Guter Lesestoff auf 210 Seiten

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 24. Juli 2017

Binzen

Der neue Band des Geschichtsvereins Markgräflerland schaut unter anderem in die Geschichte Ötlingens und des Vorderen Kandertals.

BINZEN. Spannenden Lesestoff auf 210 Seiten bietet der neue Band "Das Markgräflerland". Das Titelbild zeigt einen schönen Blick auf Binzen mit der St. Laurentiuskirche. Der vom Geschichtsverein Markgräflerland herausgegebene Jahresband 2017, der am Freitag im Ratssaal in Binzen vorgestellt wurde, widmet sich dem Schwerpunkt Vorderes Kandertal. Aber auch Ötlingen kommt zu Ehren.

Bei der Buchpräsentation gab Bürgermeister Andreas Schneucker einen kurzen Abriss über die aktuelle Situation der 3000-Einwohner-Gemeinde. Der Rathauschef hob die gute Infrastruktur des Ortes hervor, erwähnte die Kinderbetreuung wie die Seniorenwohnanlage: "Wir haben ein Herz für Junge und Alte". Er erwähnte auch den engagierten Flüchtlings-Helferkreis. Viel gemacht werde auch für neue Baugebiete. Bei allem Fortschritt sei es aber wichtig, dass der dörfliche Charakter erhalten bleibe.

Ehrenvorsitzender Erhard Richter blickte auf die Entstehung des Vereins zurück, der 900 Mitglieder hat und sich mit der Geschichte, Volkskunde, Naturkunde und Geologie des Markgräflerlands und seiner angrenzenden Gebiete befasst. Den aktuellen Band stellte Vorsitzender Hubert Bernnat vor. Man habe als Schwerpunkt das Vordere Kandertal ausgewählt, weil vor 1250 Jahren fünf Gemeinden, Binzen, Eimeldingen, Haltingen, Rümmingen und Wollbach, erstmals urkundlich erwähnt wurden. In seinem Aufsatz "Das Kandertal im Spiegel einer frühen Urkunde" beschäftigt sich Klaus Schubring mit der in Latein abgefassten Urkunde von 767, auf die sich die Jubiläen gründen.

In einem umfangreichen Beitrag erinnert Hermann Wiegand unter dem Titel "Ein Markgräfler Dichterpfarrer der Reformationszeit" an Paul Cherler (1541-1600), der lange Zeit Pfarrer in Binzen war und bedeutende Werke in Latein geschrieben hat. Cherler war aus dem Vogtland in den süddeutschen Raum gekommen, weil dort zur Reformationszeit Bedarf an protestantischen Pfarrern herrschte. Von Cherler ist eine Beschreibung des Dorfes Binzen zu seiner Zeit überliefert. Cherler sei einer der wichtigsten Vorgänger Johann Peter Hebels in der Literatur der badischen Markgrafschaft, schließt Wiegand seinen Aufsatz. Die Lebenserinnerungen des Pfarrers Friedrich Ludwig Raupp 1814-1899 hat Axel Huettner aufgearbeitet, transkribiert und mit Anmerkungen und Bildern versehen. In Vogelbach geboren, wuchs der Pfarrersohn in Wollbach auf, wirkte einige Zeit in Mappach und war später Pfarrer in Grenzach. Raupps handschriftlich festgehaltener Lebensbericht gibt authentische Einblicke in das Leben des Pfarrers, den Alltag im Pfarrhaushalt und das politische Zeitgeschehen in den Wirren der Revolution. Das Kandertal war damals, so Bernnat, nicht revolutionär, während man dem Pfarrer Raupp nachsagte, er befördere aktiv die Revolution. Was zum Zerwürfnis mit der Gemeinde, zur Suspendierung vom Amt und späteren Versetzung führte.

Mit Ötlingens "vergessenem" Bürgermeister Julius Güthlin, der zur Nazi-Zeit im Amt war, befasst sich Ulrich Tromm. In dem Beitrag geht es um aktenkundige Eklats, Missstände und Handgreiflichkeiten während Güthlins Amtszeit. Zielscheibe seiner Nachstellungen war der Hauptlehrer Kuhn, ein bekennender Sozialdemokrat und Nazi-Gegner, der den Nazi-Bürgermeister wegen eines tätlichen Angriffs anzeigte und vom Gericht Recht bekam. 950 Jahre Ötlingen und zehn Jahre Art-Dorf: Diese beiden Jubiläen nimmt Oliver Uthe zum Anlass, die Geschichte des Wein- und Kunstdorfs aufzurollen. In Uthes mit vielen Bildern illustriertem Beitrag wird anschaulich die Entwicklung des Rebdorfs nachgezeichnet.

100 Seiten umfasst der Schwerpunkt Kandertal. Bernnat wies aber noch auf weitere interessante Themen im Band hin, darunter die Kriegserinnerungen von Erhard Richter, der als Jugendlicher mit 17 Jahren in die Endphase des Zweiten Weltkriegs hineingezogen wurde, zur Kriegsmarine kam und in Kriegsgefangenschaft geriet. Ein weiterer Beitrag Richters befasst sich mit einem schlimmen und wenig aufgearbeiteten Kapitel der Kriegszeit: Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern. Von Gerhard Moehring stammt das Porträt über den Unternehmer Philippe Suchard, einem Pionier der frühen Industrialisierung.

Ein "ganz heißes, aktuelles und brisantes Thema" hat Kurt Paulus akribisch aufgearbeitet: "die "Hinterlassenschaften der Chemischen Industrie in Grenzach-Wyhlen", sprich die Altlasten und Chemiemüll-Deponien.