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25. Juni 2011

Lebendige Erinnerungen

ZEITREISE: Vor 80 Jahren war die Bernauerin Luise Schäuble Küchenchefin in der Villa Kehrwieder.

  1. Luise Schäuble erinnert sich gerne an die Zeit im Haus am Bötzberg. Foto: Ulrike Spiegelhalter

  2. Im Kochheft hat die Köchin festgehalten, was es wann für die Gäste zu essen gab. Foto: Ulrike Spiegelhalter

BERNAU/ST. BLASIEN. Blättern wir im Kalender 80 Jahre zurück und kehren in der Villa Kehrwieder ein: In der Küche dieses Kurheims an der St. Blasier Bötzbergstraße treffen wir Luise Bregger aus Bernau. Sie ist Küchenchefin und Herrin über den Speisezettel von 60 Gästen.

Luise Bregger, verheiratete Schäuble, ist mittlerweile 98 Jahre alt. Sie erinnert sich lebhaft und gern an ihre Zeit im Kehrwieder. 1928 und 1929 machte sie zunächst eine Ausbildung in Kochen und Hauswirtschaft am Mädcheninstitut St. Agens in Freiburg, das 1907 das Kochbuch "Die Kunst zu kochen" herausgegeben hat. Zwei Jahre nach dem Abschlussexamen, sie war gerade einmal 18 Jahre alt, begann sie die Herrschaft in der Küche des renommierten Hauses Kehrwieder, das 1894 vom Hamburger Architekten Ernst Rittmeister im Jugendstil erbaut wurde. Ihr zur Seite standen zwei Kochlehrtöchter, die, statt eines Lehrlingslohns für ihre Ausbildung, 50 Mark im Monat bezahlen mussten, als Lohn für Küchenchefin Luise.

Sie erinnert sich, dass Else Rittmeister, Chefin des Hauses, ein nicht gerade strenges, aber durchaus bestimmendes Regiment führte. So schritt sie jeden Tag die lange Anrichte in der Küche ab, kontrollierte die Speisen, sparte nicht mit Lob, verbot allerdings jedem, Köchin Luise zu duzen. Das galt selbst für ihre Schulkameradin aus Bernau – die sich natürlich nur in Gegenwart der Frau Rittmeister daran hielt.

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Als wertvolle Erinnerung ist das "Kochheft für Luise Bregger aus Bernau-Innerlehen mit dem Küchenzettel für die Villa Kehrwieder" erhalten. Darin hat die junge Köchin vor 80 Jahren die tägliche Speisenfolge für sechs Wochen aufgeschrieben. Es gab zweimal am Tag, mittags und abends, warme Gerichte. Großen Wert legte sie auf die tägliche Salatration und die Suppenvarianten. Ohne Brille liest sie aus ihren Aufzeichnungen einige Besonderheiten vor: Königinsuppe, Rindersuppe mit Flöckeln oder Goldwürfeln, Markklößchensuppe nach Trautmannsart, eine Morgenrotsuppe oder eine Wildsuppe à la Hindenburg. Als Dessert findet man öfters auf dem Speiseplan "Errötendes Mädchen mit Vanillesoße". Das war wahrscheinlich sehr begehrt. Luise Schäuble erinnert sich daran, dass sie jeden Tag 40 Liter Milch vom Windberghof geliefert bekam.

Die Jugendstilvilla Kehrwieder beherbergte in ihren Anfangsjahren Gäste aus aller Welt, die nach Eintragungen im Gästebuch nicht nur aus Hamburg, Berlin und Düsseldorf kamen, sondern auch aus Paris, London, ja sogar aus St. Petersburg und Montevideo. Nach Luise Schäubles Erinnerungen waren die 60 Gäste zu ihrer Zeit ehemals Patienten des Sanatoriums, die im Anschluss an ihren dortigen Aufenthalt und vor der Heimreise zur Erholung in die Villa kamen.

Immer wieder erzählt Luise Schäuble von den 30 Hunden der Frau Rittmeister, mit denen sie zum Stadtbild von St. Blasien gehörte, wenn sie mit ihnen – natürlich alle an Leinen und in einem langen Zug – durch die Straßen spazierte. Für sie musste die junge Köchin täglich Reis mit Lunge kochen. Gegenüber der Villa hatte Frau Rittmeister im Wald einen eigenen Hundefriedhof angelegt. Die junge Luise studierte oft die Kreuze, auf denen die Namen der verstorbenen Tiere standen.

Luise Schäuble war drei oder vier Jahre Köchin im Kehrwieder, so ganz genau weiß sie das nicht mehr. Else Rittmeister wollte ihr die Villa vermachen, die Bernauerin aber lehnte ab: Sie wollte lieber zurück ins Thoma-Tal in ihr Elternhaus.



Autor: Ulrike Spiegelhalter