Großes Jahr für Paraski-Athleten

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 08. Dezember 2017

Behindertensport

Über den Weltcup in Oberried zu den Paralympics nach Südkorea.

BEHINDERTENSPORT (BZ). Als das deutsche Nordic Paraski-Team am Mittwoch in den Flieger gen Westen zum Weltcup-Auftakt im kanadischen Canmore stieg, lag die Gefühlslage der acht Athleten irgendwo zwischen Aufregung und Vorfreude. Monatelang hatten sie auf die neue paralympischen Saison hingearbeitet, fast alle schraubten ihre Trainingsumfänge signifikant nach oben. "Wir haben uns sehr gut entwickelt. Aber wo wir tatsächlich stehen, zeigt sich erst im Vergleich mit den anderen Nationen", sagt Bundestrainer Ralf Rombach aus Freiburg.

Die Rennen von Canmore am kommenden Wochenende und der Heim-Weltcup in Oberried vom 20. bis 28. Januar sind ein starkes Aufwärmprogramm für den alles überstrahlenden Saisonhöhepunkt: die Paralympischen Spiele vom 9. bis 18. März im südkoreanischen Pyeongchang. Dafür allerdings muss sich jeder einzelne Sportler noch qualifizieren. Sicher dabei ist, wer bei einem Weltcup-Start mindestens Dritter wird. Ein vierter Platz reicht unter Umständen ebenfalls.

Die geringsten Schwierigkeiten im Kampf mit der Norm dürfte Martin Fleig vom Ring der Körperbehinderten (RdK) Freiburg haben. Der 28-jährige Doppelweltmeister von Finsterau 2017 und Gesamtweltcupsieger im Biathlon sitzend steigt als Gejagter in den Schlitten. Der Gundelfinger will seinen eigenen gewachsenen Ansprüchen gerecht werden, ohne sich zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Er weiß: "Mit den Paralympics vor Augen werden alle in die Vollen gehen."

Hinzu kommt: Nach einjähriger Zwangspause kehren die starken russischen Athleten in den Weltcup-Zirkus zurück. Die durch die Doping-Enthüllungen des McLaren-Reports seit August 2016 gesperrten Sportler starten bei den Weltcups unter neutraler Flagge. Ob sie auch bei den Paralympics dabei sein dürfen, entscheidet das Internationale Paralympische Komitee (IPC) am 22 Dezember.

"Die Leistungsdichte in der Weltspitze wird durch ihre Rückkehr enger", sagt Clara Klug (PSV München). Die 23-jährige Bayerin war in der Kategorie der Sehbehinderten mit zwei Silber- und einer Bronzemedaille bei der WM eine der Aufsteigerinnen des vergangenen Winters und möchte daran anknüpfen. Ihr Ziel für Südkorea: mindestens eine Medaille.

Neues Gesicht mit 48 Jahren: Alexander Ehler (Kirchzarten)

Interne Konkurrenz bekommt Klug durch Vivian Hösch (RdK Freiburg). Wegen gesundheitlicher Beschwerden verpasste die 26-Jährige fast die komplette vergangene Saison. Sie freut sich auf ihre Rückkehr. "Es war ein schönes Gefühl, wieder auf Schnee zu stehen", schwärmte Hösch nach den jüngsten Trainingseindrücken. Als Guide an ihrer Seite läuft wie gehabt Florian Schillinger (SV Baiersbronn). Bei den Männern mit Sehbehinderung wollen Höschs Vereinskollege Nico Messinger und dessen neuer fester Begleitläufer Lutz Klausmann (SV St. Georgen) erfolgreich zusammenarbeiten. Die Vorbereitung beeinträchtigte eine Beinverletzung Messingers. "Wir müssen abwarten, wie es unter Wettkampfbelastung läuft", sagt der 22-Jährige.

Bei den Frauen sitzend hat Ralf Rombach in Andrea Eskau (USC Magdeburg) ein heißes Eisen im Feuer. Die 46-jährige Elsdorferin hat sich seit ihrem Doppel-Gold mit dem Handbike im Sommer bei der Para-Rad-WM in Südafrika intensiv auf den Winter vorbereitet. Anja Wicker (MTV Stuttgart) will ihre Leistungen der vergangenen Jahre ebenfalls bestätigen. 2014 wurde sie aus dem Nichts in Sotschi Paralympics-Siegerin und ist seitdem eine feste Größe in der Weltelite. In Canmore startet sie im neuen, leichteren Schlitten und freut sich auf unbekannte Strecken. "Die Norm für Pyeongchang sofort zu knacken wäre beruhigend", sagt sie.

Bei den Männern stehend ist das deutsche Team in diesem Winter wieder mit mindestens zwei Mann vertreten. Steffen Lehmker aus Bad Bevensen geht in seine zweite volle Saison. Nach einem Vereinswechsel startet er nun für den WSV Clausthal-Zellerfeld.

Mächtig Druck hat Lehmker von einem Neuling bekommen: Der 48-jährige Alexander Ehler (SV Kirchzarten) war Ende der 80er Jahre eines der größten Biathlon-Talente in seiner Heimat Kasachstan, bevor ein Motorradunfall seine Karriere jäh beendete. Nach jahrzehntelanger Pause hat der Vater der Mannschafts-Europameisterin im Degenfechten der Juniorinnen 2015, Alexandra Ehler (SV Waldkirch), seine alte Leidenschaft wiederentdeckt. Ehler trainiert mit Michael Huhn, im deutschen Team für den Nachwuchs zuständig. Huhn ist beeindruckt von Ehlers körperlicher Verfassung und technischen Fähigkeiten. "Er ist ein Allrounder. Ich kenne niemanden, der in seinem Alter noch so ein Niveau hat", sagt Huhn.

Marco Maier (SK Nesselwang), der dritte deutsche Steher, stellt sich im Januar den Regelhütern des IPC, das ihm vor einem Jahr nach einer medizinischen Neubewertung die Starterlaubnis entzog.