Ein vielgestaltiger Bild-Kosmos

Jürgen Glocker

Von Jürgen Glocker

Sa, 08. September 2018

Bernau

Hans-Thoma-Museum stellt Kunstwerk des Monats September vor: Zeichnungen von Eva Früh / Aktuelle Ausstellung.

BERNAU. Noch bis zum 14. Oktober sind Zeichnungen von Eva Früh unter dem Titel "Linie. Fläche. Raum" im Hans-Thoma-Kunstmuseum Bernau zu sehen. Zehn thematische Blöcke, die aus zahlreichen einzelnen Zeichnungen bestehen, bilden ein großes Gesamtkunstwerk, das sich aus Räumen im Raum zusammensetzt. Dieses große Werk von Eva Früh, das einen ganzen Bild-Kosmos darstellt, ist das Kunstwerk des Monats September 2018.

Eva Früh, die am 12. August in Bernau mit dem NaturEnergie-Förderpreis ausgezeichnet wurde, begibt sich immer wieder für mehrere Wochen in öffentliche, halböffentliche und private Räumlichkeiten, um sie zu zeichnen und gewissermaßen zu porträtieren. Sie geht beispielsweise in eine Klinik, in ein Gesundheitsamt, in die Berliner Stasi-Zentrale von Erich Mielke, in eine Schaukammer oder in ein Technikmuseum. Ihre Zeichnungen basieren grundsätzlich auf Linien, die sie zu wohlkalkulierten Flächen gruppiert. Die Linien und Flächen wiederum werden durch unsere Augen und durch unser Gehirn als Räume interpretiert. Wären sie größer, würden wir glauben, wir könnten sie betreten.

Während eines Arbeitsaufenthalts an einem bestimmten Ort entstehen zahlreiche Zeichnungen, die die Künstlerin zu einem thematischen "Block" zusammenstellt und im Rahmen von Ausstellungen immer wieder neu und anders gruppiert. Mit ihren Raumporträts, den Zeichnungen, in denen sie menschenleere Innenarchitekturen festhält, in denen wir leben, arbeiten oder wohnen, hält Eva Früh ein Bild unserer sozialen Wirklichkeit in einem bestimmten geschichtlichen Augenblick fest. Sie nimmt unserer Zivilisation gewissermaßen den Puls und stellt ihr eine optische Diagnose.

Zugleich ist sich die Künstlerin aber auch des Umstands bewusst, dass sie im Rahmen ihrer Arbeit zahlreiche höchst persönliche Entscheidungen trifft. Das beginnt mit der Auswahl der Räume, die sie zeichnen will, setzt sich fort in der Art, wie sie einen Raum in einer Zeichnung festhält, was ihr wichtig ist und was sie, beispielsweise aus ästhetischen Gründen, weglässt, und mündet in die sich immer wieder ändernden Arrangements eines Blocks und der verschiedenen Blöcke untereinander bei einer Präsentation. Mit anderen Worten heißt das: Die Zeichnungen von Eva Früh vermitteln nicht nur Porträts der Realität, sondern gleichzeitig auch, auf indirekte Weise, ein Bildnis der Künstlerin und ihrer Subjektivität. Sie sind nicht nur "Aufnahmen" der architektonischen Wirklichkeit, sondern gleichzeitig "Seelenlandschaften". Sie schenken uns, mit Peter Handke gesprochen, Bilder der "Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt".

Vor allem aber ist die Bernauer Ausstellung ein großer optischer Kosmos, den mit den Augen zu durchwandern viel Freude bereitet. Man sollte allerdings ein wenig Zeit mitbringen, um sich auf die sehr persönliche künstlerische Handschrift von Eva Früh in Ruhe einlassen zu können. Dann nimmt man ein unvergessliches Seherlebnis mit nach Hause. Das Bernauer Hans-Thoma-Kunstmuseum hat gegenwärtig besonders viel zu bieten. Ganz großes Kino!

Info: Eva Früh ist gebürtige Freiburgerin und lebt und arbeitet heute in Waldshut-Tiengen und Berlin. Studiert hat sie an der Kunstakademie Basel. Eva Früh hat ihre Arbeiten bereits in zahlreichen Ausstellungen gezeigt.

Hans-Thoma-Kunstmuseum, Innerlehen, Rathausstraße 18, 79872 Bernau im Schwarzwald; Tel. 07675/160040; E-Mail: info@hans-thoma-museum.de; Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.30 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr; Samstag, Sonntag, Feiertag: 11.30 Uhr bis 17 Uhr; Montag und Dienstag geschlossen.

Infos im Internet unter http://www.hans-thoma-museum.de