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20. Oktober 2010 15:09 Uhr

Weinlese

Kaiserstühler Wein-Bilanz: Dramatisch kleine Menge, ordentliche Qualität

Trotz einer ordentlichen Qualität sind die Winzergenossenschaften und Weingüter des Kaiserstuhls mit der Weinlese 2010 nicht zufrieden. Denn die Erntemenge ist deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben und liegt 30 Prozent unter dem Durchschnitt.

  1. Die Qualität der Trauben ist in diesem Jahr ordentlich. Foto: Herbert Trogus

  2. Nachdem der Most im Fass ist, haben die Mitarbeiter des Badischen Winzerkellers nun im Keller viel zu tun. Foto: Badischer Winzerkeller

  3. Die Weinlese ist so gut wie abgeschlossen, Rebscheren, Handschuhe und Eimer können aufgeräumt werden. Foto: Benjamin Bohn

BREISACH/KAISERSTUHL. Vor allem bei den Weißweinen wird es deshalb teilweise zu Lieferschwierigkeiten kommen. Einige Geschäftsführer sprechen sogar von einer "dramatischen Situation". Für die Winzer bedeutet dies sinkende Einkommen und für die Verbraucher höhere Preise.

"Die Hauptlese ist fast abgeschlossen, wir haben weitgehend alles im Keller", berichtet Wilfried Dörr, der im Vorstand des Badischen Winzerkellers in Breisach für die Kellerwirtschaft zuständig ist. Lediglich für einige Spezialitäten und für Eisweine würden noch Trauben in den Rebbergen hängen. Die Weine des Jahrgangs 2010 sind nach seinen ersten Eindrücken "sortentypisch, charaktervoll, lebendig und komplex". Die Rotweine präsentierten sich vollmundig, rund und aromatisch ausgewogenen. Die Weißweine beeindruckten durch Spritzigkeit, Frucht und Eleganz.

Schuld ist das schlechte Wetter

Die geringe Erntemenge führt Dörr vor allem auf das schlechte Wetter während der Blüte zurück. "Die Natur ist nicht planbar", erklärt er. Der Badische Winzerkeller werde nach jetziger Einschätzung nur rund 19 Millionen Liter Wein einlagern können, 17 Prozent weniger als im Vorjahr (23 Millionen Liter) und über 25 Prozent weniger als bei einer durchschnittlichen Ernte (26 Millionen Liter). Ähnliche Verhältnisse zeichnen sich laut Dörr in den meisten anderen Weinanbaugebieten Deutschlands ab.

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Auch Dörrs Vorstandskollege Axel Hahn, der die Bereiche Marketing und Vertrieb betreut, hätte sich einen mengenmäßig größeren Jahrgang gewünscht. Denn die Geschäfte des Badischen Winzerkellers liefen momentan gut. Hahn geht davon aus, dass das Ziel, 2010 den Umsatz auf rund 52 Millionen Euro zu steigern, bis zum Jahresende erreicht wird.

Die kleine Ernte 2010 werde es jedoch nahezu unmöglich machen, den Umsatz im kommenden Jahr zu halten, obwohl die Breisacher Kellerei gerade beim Rotwein noch über Reserven verfüge. Die geringe Ernte werde dazu führen, dass der Badische Winzerkeller in den nächsten 12 Monaten weniger Wein verkaufen könne als er wolle. Hahn will versuchen, bei den Weißweinen die Preise um mindestens 5 Prozent anzuheben, bei den Rotweinen werde dies etwas schwieriger. Angst, im Lebensmittelhandel Regalflächen zu verlieren, hat Hahn nicht. "Wir werden liefern, was wir können", sagt er.

Besonders hat getroffen sind Weiß- und Grauburgunder

Rolf Hofschneider, Geschäftsführer der WG Oberbergen und Sprecher der Kaiserstühler Winzergenossenschaften, spricht im Hinblick auf die Erntemenge 2010 von einer "teilweise dramatischen Situation". Zwar sei es erfreulich, dass der in Baden durchaus vorhandene Überhang beim Rotwein bald wieder der Vergangenheit angehören werde. Bei den Weißweinsorten, vor allem beim Weiß- und Grauburgunder, "ist es jedoch dramatisch, hier gab es teilweise gerade einmal 60 bis 70 Kilogramm je Ar". Auch Müller-Thurgau gebe es zu wenig. "Dass der Müller-Thurgau am Kaiserstuhl nur zwischen 80 und 100 Kilogramm je Ar gebracht hat, habe ich noch nie erlebt", erklärt er.

"Kein Weingut schwimmt am Kaiserstuhl im Wein."

Johannes von Gleichenstein
Erfreulich ist dagegen die Qualität, die besser als erwartet sei. Die Öchslegrade würden beim Grauburgunder meist zwischen 85 und 90, beim Müller-Thurgau zwischen 77 und 80 und beim Spätburgunder häufig auch über 90 liegen. Der Anteil von Weißherbst werde wohl nur zwischen 15 und 20 Prozent betragen.

