"Weltweite Anerkennung"

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mo, 29. Januar 2018

Behindertensport

Der Nordische Paraski-Weltcup für Menschen mit Behinderung in Oberried endet auch für das deutsche Team versöhnlich.

OBERRIED. Am Wochenende ist der Paraski-Weltcup am Notschrei zu Ende gegangen. Von der Langlauf- und Biathlon-Elite gab es viel Zuspruch und Lob für den Veranstalter SC Oberried. Und für die deutsche Nationalmannschaft nach einem hartnäckigen Magen-Darm-Infekt doch noch ein versöhnliches Ende.

So ein Zieleinlauf ist ein Gefühlsbarometer der besonderen Art. Das gesamte Spektrum denkbarer Emotionen eingefangen auf wenigen Quadratmetern. Ein Gemütskarussell. Ekstase neben Frust, Zufriedenheit neben Enttäuschung. Benjamin Daviet hat am Samstagnachmittag in der trüben Nebelsuppe gut lachen. Der 28-Jährige wurde seiner Favoritenrolle gerecht. Am Ziel empfängt ihn die hauseigene Social-Media-Crew der französischen Nationalmannschaft. Der vierfache Weltmeister und Bronzemedaillen-Gewinner von Sotschi führt die Weltcup-Wertung souverän an.

Am Notschrei hielt er sich über die Langdistanz im Biathlon schadlos. Kein Fehlschuss, flink in der Loipe. Auch der deutsche Nationaltrainer Michael Huhn ist beeindruckt: "Der fährt in einer eigenen Liga." Am Notschrei holte er sich die Goldmedaille gar mit einer deutschen Leihwaffe. Das eigene Gewehr war Tags zuvor im Training gebrochen. Von den Superlativen will Daviet wenig wissen. "Ich muss jetzt einfach nur essen", murmelt er und schlappt von dannen.

Der strahlende Franzose ist einer der wenigen, der den sogenannten neutralen Athleten aus Russland am Notschrei die Stirn bieten konnte. Allein 22 Medaillen haben sie in der Langlauf-Endabrechnung zu verzeichnen. Abgeschlagen folgen die Ukraine und die USA. An diesem Montag entscheidet sich, ob die Russen trotz erwiesenen Staatsdopings bei den Paralympics in Südkorea starten dürfen.

Die russische Leistungsträgerin ist Mikhalina Lysova. Zehnfache Weltmeisterin, vierfache Paralympics-Siegerin. Ins Ziel gleitet sie mit ihrem Guide Alexey Ivanov fast schon entspannt. Zum dritten Mal bereits war sie am Notschrei dabei. Alle vier Wettbewerbe im Langlauf und Biathlon hat sie als Erste beendet. "Sehr gut war das", resümiert die 25-Jährige knapp. Manchmal reichen vier Worte, um eine Woche zu beschreiben.

Ganz so kurz und bündig lässt sich die Leistung der deutschen Para-Athleten nicht zusammenfassen. "Wir konnten erst seit Donnerstag starten", erklärt Trainer Huhn, "deshalb sind wir froh, dass es beim Schießen gut lief." Ein Magen-Darm-Infekt hatte über die Hälfte der Nationalmannschaft bis Mittwoch flachgelegt. Mut macht das Ergebnis der Münchnerin Clara Klug, die am Donnerstag auf Rang drei, am Samstag auf Rang zwei fuhr und sich dabei keinen Fehlschuss erlaubte. Die einzigen Medaillen für Team Deutschland am Notschrei. Die Lokalmatadoren hatten mit den Nachwirkungen der Krankheit zu kämpfen. Martin Fleig schoss am Samstag gleich viermal daneben, Vivian Hösch blieb zwar fehlerfrei, konnte aber läuferisch nicht voll angreifen. Alexander Ehler lief auf Rang Acht. Nico Messinger und Andrea Eskau mussten ganz passen.

Am Schießstand spricht Michael Martin über die Zukunft. Der Vorsitzende des Skiclubs Oberried hat eine volle Woche hinter sich. Über 200 Helfer haben das Event für Teilnehmer aus 31 Nationen gestemmt. Viermal hat der Skiclub den Weltcup nun bereits ausgerichtet. "So groß wie dieses Jahr war’s aber noch nie." Erstmals starteten Langläufer und Biathleten. Auch das Budget ist in die Höhe geschossen. 140 000 Euro kostete die siebentägige Veranstaltung. Unterkünfte und Reisekosten für die Offiziellen des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Wachsboxen, Catering. Da kommt viel zusammen. Auf der Habenseite stehen die Einnahmen aus Sponsorengeldern und die Organisationsgebühr, die jedes Teilnahmeland zahlen muss. "Ob wir weitermachen, ist noch offen", sagte Martin.

Wenige Meter entfernt strahlt Friedhelm Julius Beucher Gelassenheit aus. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands erfreut sich am Aufwärtstrend: "Nach der Krankheit war das heute ein Schritt nach vorne." Für ihn ist das Event ein Erfolg. Die ARD-Sportschau berichtete mehrmals ausführlich. "Das ist eine hochprofessionelle Veranstaltung", lobt Beucher und ergänzt: "Hierfür gibt es weltweite Anerkennung." Der Skiclub einer 2800-Einwohner-Gemeinde als Aushängeschild: "Organisatorisch ist der Weltcup das Maß aller Dinge."

Bereits an diesem Montag geht es für das Nationalteam ins Trainingslager nach Livigno. Die Nominierungen für Südkorea stehen kurz bevor. "Die harte Aufbauphase beginnt jetzt", sagt Bundestrainer Huhn. In drei Wochen findet dann die deutsche Meisterschaft statt. Wieder am Notschrei. Anschließend folgt der letzte Feinschliff in Ridnaun. Am 4. März geht der Flieger nach Pyeongchang. Im Zieleinlauf würden sie dann gerne ganz oben stehen. Und das gesamte Spektrum der Gefühle mit guter Laune betrachten. Das Gemütskarussell dürfte sich dann gerne weiterdrehen. Die geplatzte Generalprobe wäre schnell vergessen.

Alle Weltcup-Ergebnisse auf http://www.weltcup-oberried.de