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08. November 2012

Abriss von Bad Boll war ein Fehler

Geschichtslehrer Matthias Wider beschäftigt sich in einer Studie mit dem Werden und Vergehen des Kurortes in der Wutachschlucht.

  1. Der Kurort Bad Boll in seiner Blütezeit. Foto: Privat

  2. Matthias Wider befasste sich im Rahmen eines geschichtsdidaktischen Forschungsprojektes mit Bad Boll und stellt interessante Aspekte der geschichtlichen Entwicklung dieser einstigen Kureinrichtung dar. Foto: Martha Weishaar

BONNDORF/BAD BOLL. Mit dem Werden und Vergehen der Siedlung Bad Boll befasste sich Matthias Wider während der Sommerferien im Rahmen einer geschichtsdidaktischen Studie, die der Löffinger für eine Lehrveranstaltung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg verwendet.

Dort hat der Löffinger einen Lehrauftrag mit dem Schwerpunkt "Historische Orte" inne. Dabei geht es dem Geschichtslehrer des hiesigen Bildungszentrums und Fachleiter am Seminar für Didaktik in Freiburg weniger um fachwissenschaftliche Erkenntnisse, als vielmehr um die geschichtsdidaktische Wirkung historischer Orte. Nachdem sich Matthias Wider bereits ausgiebig mit dem Hartmannsweilerkopf sowie dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof befasst hatte, war Bad Boll für sein Forschungsprojekt ein reizvoller Ort, der weder eine Rolle in kriegerischen Auseinandersetzungen spielte noch ideologisch nationalsozialistisch befrachtet war.

Die Ausführungen von Matthias Wider gestatten auf Grundlage des bekannten Wissens um die Entstehung und Blütezeit der einstigen Kureinrichtung eine ungewöhnliche Sicht auf "Das Werden und Vergehen" der Siedlung Bad Boll. Als "Ausdruck menschlichen Lebens überhaupt" bezeichnet der Autor eine Siedlung und führt weiter aus, dass deren Preisgabe das Scheitern des Geschlechts anzeigt, "das es nicht vermocht hat, das Leben an diesem Ort in die Zukunft hinein zu tragen." Infolge menschlichen Scheiterns wurde aus der Siedlung eine "Wüstung". Und als solche wurde Bad Boll in den Jahren 1992/93 nach gründlicher Abrissarbeit dem Erdboden gleichgemacht.

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Eine 500-jährige Geschichte wurde quasi über Nacht

ausgelöscht.

"Heute erinnern nur noch die im Verfall begriffene Kapelle, einige spärliche steinerne Zeugen unter Gras und Sträuchern, der kleine Felsenweiher, einzelne Fremdlingspflanzen und der von stattlichen Ahornbäumen gesäumte Badweg daran, dass hier vor Zeiten nicht nur der gerne zitierte rege Kurbetrieb herrschte, sondern dass hier einst einfach auch gelebt und gewirtschaftet, gestritten und getanzt, musiziert und getrauert, gebadet und flaniert, geheilt und gequacksalbert, geglaubt, verflucht, gelitten und geholfen wurde. Die Hinterlassenschaften einer über 500-jährigen Geschichte, die von Höhen und Tiefen, von Irrungen und Wirrungen, von Größe und Niedergang erzählen könnten, sind gleichsam über Nacht ausgelöscht worden; sie sinken mit jedem weiteren Jahr mehr in Vergessenheit herab, auch wenn sich die mit der Zeit schwindende Kraft der Erinnerung noch so sehr dagegen stemmen mag", resümiert der Autor. Und er plädiert dafür, außer dem Erhalt der Badhofkapelle auch Rudimente des einstigen Kurhauses von der wuchernden Vegetation zu befreien, wenigstens einen Teil der ehemaligen Parkanlage wieder zur Begehung herzurichten und den Standort der anderen zerstörten Gebäude beispielsweise durch eine geeignete Grundrissbepflasterung wieder heraus zu präparieren. "Von geschichtsdidaktischer Warte aus betrachtet, muss der Abriss von Bad Boll als ein vom Moment geleiteter Fehler eingeordnet werden: einmal, weil er greifbare Erinnerung an menschliches Leben verschleudert und zum anderen, weil er das Jahrhunderte währende teils zähe Ringen um Kontinuität vollständig entwertet hat", urteilt Matthias Wider nach eingehender Forschung.

Beeindruckt haben ihn freilich auch seine Begegnungen mit Wanderern, welche geradezu erschüttert waren, als sie erfuhren, wie radikal dieser geschichtsträchtige Ort ausgelöscht wurde. "Diese kurzen, höchst interessanten Begegnungen haben mir gezeigt, wie enorm wichtig es ist, dass sich ein Freundeskreis, die Stadt Bonndorf und mittlerweile auch endlich das Land dem Erhalt der Kapelle widmen. Es muss dabei auch gar nicht so sehr darum gehen, die Kapelle wieder auf die eine oder andere Weise zu nutzen, sondern vielmehr darum, sie zu erhalten, damit sie weiter bestehen kann und den Wanderer durch ihre reine Existenz stimuliert, sich dessen zu erinnern, was dem Ort an menschlicher Vergangenheit anhaftet, sei es auch nur für einen kurzen Moment. Würde die Kapelle zerfallen, wäre es auch mit der Stimulation aus und die Geschichte des Ortes bliebe vor allem dem Unkundigen auf Dauer versperrt." Gerade solche echten Plätze mit historischer Aura üben eine besondere Wirkung auf Besucher aus und lassen sie Geschichte spüren.

Die Heilquelle wurde schon im Mittelalter

genutzt.

Dabei muss freilich die ganze Historie von Bad Boll betrachtet werden und nicht nur die glanzvolle Epoche, als eine illustre, internationale Gästeschar den mondänen Flair der Kureinrichtung weit über die Landesgrenzen hinaus populär machte. Matthias Wider dokumentiert die Bad Boller Historie angefangen von der Nutzung der Heilquelle im Mittelalter bis hin zu den befremdlichen Therapiemethoden des Werner Schütze in den 1960er Jahren, welche nicht nur die Bevölkerung kritisch beäugte, sondern die auch bundesweit in den Medien Beachtung fanden. Eine "Brutstätte der Kriminalität" wurde damals befürchtet. Er verweist aber auch auf das Gutachten des Landesdenkmalamtes, welches die Sachgesamtheit Badhaus, Kapelle sowie Reste der Parkanlage aus "heimatgeschichtlichen, wissenschaftlichen und vor allem kulturhistorischen Gründen" als Kulturdenkmal definiert, dessen Erhalt "im öffentlichen Interesse" liege. Dennoch übernahm das Land Baden-Württemberg 1990 die "hundertprozentige Kontrolle" über Bad Boll und schaltete den "Störfaktor Bad Boll" dauerhaft aus.

Matthias Wider stellt die Zusammenfassung seiner Erkenntnisse dem Freundeskreis Badhofkapelle zur Verfügung: http://www.kapelle-badboll.de

Autor: Martha Weishaar