Einige Winzergenossenschaften des Kaiserstuhls hätten zu Beginn der Ernte das Mindestmostgewicht bei den Burgundersorten von 85 auf 82 oder 83 Öchsle gesenkt, dieser Schritt sei im Rückblick aber nicht nötig gewesen.

Aufgrund der kleinen Ernte hofft der Geschäftsführer, die Preise etwas nach oben drücken zu können. Schön wäre es zum Beispiel, die Preiseinstiegsstufe beim Müller-Thurgau von 2,99 auf 3,29 Euro anzuheben, sagt er. Hofschneider wünscht sich, dass der Handel dabei mitmacht, zumal die kleine Ernte für die Winzer Einkommensverluste von bis zu 30 Prozent bedeute. "Zu wenig Wein im Keller zu haben, ist viel schwieriger, als wenn man zu viel hat. Es wird problematisch, die Marktanteile zu halten. Dies könnte den ausländischen Weinen zu Gute kommen", meint Hofschneider.

Roland Leininger, Geschäftsführer der WG Oberrotweil, hätte sich eine deutlich größere Ernte 2010 gewünscht. Normalerweise ernten seine Mitglieder an die 90 Liter je Ar, heuer sind es unter 80 Liter, was bei den Weißweinen auf jeden Fall zu Engpässen führen wird – vor allem beim Grau- und beim Weißburgunder.

"Auch beim Spätburgunder", sagt der Geschäftsführer, "wird es nicht soviel wie gewohnt geben." Insofern sei er froh, beim Rotwein noch Reserven im Keller liegen zu haben. "Die sind nach einem Jahr dann aber auch weitestgehend weg", betont er. Insofern hofft und glaubt er, dass der Druck auf die Preise beim Spätburgunder und beim Weißherbst nachlassen wird.

Folgen für de Handel

Von einer dramatischen Situation spricht Reinhard Streit, Geschäftsführer der WG Bischoffingen. Gegenüber 2009 habe seine Genossenschaft 20 und gegenüber einem durchschnittlichen Jahr sogar 30 Prozent weniger Trauben ernten können. Die Menge werde unter 70 Liter je Ar liegen. "Bei den Weißweinen sieht es hochdramatisch aus und auch bei den Rotweinen gibt es Probleme, weil wir kaum Vorräte im Keller haben", sagt er. Es werde unmöglich, den Handel bei allen Sorten bis zur Ernte 2011 beliefern zu können. Deshalb müssten alle badischen Betriebe die Preise erhöhen. Streit plant bei den weißen Sorten eine Anhebung um 10 Prozent und bei den Rotweinen um 5 Prozent.

"In den Jahren 2011 und 2012 wird bei den Winzern das große Jammern einsetzen", ist sich Streit sicher, denn dann werde sich die geringe Menge auf die Auszahlungspreise der Betriebe an ihre Mitglieder auswirken. Um künftig eine sinnvolle Vorratspolitik betreiben zu können, wünscht sich der Geschäftsführer, dass die Weißweine eines Jahrgangs erst im April oder Mai des Folgejahres und die Rotweine erst ab Oktober oder November an den Handel verkauft werden. "Der Jugendwahn bei den Weinen muss ein Ende haben", fordert Streit. Dass die Qualität der Trauben besser als erwartet ist, sei erfreulich, könne aber die Verluste, die durch die kleine Menge entstehen, nicht ausgleichen.

Preiserhöhungen nicht ausgeschlossen

"Auch bei den Kaiserstühler Weingütern sind fast alle Trauben im Keller", sagt ihr Sprecher Johannes von Gleichenstein aus Oberrotweil. Die Qualität passe gut in den Markt. Er erwartet Weine, die nicht so alkoholreich sind wie im vergangenen Jahr, und dennoch eine schöne Struktur, Säure und viel Frucht aufweisen. Die Trauben hätten überwiegend gesund gelesen werden können, was dem Aroma der Weine zugute komme. Die Rotweine wiesen eine gute Farbe und eine schöne Tanninstruktur auf. Auch die Säurewerte seien erfreulich.

Wie ihre Kollegen bei den Winzergenossenschaften sind auch die Besitzer der Kaiserstühler Weingüter mit der Erntemenge nicht zufrieden. Der große Verlierer sei vor allem der Grauburgunder, der teilweise nur 50 Liter je Ar gebracht habe. Auch Gleichenstein spricht hier von einer "dramatischen Situation". "Ich weiß schon heute, dass ich den Grauburgunder einige Monate nicht liefern kann", sagt er. Bei den Rotweinen sehe es teilweise etwas besser aus, "aber im Wein schwimmt kein Weingut am Kaiserstuhl", betont er. Im Gegenteil: Viele würden Probleme haben, ihre Kunden bis zur nächsten Ernte 2011 durchgängig beliefern zu können. Deshalb werde es sicherlich auch bei den Weingütern in einigen Bereichen zu Preiserhöhungen kommen.

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Autor: Gerold Zink