"Mit der Vergangenheit leben lernen"

kff

Von kff

Do, 20. Juni 2013

Breisach

BZ-INTERVIEW mit Christiane Walesch-Schneller über das 10-jährige Bestehen des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses in Breisach .

BREISACH. Eine Woche der Begegnung veranstaltet der Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach ab Sonntag und feiert damit das 10-jährige Bestehen der Gedenk- und Begegnungsstätte Blaues Haus. Mit der Vereinsvorsitzenden Christiane Walesch-Schneller sprach BZ-Mitarbeiter Kai Kricheldorff.

BZ: Erinnerung, Partnerschaft und Zukunftsgestaltung sind die Stichworte, unter denen die Woche der Begegnung in Breisach steht. Was verbinden Sie mit diesen Begriffen?

Walesch-Schneller: Für Juden und Nichtjuden ist es die Erinnerung an eine qualvolle, komplizierte Geschichte und ihre langwierige Aufarbeitung. Jede Familie ist in irgendeiner Weise betroffen. Dafür ist das Blaue Haus in Breisach ein Ort des Gedenkens, aber auch der Begegnung und Auseinandersetzung geworden. Es ist die Partnerschaft, die wir als Förderverein in den letzten 10 Jahren von vielen Menschen, Institutionen, Vereinen und Organisationen erfahren haben. In Breisach und darüber hinaus. Alle hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Beispielhaft möchte ich das Landesamt für Denkmalpflege herausgreifen, das sich sehr für die Renovierung des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses und seine Funktion als Gedenk- und Begegnungsstätte eingesetzt hat. Ich denke an die vielen jüdischen Familien in aller Welt, die Wurzeln in Breisach haben und unsere Arbeit vielfältig unterstützen, an die Aktion Sühnezeichen, die mehrfach Sommerlager hier veranstaltet hat, bei denen mehr als 100 Studenten, viele von ihnen aus Osteuropa, am Aufbau des Hauses tatkräftig geholfen haben. Und nicht zuletzt an die Breisacher Stadtverwaltung und viele Breisacher Bürger sowie Unternehmen, die den Förderverein bei seiner Arbeit großzügig finanziell und mit Sachleistungen unterstützen. Unsere Aufgabenstellung für die Zukunft wird sein, die begonnene Arbeit fortzusetzen.

BZ: Wenn Sie auf die vergangenen 10 Jahre zurückblicken, welche Veränderungen registrieren Sie in Breisach in Bezug auf die jüdische Geschichte der Stadt und wie mit ihr heute umgegangen wird?

Walesch-Schneller: Ich glaube, dass wir mit dazu beitragen konnten, die Geschichte der Juden in Breisach und das Geschehen während der Zeit des Nationalsozialismus stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und als Teil der Heimatgeschichte zu vermitteln. Es war die Voraussetzung dafür, dass eine Annäherung an diesen Teil unserer Geschichte stattfinden konnte. Mit dem Blauen Haus zu leben heißt, mit der schmerzlichen Erinnerung an die Vergangenheit leben zu lernen.

BZ: Der Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach pflegt weltweit Kontakte zu den Nachkommen von Breisacher Juden. Wie sehen diese Menschen Breisach heute?

Walesch-Schneller: Für viele jüdische Menschen mit Breisacher Vorfahren ist diese Stadt ein Ort, an den sie zurückkehren, um ihren Kindern ihre familiären Wurzeln zeigen und deren Geschichte erklären zu können. Das wird ebenso positiv gesehen wie die Offenheit, mit der sie als Gäste in Breisach willkommen geheißen werden.

BZ: Was sind die Höhepunkte des Programms der Festwoche?

Walesch-Schneller: Einmal ist es die Enthüllung der Skulptur von Heike Endemann vor dem Blauen Haus am Sonntagnachmittag und die anschließende Performance der Battery Dance Company aus New York sowie deren Aufführung am Abend in der Breisgauhalle. Nach 2006 ist diese Tanzgruppe zum zweiten Mal in Breisach zu sehen. Am Mittwochnachmittag, 26. Juni, findet im Blauen Haus dann eine Buchvorstellung in Anwesenheit des Autors Gabriel Groszman statt. Am Dienstag unternehmen die auswärtigen Gäste mit uns eine Exkursion ins ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Strutthof im Elsass. Dafür gibt es noch freie Plätze. Interessenten, die an der Fahrt teilnehmen möchten, können sich per E-Mail anmelden.

BZ: Der Förderverein arbeitet eng mit den Breisacher Schulen zusammen, auch jetzt während der Woche der Begegnung. Wie beurteilen Sie diese Kooperation, welche Zukunftsperspektiven sind Ihnen hier wichtig?

Walesch-Schneller: Wir haben einen kontinuierlichen Kontakt zu den Schulen aufgebaut. In diesem Rahmen bietet das Blaue Haus gemeinsame Projekte an und veranstaltet Zeitzeugengespräche sowie Vorbereitungsseminare für Schülergruppen, die in die Partnerstadt Oswiecim fahren und dort die Gedenkstätten des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz besuchen.

BZ: Wo werden Förderverein und Blaues Haus 2023, also in 10 Jahren, stehen?

Walesch-Schneller: Ich hoffe, dass wir unsere Arbeit weiter professionalisieren und die Stiftung ’Blaues Haus’ aufbauen können, damit das Blaue Haus selbst als ein Ort der Erinnerung und Begegnung auch in Zukunft seinen Beitrag für Toleranz und Verständigung zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen leisten kann.

Information und Kontakt: http://www.juedisches-leben-in-breisach.de E-Mail: info@juedisches-leben-in-breisach.de