Freiheit, Pünktlichkeit und Formulare

Ingrid Wenz-Gahler

Von Ingrid Wenz-Gahler

Di, 29. Mai 2018

Breisach

Der Helferkreis zeigt im Breisacher Rathaus die Ausstellung "Typisch deutsch" / Ein Blick von außen auf die Identität der Deutschen.

BREISACH. Was denken Menschen anderer Herkunft über uns Deutsche? Das können Alt- und Neu-Breisacher nun in einer Ausstellung des Helferkreises erfahren, die von Bürgermeister Oliver Rein im Rathaus eröffnet wurde. Er erinnerte daran, dass am 8. Mai 1945 unser Land von Zwang, Furcht und Terror befreit wurde. Für alle Deutschen stellte sich die Frage nach der Identität neu – eine Frage, die alle Flüchtlinge und Neuankömmlinge in unserem Land beschäftigt.

Doch was fördert eine Integration? Die Gäste der Vernissage könnten sicher einiges dazu sagen. Bürgermeister Rein begrüßte unter anderem Luisa Lindenthal, Integrationsbeauftragte vom Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, Kerstin Manz vom Helferkreis, Hannes Schuster von der "Allianz für Beteiligung", die das Projekt förderte, und Werner Nickolai vom Runden Tisch.

Der Helferkreis thematisiert mit der Ausstellung "Typisch Deutsch", worüber sich auch Deutsche nicht unbedingt einig sind. Zu Wort kommen "Neu-Breisacher", Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, Syrien, Afghanistan und Gambia, die seit etwa 2015 in Breisach leben. Ihren Erfahrungen werden die Ansichten von Breisacher Bürgern gegenübergestellt, die eher aus Berufsgründen mit Flüchtlingen zu tun haben – Ärzte, eine Kindergartenleiterin, ein Gastronom, eine VHS-Lehrerin, eine Vermieterin, ein Handwerker, ein Polizist, ein Lehrer und ein Integrationsbeauftragter.

Die Idee für die Ausstellung kam aus der Kampagne "Farbe bekennen" in Berlin, in der durch persönliche Stellungnahmen von Geflüchteten und deutschen Prominenten für ein gesellschaftliches Miteinander geworben wurde. "Erstmals bekommen die Flüchtlinge in dieser Stadt ein Gesicht, einen Namen, ein Alter, eine Herkunft und eine Meinung", erklärte Milad Adrah aus Syrien, von Beruf Kameramann und der Fotograf des Projekts. Viele hätten es abgelehnt, sich hier zu äußern, viele wollten auch nicht ihr Foto zeigen aus Angst vor dem Erlebten in ihrem Herkunftsland. Doch wie wird aus Angst Vertrauen? Das zu beantworten ist ein Anliegen dieser Ausstellung. Cornelie Büchner, Sonderpädagogin und Initiatorin des Projekts, sprach davon, dass eine solche Schau Neugier aufbauen und Fragen aufwerfen kann wie: "Wer bist du? Woher kommst du? Wie lebst du und wie unterscheidest du dich von uns?" Zusammen mit ihrem Mann Heiko Büchner, Realschullehrer in Breisacher Vorschulklassen, und drei Flüchtlingen hatte sie das Projekt ins Leben gerufen.

27 Interviews
27 Interviews auf großen Tafeln hängen nun im Rathaus und geben den Bürgern, die dort fast täglich verkehren, um ihren eigenen Alltag zu ordnen, die Möglichkeit, sich mit den Erfahrungen und Gedanken auseinanderzusetzen. Was ist typisch deutsch? Für den Lehrer Mike Pelt sind es "Pünktlichkeit und Formulare". Und auch der aus Polen stammende Integrationsbeauftragte Adalbert Respondek nennt "Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordentlichkeit". Für Murat aus dem Irak stehen die "Freiheit" an erster Stelle und die Erfahrung, dass "Männer und Frauen gleich sind". "Freiheit" ist auch für den 18-jährigen Bader aus Syrien das wichtigste Gut ebenso wie für die aus Syrien stammende Shaza, die hier ihr 3. Kind zur Welt brachte. Gulajan aus Afghanistan fielen die "Pünktlichkeit beim Essen und bei der Arbeit" sofort auf, aber ihn beeindruckte auch die Religionsfreiheit hier im Land.

Neben der "Freiheit" wird häufig die "Schule" genannt, die in Deutschland für alle Kinder möglich ist. Die 29-jährige Roula aus Syrien lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Breisach und freut sich, dass "die Kinder beim Spielen lernen dürfen und nicht wie in Syrien früh schreiben müssen", dass "sich die Eltern Zeit für die Kinder nehmen und ihnen Hobbys ermöglichen". Aber sie bemängelt auch, dass die "Menschen ein bisschen wie Maschinen sind und dabei vergessen, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht". Nachdenklich stimmt auch ihre Beobachtung, dass "die Kinder sich nicht um ihre Eltern kümmern, wenn sie alt sind. Die alten Menschen sind oft einsam, darum haben sie dann einen Hund."

Die Ausstellung thematisiert Stärken und Schwächen der deutschen Gesellschaft. Darüber sich auszutauschen, bietet sie reichlich Gelegenheit.

Die Ausstellung im Breisacher Rathaus ist bis zum 9. Juli zu den Amtszeiten geöffnet. Die Inhalte sind auch auf der Website des Helferkreises nachzulesen unter http://www.helferkreis-breisach.de