Bildhafte Traumwelten

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Mi, 13. Januar 2016

Waldkirch

Ausstellung der Freiburger Künstlerin Petra Blocksdorf im Georg-Scholz-Haus.

WALDKIRCH. In der Freiburger Kunstszene ist sie seit langem eine feste Größe. Jetzt präsentiert die Malerin, Zeichnerin und Lehrerin Petra Blocksdorf erstmals einen Ausschnitt ihres umfangreichen Werks in Waldkirch. Gezeigt werden Arbeiten, die zwischen 2009 und 2015 entstanden sind. Zwei Werkgruppen stehen im Mittelpunkt: Tierporträts und meist großformatige, die Totale betonende Landschaften. Dazu kommt die, kleinformatige, Darstellung von Pflanzen und Menschen.

Der erste, sich dem Besucher der Ausstellung aufdrängende Eindruck, ist eine fast schon unheimliche Ruhe und Stille. Verbannt ist alles Laute, Geschäftige, Bunte und Schreiende. Die Bilder sind meist mit Eitempera gemalt, teils auch mit Acryl- und Aquarellfarben auf Leinwand und Papier. Es dominieren fahle, stumpfe Farbtöne. Grau, Braun, dunkles Grün, das Weiß verblasst, das Schwarz leicht schmierig. Keines der Bilder trägt einen Titel oder besitzt einen Rahmen. Keine schützende Lackschicht schafft Distanz. Raum und Zeit sind undefinierbar. Unmittelbar stellt sich das nicht ganz greifbare Gefühl nach dem Erwachen aus einem Traum oder während eines Tagtraums ein.

Alles ist reduziert auf das Wesentliche. Wie die Bilder wirken, hängt ganz von der Stimmung und der Emotion des Anschauenden ab. Damit ist ein entscheidender Begriff genannt: Die Künstlerin möchte alles, nur keine fotografische, realistische, abbildende Darstellung einer für den Menschen objektiven (dabei immer doch nur scheinbaren) Wirklichkeit. Ihr geht es vielmehr um die Visualisierung ihrer impressionistischen, besser emotionalen Eindrücke. Doch diese möchte sie dem Gegenüber nicht aufzwingen und aufdrücken. Eher sollen sie ein Anstoß sein, eine Hilfe, um selber tiefer in das Dargestellte einzudringen und darin eine eigene Interpretation, eine eigene Wirklichkeit zu finden. In den weitläufigen Räumen des Georg-Scholz-Hauses kann diese Offenheit eindrücklich dargestellt werden.

Die Tiere: Kein Fell, keine Federn, weiß und nackt, ohne Augen oder die Augen allenfalls angedeutet, seitlich gesehen, nur Teile des Körpers preisgebend, treten sie vor schwarzem oder grauem Hintergrund ins Blickfeld. Ein Embryo lässt Erinnerungen an den Biologieunterricht wach werden: Die Ontogenese als kurze Rekapitulation der Phylogenese. Alles ist noch möglich, nichts entschieden. Welches Wesen wird bei der Geburt in die Welt treten?

Ein Bär wendet den Blick vom Betrachter ab. Ist es Desinteresse oder befindet sich in seinem Blickfeld eine Beute, interessanter als der Ausstellungsbesucher? Man weiß es nicht, fühlt sich aber bei aller (scheinbaren?) Abgewandtheit irgendwie beobachtet. Ein weiterer Bär hat sein Maul weit geöffnet – gähnt oder droht er? Ein auf dem Boden liegendes Pferd tritt ins Blickfeld. Ist es eine vom Menschen geschundene Kreatur aus der von Otto Dix, Bert Brecht und Kurt Weill beschrieben menschlichen Hölle? Oder liegt es entspannt wie ein Haushund da, freudig die Kommunikation mit einem Menschen erwartend?

Landschaften und Pflanzen: Mecklenburg-Vorpommern und die Ostsee, Amrum und die Nordsee, Flachland und Küste, das sind die Lieblingslandschaften der Künstlerin. Auch hier größtmögliche Reduktion in der Darstellung: Felsen, Himmel, Wasser in Grau- und Brauntönen. Allenfalls ein paar angedeutete Sträucher oder ein undefinierbarer Tierumriss im Vordergrund. Zeitlos. Ist es eine Landschaft aus der Vergangenheit vor (oder kurz nach) der Entstehung von Flora und Fauna? Ist es eine Landschaft nach dem Atomkrieg? Oder ist es einfach eine Aufforderung an den Betrachter, die Leerstellen eigenmächtig auszufüllen?

Menschen: Mit wenigen Strichen sind die kleinformatigen Aquarellbilder gemalt, welche den Menschen zum Thema haben. Ein angedeutetes Gesicht mit Oberkörper trägt einen auffälligen Schal. Definiert sich dieser Mensch über das Kleidungsstück, ist es gar ein Schutz, hinter dem er sich vor seinen Mitmenschen versteckt? Zwei Menschen, einer im Profil abgebildet, der andere von hinten gesehen und sich diesem zuwendend, scheinen von Schnüren oder Drähten umwickelt.

Affinitäten: Die Künstlerin Petra Blocksdorf ist Jahrgang 1955. Nicht allzu weit hergeholt sein dürfte die These, dass ihre Prägephase während der Hoch-Zeit der Popkultur in den späten 1960er Jahren lag. Wer mit der Zeit vertraut ist und einen Blick über die Grenzen der Kunstgattungen wagt, dem fällt fast zwangsläufig die Verwandtschaft zwischen ihrem Werk und den mehr "sanften" Songs von Jimi Hendrix wie "Bold as Love", "Castles made of Sand" und "The wind cries Mary" ins Auge. In letzterem beschreibt Hendrix seine Stimmungslage in der "unwirklichen Traumzeit" zwischen dem Ende der Nacht und dem Beginn des Morgens. Ein Gefühl herzzerreißender Melancholie, das gleichzeitig voller unbändiger Hoffnung und Offenheit ist, ebenso wie die überaus beeindruckende Kunst von Petra Blocksdorf.

Die Ausstellung: Die Ausstellung im Georg-Scholz-Haus dauert vom 17. Januar bis zum 21. Februar und hat ein umfangreiches Begleitprogramm, unter anderem mit Kunstgespräch (23. Januar) und Schreibnacht (30. Januar). Am 19. Januar referiert der Philosoph Klaus Scherzinger über "Das Leben der Tiere – eine philosophische Annäherung". Vernissage ist am Sonntag, 17. Januar, 11 Uhr. Mehr Infos unter http://www.georg-scholz-haus.de