiegeln sich auf dem dunklen Parkett. Ein langsamer Kameraschwenk zeigt als Close-up eine unebene Fläche, durchzogen mit einem blutroten Muster und dünn wie ein Blatt. Ein Riss durchtrennt die nebeneinander liegenden Schuppen und bildet ein Loch, das den Blick auf eine hintere Ebene freigibt. Dort erscheint ein dreidimensionales Gebilde – ein Haus, ein Haus aus Haut. "_Human" ist der Titel des Stummfilms, den der in London lebende Künstler Luke Willis Thompson zusammen mit der Kunsthalle Basel produziert hat und der nun im Zentrum von Thompsons dortiger Ausstellung steht.

Wie andere Arbeiten des 1988 in Neuseeland geborenen Künstlers ist auch "_Human" ein Destillat, "das Produkt einer engen Verflechtung von persönlichen und universellen Geschichten", heißt es in einer Mitteilung der Kunsthalle. Um das Werk zu verstehen, führt kein Weg an dem 1961 in Birmingham geborenen britischen Künstler Donald Rodney vorbei, dem jüngsten Kind jamaikanischer Eltern der "Windrush"-Generation; so werden die Migranten bezeichnet, die zwischen 1944 und 1971 aus den früheren britischen Kolonien in der Karibik nach Großbritannien eingewandert sind. Rodney starb 1998 mit 36 Jahren an einer Sichelzellenanämie, einer erblichen Blutkrankheit, die überwiegend Menschen afrikanischer Herkunft trifft, und setzte in seinem künstlerischen Werk seinen Körper als Zeugnis und Metapher ein, als Dokument des Rassismus. Damit verkörpert er eine Künstlergeneration, "die zu einem neuen schwarzen Selbstbewusstsein beitrugen", schreibt die Kunsthalle.

Eine Skulptur aus Haut als Grundlage des Films

Grundlage für Thompsons Film wiederum ist eine winzige Skulptur, die sich in einer Nahaufnahme von Rodneys Hand befindet. Diese trägt den Titel "My Mother, My Father, My Sister, My Brother", ist nur ein paar Zentimeter groß und aus der Haut des Künstlers gefertigt. Heute, zwanzig Jahre später, zeigt "_Human" dieses Haus, das Rodney aus seiner Epidermis, aus seiner schwarzen Haut gemacht hat. Eine Darstellung, die anknüpft an Vordenker der Entkolonialisierung wie den auf Martinique geborenen französischen Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon, für den die Geschichte des Rassismus untrennbar ist von einem "epidermischen Rassenschema", wie er es nannte. So verkörpert die Skulptur die Situation eines Mannes, der mit dem Haus aus seiner eigenen Haut ein Stück seiner Familie in den Fingern hält, die ihm Liebe und Sicherheit gegeben hat. Gleichzeitig aber auch die Geschichte eines Mannes, dessen Leben von Rassismus und Polizeigewalt geprägt war.

Diese Geschichte und die Tatsache, dass in Thompsons Familie die ebenfalls unheilbare Huntington Krankheit vererbt wird, was eine Parallele zwischen den Künstlern schafft, haben ihn inspiriert "_Human zu produzieren", schilderte Thompson beim Presserundgang. Und jedes Mal, wenn der 15-minütige Film abgespielt wird, verschleißt das Material der Patrone etwas mehr, geht ein wenig Qualität geht. Ein Problem, das auch den dreitägigen Dreh prägte, erklärt Thompson. Denn je länger Rodneys Skulptur äußeren Einflüssen ausgesetzt werde, desto mehr leide ihre Qualität.

Wie bei allen Präsentationen von Thompson hat auch diese Ausstellung kleine bedeutsam aufgeladene Details. Nach Anweisung des Künstlers wurden zum Beispiel im Treppenhaus der Kunsthalle Fenster abgedeckt und das dortige Gemälde verhüllt. Das soll symbolisieren, dass der Raum "seinen Atem anhält". Über einen Raum so zu denken, als ob er lebendig wäre, führte auch dazu, dass einige der letzten Worte Rodneys – "Ich kann nicht atmen" – Details der Ausstellung mitbestimmen. "Ich kann nicht atmen" lauteten auch die letzten Worte des farbigen US-Amerikaners Eric Garner, die dieser 2014 unbewaffnet im Würgegriff der Polizei in New York aussprach, bevor er starb. Laut Thompson ist für ihn das Vermächtnis von Rodneys "My Mother, My Father, My Sister, My Brother" zu versuchen, sich etwas vorzustellen, das nicht in der ungerechten Gegenwart verharrt, sondern darüber hinaus existiert. Ein Impuls und Gedanke, der heute wieder sehr aktuell scheint.

Ausstellung: bis 19. August, Di/Mi /Fr 11 bis 18 Uhr Do 11 bis 20.30 Uhr, Sa/So 11 bis 17 Uhr. Basel, Steinenberg 7