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22. November 2011

Bildhauerin bis zum Wahnsinn: Camille Claudel

Das tragisches Schicksal der französischen Bildhauerin und Schülerin Rodins in szenischer Lesung beim Kunstverein Gundelfingen.

  1. Schauspielerin Lore Seichter-Muráth Foto: Andrea Steinhart 

GUNDELFINGEN. "Klappern der Hufeisen auf Kopfsteinpflaster. Pferde wiehern. Räder quietschen. Der Kutscher spuckt und flucht und lässt die Peitsche knallen"– Mehr Szene als Lesung heißt das Motto von Lore Seichter-Muráth, die bei der szenischen Lesung am Sonntagabend im Gundelfinger Rathausfoyer gekonnt in die Rolle der Camille Claudel schlüpfte.

"Das Ziel des kastenförmigen Einspänners ist die Irrenanstalt in Ville-Evrard. Dort lebte Camille Claudel 30 Jahre in Einsamkeit, bis sie starb und in einem Massengrab verscharrt wurde." Fast glaubte man, das gerade Gehörte real zu erleben. Wie kaum eine andere versteht es die Schauspielerin Seichter-Muráth, geschriebene Szenen lebendig werden zu lassen.

Auf Einladung des Kunstvereins Gundelfingen kam die in Berlin lebende Schauspielerin nun bereits zum zweiten Mal, um dieses Mal von den tragischen Verhältnissen der Bildhauerin Camille Claudel, die von 1864 bis 1943 lebte, zu erzählen. Mit ihren selbstverfassten Texten, ihrer Stimme und Mimik schaffte sie es, das Leben der französischen Bildhauerin derart lebendig werden zu lassen, dass die Zuhörer mitfühlten und mitlitten.

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"Erst ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod wurde die Bildhauerin Camille Claudel als das entdeckt, was sie war : eine herausragende Künstlerin." Die erfolgreiche Verfilmung ihres Lebens hat dabei geholfen das Schicksal der Bildhauerin einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Camille Claudel war von Kindheit an besessen vom Zeichnen und Modellieren. Ihr Vater unterstützt ihren Wunsch, Bildhauerin zu werden, und ermöglicht ihr eine künstlerische Ausbildung – und das in einer Zeit, in der "Schnürmieder und Tee-Gesellschaften" das Synonym für Weiblichkeit war, sagte Lore Seichter-Muráth.

Mit 18 Jahren trifft sie den 23 Jahre älteren Bildhauer Auguste Rodin (1840 bis 1917). Sie wird seine Schülerin, Muse und Geliebte. Eine künstlerische Lebensgemeinschaft entsteht, von der jedoch vor allem Rodin profitiert. Wahrgenommen wird die geniale Künstlerin nur als Schwester des Schriftstellers Paul Claudel und als Schülerin und Geliebte von August Rodin. Sie wird schwanger, doch ihr Geliebter will sie nicht heiraten. Sie verliert das Kind.

Nach 15 Jahren Beziehung trennt Camille Claudel sich 1898 von Rodin, mit einem Gefühl benutzt worden zu sein. Sie geht ihren eigenen künstlerischen Weg. Unter der Einsamkeit zerbricht sie schließlich und lebt 30 Jahre verarmt und immer wieder von Wahn- und Wutanfällen heimgesucht, in einer psychiatrischen Anstalt, wo sie letztendlich stirbt. Für die Isolationshaft bis zum Lebensende sorgen ihre Mutter und ihr Bruder. Die jedoch handelten damit nicht aus Sorge, sondern mit der "Zwangseinweisung der unbeliebten Verwandten" sollte nur ihre Welt voll Etikette bewahren werden, sagte Lore Seichter-Muráth. Die einstündige szenische Lesung rückte das tragische Leben der Künstlerin der Jahrhundertwende wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.



Autor: ast