"Freiheit ist typisch deutsch"

Ute Schöler

Von Ute Schöler

So, 06. Mai 2018

Breisach

Der Sonntag Der Helferkreis für Flüchtlinge gestaltet eine Ausstellung im Breisacher Rathaus.

Was fördert Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft? Viele Helferkreise widmen sich auch dieser Frage. Nun soll eine Ausstellung unter dem Titel "Was ist typisch deutsch?" neue Gesprächsimpulse zwischen Alt- und Neubreisachern geben.

Die Idee stammt aus Berlin. Hier hatte Staatssekretärin Sawsan Chebli im vergangenen Jahr die Kampagne "Farben bekennen" gestartet, die durch Fotoporträts mit persönlichen Stellungnahmen von Geflüchteten und deutschen Prominenten für gesellschaftliches Miteinander wirbt. Idee und Stil haben die Breisacher Aktivisten mit Einverständnis aus Berlin übernommen, aber inhaltlich eigene Schwerpunkte gesetzt.

"Uns ging es mehr um Begegnung. Wir haben festgestellt, dass selbst bei den Familien in Schulen und Kindergärten nur wenig Kontakt entstanden ist, obwohl es da grundsätzlich mehr Berührungspunkte als bei Alleinstehenden gibt", erzählt die Sonderpädagogin Cornelie Büchner, die die Projektidee einbrachte und mit einem fünfköpfigen Team umsetzte. "Wir dachten uns, ein bisschen mehr übereinander zu erfahren, wäre gut", sagt ihr Ehemann und Projektpartner Heiko Büchner, ansonsten Realschullehrer in Breisacher Vorbereitungsklassen. Die "Allianz für Beteiligung" (allianz-fuer-beteiligung.de) förderte das Projekt.

Anders als in Berlin sind die Interviewten nicht Prominente, sondern Menschen, die sich jeden Tag auf der Straße, beim Arzt oder im Einkaufsladen begegnen. Die fotografischen Porträts zeigen Gesichter, die man wiedererkennt, ohne viel von ihnen zu wissen. Befragt wurden geborene oder zugezogene Breisacher, die beruflich mit Flüchtlingen zu tun haben, und Geflüchtete aus verschiedenen Ländern. Die Antworten, etwa auf die Titelfrage "Was ist typisch deutsch?", durften durchaus provozierend ausfallen.

Jacob und Michaela Loewe berichten von ihren Erfahrungen in der Arztpraxis. Polizist Thomas Stein zeigt sich froh über die Auflösung enger Sammelunterkünfte. Der Gipser Ulrich Glockner und der Gastronom Wilhelm Kläsle erzählen von zunächst skeptisch aufgenommenen Praktikanten, die zu geschätzten Mitarbeitern wurden.

Zu den aus Afghanistan, Deutschland, Gambia, Iran, Irak, Polen und Syrien stammenden Interviewten gehören auch die drei syrischen Teampartner sowie eine Tochter der Büchners. Durch ihre weltoffenen, engagierten Eltern hat Emma (10) die Menschen aus fernen Ländern schon oft als temporäre Familienmitglieder oder beim Kochprojekt des Helferkreises erlebt und eigene interkulturelle Freundschaften geschlossen.

Der 18-jährige Syrer Bader Rihawi, der mit seiner Schwester für einige Zeit bei der Familie Büchner lebte, nennt den Begriff "Freiheit" als typisch deutsch. Roula Younes, die in Syrien Französisch studierte und nun Erzieherin werden möchte, wagt mutig auch Kritik. Sie erklärt: "Wenn jemand in Syrien seinen Vater oder seine Mutter ins Pflegeheim bringen möchte, sagt man zu ihm: ’Du hast ein Haus, du hast Geld – warum tust deiner Mutter das an?’"

Als schönste Erfahrung in Deutschland nennt sie das Gefühl, eine Zukunft gefunden zu haben. Auch Milad Adrah, von Beruf Kameramann und der Fotograf des Projekts, reflektiert Stärken und Schwächen der deutschen Gesellschaft.

Die ersten Publikumserfahrungen am Tag der offenen Tür des Helferhauses im April waren gut: "Viele Leute haben die Interviews wirklich sehr genau durchgelesen und darüber gesprochen", erzählt Cornelie Büchner. Im Rathausfoyer sollen nun auch Bürger einen Zugang finden, die den Weg ins Helferhaus nicht schafften.
Was ist typisch deutsch? Ausstellungseröffnung am Dienstag, 8. Mai, um 17 Uhr im Foyer des Breisacher Rathauses, Münsterplatz 1. Die Ausstellung ist geöffnet bis zum 9. Juli zu den üblichen Amtszeiten, auch auf der Webseite http://www.helferkreis-breisach.de sind die Ergebnisse des Projektes zu sehen.