"Binzen war kein nationalsozialistisches Musterdorf"

Hubert Bernnat

Von Hubert Bernnat

Sa, 16. September 2017

Binzen

BZ-SERIE 1250 JAHRE BINZEN (TEIL 7): Die NSDAP konnte die Gesellschaft dennoch auch hier schnell durchdringen.

BINZEN.

Auch Binzen hatte in der Zeit der Weimarer Republik zuerst unter Währungsverfall und dann unter der Weltwirtschaftskrise zu leiden. Doch hatte die Arbeitslosigkeit nicht die Ausmaße wie in Lörrach und Weil, da viele sich durch ihre Nebenerwerbslandwirtschaft einigermaßen über Wasser halten konnten. Die Einwohnerzahl stagnierte weiterhin bei rund 1000. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse führten auch hier zu einer politischen Radikalisierung.

Bei der ersten Reichstagswahl nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1930 erhielt die KPD 35,9 Prozent der Stimmen, die NSDAP 22,5 Prozent. Deutlich mehr als die Hälfte der Wähler entschied sich damit für die beiden Parteien, die die Weimarer Demokratie ablehnten und zerstören wollten. Doch als Hitler am 31. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, nutzten die Nationalsozialisten, die mittlerweile auch in Binzen stärkste Partei geworden waren, brutal ihre neue Macht. "In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch (das war vom 4. auf den 5. April 1933) wurden die SA- und SS-Mann-schaften von Lörrach, Weil und einigen benachbarten Orten zu einer Razzia nach Binzen alarmiert. Da hier ein kommunistisches Flugblatt verteilt worden war und Binzen eine Reihe von Kommunisten unter seinen Einwohnern ausweist, so wurde in einer Reihe von Häusern eine systematische Haussuchung vorgenommen. Es wurde verschiedenes kompromittierendes Material gefunden und in Zusammenhang damit einige Personen festgenommen." So berichtete das Morgenblatt der Basler National-Zeitung.

Auch die SPD wurde verboten ebenso wie der Radfahrverein Wanderlust und der Turnverein Frei-Heil. Vor allem die fünf Brüder der Familie Moser, die in der KPD aktiv waren, wurden während der nationalsozialistischen Diktatur mehrfach inhaftiert und mussten langjährige Strafen in Konzentrationslagern erleiden.

Auch in Binzen wurden der Gemeinderat gleichgeschaltet und die anderen Parteien bald verboten. Zuerst ließ man den 1928 demokratisch gewählten Robert Rupp noch im Amt. Doch 1935 drängten ihn die Nationalsozialisten um ihren Ortsgruppenleiter Emil Müller aus dem Amt und machten Müller selbst zum Bürgermeister. Eine Wahl erfolgte nicht. Müller war 32 Jahre alt, bedeutender Landwirt und Besitzer der oberen Mühle. Binzen war bestimmt kein nationalsozialistisches Musterdorf und die Partei hier nicht so stark wie in anderen umliegenden Orten. Doch auch hier funktionierte die Durchdringung der Gesellschaft schnell, wie der spätere Unternehmer Werner Glatt in seinen Erinnerungen schildert: "Während die meisten Mitschüler bereits eine Uniform mit braunem Hemd (= Uniform der Hitler-Jugend) besaßen, machten nur wenige solche ’Dienste’ in Zivilkleidung mit. Das waren die Jungs der sozialdemokratisch und kommunistisch denkenden Eltern, die man als Widersacher ansah."

Doch auch in und aus Binzen wurden Menschen aus ideologischen Gründen verfolgt, geopfert, verschleppt und ermordet. Die meisten Opfer erforderte der mörderische Krieg. Dazu sind auch die 42 Binzener Toten des Zugunglücks von Marktdorf zu zählen, darunter waren 24 Kinder unter 14 Jahren. Am 22. Dezember 1939 war ein Zug, vollgefüllt mit 700 Evakuierten aus dem Markgräflerland, die zum Weihnachtsfest wieder nach Hause zurückkehren durften, mit einem Kohlezug zusammengestoßen.

Zu den dunkelsten Kapiteln der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gehört die Ermordung Zehntausender körperlich und geistig behinderter Menschen. Zu ihnen zählt Bertha Metzel, die 1871 als Tochter von Bürgermeister Hermann Metzel geboren wurde. Die Mutter starb schon 1884, der Vater 1907. In den Akten steht, dass sie danach entmündigt wurde "wegen Geisteskrankheit." Sie war in vielen Heimen untergebracht, die längste Zeit im Kreispflegeheim Wiechs. Von dort wurde sie am 31. Juli 1940 nach Grafeneck deportiert und einen Tag später dort in einer Gaskammer getötet.