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14. Juli 2016

Flussfahrt mit Pauken und Trompeten

Breisach war Schauplatz der Musikerzählung "Rheingold"/ Ein Streifzug durch 30 000 Jahre Musikgeschichte.

  1. Auch bei den Fasnachtstrommlern in Basel machte die musikalische Flussreise Station. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

BREISACH. Keine ganz kleine Aufgabe, die sich "Weltmusiker" Rüdiger Oppermann mit seinem Projekt "Rheingold", das er im Jahre 2014 für die Wormser Nibelungenfestspiele entwickelte, da vorgenommen hat. In dem knapp anderthalbstündigen musikalischen Erzählstück möchte der Harfenist und "Klang-Erfinder" nicht nur rund 30 000 Jahre Musikgeschichte erzählen und damit ebenso unterschiedliche Epochen wie Kulturen zum Klingen bringen, sondern auch den Strom selbst aus der einst völkisch-nationalen Ecke zurück ins rechte Licht fließen lassen.

Bunt gemischtes Ensemble
Zu diesem Zwecke hat Oppermann mit den "The Global Players" nicht nur ein bunt gemischtes Ensemble vom Urinstrumente spielenden Archäologen oder echten Alphornbläser über den mongolischen Obertonsänger oder die original Basler Fastnachtstrommlerin bis zu Orchester- und Jazz-Musikern zusammengestellt, sondern auch ein Stück komponiert, das sich zwar nahezu der gesamten Musikgeschichte bedient, das jedoch – dies sei vorweggenommen – nirgends bloß geklaut und – trotz teils enormer Zeit- und Stilsprünge – auch nirgends bloß zusammengestückelt wirkt.

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Der Fluss musste draußen bleiben
Bis zum frühen Nachmittag war noch unsicher, ob das "Rheingold", wie ursprünglich geplant, auf dem Rhein oder besser auf einem eigens dafür gecharterten Schiff, das am Anleger bei der DLRG-Wachstation festmachen und als Bühne dienen sollte, stattfinden würde. Aufgrund der unsicheren Wetterlage zog man es letztlich vor, am Ausweichspielort, der Eventhalle am Rhein, Harfen, Trommeln, Alp- und sonstige Hörner in Stellung zu bringen. Für 300 Zuschauer hätte am Rheinufer bestuhlt werden sollen. 120 Plätze bot die Eventhalle auf, von denen letztlich rund 100 mit Musikfreunden besetzt waren. Der Fluss musste also draußen, die Zuhörer drinnen bleiben, was sicherlich vor allem Kurzentschlossene vom "Rheingold" fernhielt. "Der Rhein zieht gemächlich vorbei und rahmt die Veranstaltung", fand Bürgermeisterstellvertreter Lothar Menges in seiner Begrüßung poetische Worte für den bedauerlichen Umstand der Spielortsverlegung. Obwohl am Rhein geboren und aufgewachsen, habe er die längste Zeit weder vom Fluss noch von dessen Musik eine große Ahnung gehabt, bekannte in seiner kurzen Einführung Komponist Rüdiger Oppermann. Erst die Beschäftigung mit der Musikgeschichte entlang des Rheins hätte ihm "die Ohren geöffnet". Auf offene Ohren hoffte er nun auch beim Publikum. "Nichts verstehen macht nichts, dann hören sie einfach zu", milderte er mögliche Ängste vor allzu geballter vertonter Musikwissenschaft.

Schwirrhölzer und Glasharfen
Kein Schelm, wen der Auftakt des "Rheingoldes" – von Oppermann Ouvertüre getauft – an Smetanas Moldau erinnerte. Offenbar klingen entspringende Flüsse eben so. Sukzessive ballte sich aus einzelnen, kleinen, musikalischen Bächlein ganz verschiedenen Ursprungs der gewaltige Klangstrom zusammen, der die Horchenden zunächst in die Steinzeit und ihre Instrumentenwelt spülte. Neben rekonstruierten Bogenharfen und Knochenflöten sirrte ein Schwirrholz durch die drückend warme Luft, die dieses, mit steinzeitlichen Spezialhandschuhen an einem Seil rasch im Kreise gedreht, zum Klingen brachte. Den weiten Zeit- und Raumsprung in die Alpen Graubündens und zur vertonten Sage der "Sontga Margriata" versuchte ein Erzähler, der den roten Faden entlang des Stroms über den ganzen Abend spannte, abzumildern, bevor das eindrucksvolle Lied erklang. Über den Rheinfall, der ordentlich tosen durfte, ging es nach Basel – wieder ein Zeitsprung, denn der Aufenthalt in der Stadt am Rheinknie wurde durch zwei Fastnachtstrommlerinnen verkündet – erreichte man den legendären Goldhut von Schifferstadt und purzelte zurück in die Bronzezeit.

Tragische Frauengestalten
Ihr Gold, der legendäre Nibelungenhort, wurde der tragischen Heldin Kriemhild von Hagen gestohlen und im Rhein versenkt. Nach einem kurzen Zitat aus dem mittelhochdeutschen Originaltext kam ein mongolischer Obertonsänger zu Wort, der an den Burgundenuntergang im Reich des Hunnenkönigs Attila gemahnte. Kein Glück mit Männern – oder diese, sofern es sich um Flussschiffer handelte mit ihr – hatte eine weitere tragische Frauengestalt entlang des Rheins: Die Loreley. Ihr Lied wurde von Glasharfen umrahmt. Ein vorbeiziehender Schubverband havarierte jedoch nicht. Seinen Unmut äußerte der Fluss mittels Erzählerstimme über seine Rolle als Industriestandortvorteil. Beklagte aber doch ein wenig den Niedergang von Stahlindustrie und Bergbaumythos im Ruhrgebiet, was mit archaischen Hammerschlägen untermalt wurde.

In der Nordsee verschwunden
Dass auch ein Fluss sich freuen kann, wurde im großen Finale deutlich: Klangreich vermischt sich der Rhein mit der Nordsee, in der er dann lautlos verschwindet. Verschwunden war inzwischen auch die Sonne über dem Rhein und ein großes Klangerlebnis ging zu Ende, das am eigentlich vorgesehenen Aufführungsort noch mehr von seinem seltsamen Zauber hätte entfalten können.

Autor: Julius Steckmeister