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08. Dezember 2009
GLOCKEN-KLANG: Der "ärmliche" Ruf des Glöckleins
Die kleine Glocke der "Pestkapelle" St. Alban im Oberdorf hat eine für Bötzingen typische, überkonfessionelle Geschichte.
BÖTZINGEN. Hoch oben, in einem hölzernen Dachreiter, hängt die Glocke von St. Alban. Es ist die einzige Glocke dieser Kapelle im Oberdorf von Bötzingen. Und es ist die kleinste der Glocken im größten Dorf des Kaiserstuhls, und doch zugleich die historisch bedeutendste der Glocken seiner drei Kirchen. Ja, sie verkörpert geradezu die kirchliche wie politische Geschichte dieser Gemeinde. Sie hängt auf einem katholischen Kapelle, ist aber Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde. Denn tat sie einst Dienst im ersten evangelischen Gotteshauses in (Alt-) Bötzingen, läutet sie heute im einstigen Oberschaffhausen. Sie ist wie ein Sinnbild für den einst viergeteilten Ort: 1838 wurden die Gemeinden Bötzingen und Oberschaffhausen vereinigt, die beide damals je aus einem größeren evangelischen und einem kleineren katholischen Teil bestanden – ersterer, weil hier einst markgräflich badische-Untertanen lebten, letzterer dagegen war unter österreichischer Landesherrschaft gestanden.
Bernhard Hunn, der gerade gegenüber von St. Alban an der Bergstraße wohnt, verwaltet nicht nur den Schlüssel der Kapelle, er weiß auch einiges über ihren Werdegang und den der Glocke zu erzählen. Das Kirchlein war 1481 aufgrund eines Gelübdes beider Ortschaften nach einer Pestseuche errichtet worden. Kurz darauf wurde die Kirche ausgemalt, nur um gut ein Jahrhundert später übertüncht zu werden. Doch das Wissen um die nun verborgenen Fresken – darunter Szenen aus dem Leben des "Pestheiligen" St. Alban – hielt sich über Generationen in der Dorfbevölkerung, weiß Hunn. Und so ging man ab 1961, als unter dem katholischen Pfarrer Leonhard Kempf die Kapelle renoviert wurde, an die Freilegung der Wandgemälde, deren Ergebnis alle Erwartungen übertraf. Der zähe Widerstand der Oberschaffhausener und der Katholiken beider Orte über Jahrhunderte hinweg gegen den immer wieder einmal erwogenen Abriss des Kirchleins wurde nun belohnt.
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Wie kam nun aber die evangelische Glocke auf das Dach? Die eigene Glocke der Kapelle war im 2. Weltkrieg eingeschmolzen worden. Die jetzige Glocke hing nur wenige Häuser weiter im Dachreiter der alten Oberschaffhausener Schule. Dorthin war sie wohl spätestens 1848 gekommen, denn damals wurde die evangelische Kirche neu gebaut, mit einem Glockenturm mit neuen Glocken. Ihr Altbau trug nur ein von 1738 stammendes "Noth-Glockenthürmchen" auf dem Dach mit zwei "ärmlichen Glocken", wie in einem Schreiben der Gemeinde damals geklagt wurde. Und eine dieser ärmlichen Glocken ist eben die heutige Glocke von St. Alban. Das wurde endgültig 1980 belegt, als Bernhard Hunns Sohn Otto in den Glockenstuhl kletterte, um die Inschrift des Glöckleins zu entziffern. Sie zeigt an, dass die Glocke 1733 "für die marggraffishe Gemeind Bötzingen" gegossen wurde.
So war also die wohl keine drei Zentner schwere Glocke zuerst von der alten evangelischen Bötzinger Kirche auf das Oberschaffhausener Schuldach und exakt hundert Jahre später, nämlich 1947, in den seit dem Krieg verwaisten Glockenstuhl von St. Alban gewandert. Die ganze Zeit aber blieb sie im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde – und das bis heute. Denn für St. Alban ist sie eine Leihgabe – mit der Maßgabe, auch im Oberdorf den Gottesdienst in der Bötzinger evangelischen Kirche anzukündigen, ebenso wie den in der katholischen Pfarrkirche. Damit keine Verwirrung entsteht, läutet es für die Evangelischen zwei Minuten am Stück, für die Katholiken zwei mal eine Minute, mit Pause. Zu den Betzeiten um 6, 11 und 19 Uhr aber ruft es alle Christen gleich – echt ökumenisch eben, wie die Geschichte dieses Glöckleins.
Autor: Manfred Frietsch
