Mit Kunst eine Veränderung anstoßen

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Di, 28. November 2017

Breisach

Carmen Dietrich und Gregor Merten statteten mit ihrem "Engel der Kulturen" dem Christophorus Jugendwerk einen Besuch ab .

BREISACH-OBERRIMSINGEN. Die Aktion "Engel der Kulturen" besuchte das Christophorus Jugendwerk in Oberrimsingen. Die "Sozialskulptur" ist nach den Anschlägen am 11. November 2001 entstanden und will ein greifbares Symbol der Toleranz sein.

Für die einen ist Kunst reiner Selbstzweck. Andere wiederum erwarten, dass sie nicht allein um ihrer selbst willen produziert und gezeigt wird. Letztere Ansicht teilen die Künstler Carmen Dietrich und Gregor Merten. Unter dem Eindruck der Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium Pentagon im Jahre 2001 war in den Köpfen der kreativen Künstler aus der Nähe von Köln die Idee zu einem greifbaren Symbol der Toleranz gereift. Seit 2008 nun touren Dietrich und Merten mit dem "Engel der Kulturen" durch die Republik.

Konflikte aktiv angehen
"Das brauchen wir hier", war Thomas Köck, Leiter des Christophorus Jugendwerkes, überzeugt, als er vor rund einem Jahr erstmals vom "Engel der Kulturen" gehört hatte. Auf dem Campus der Caritas-Einrichtung, die sich die Förderung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen auf die Fahne geschrieben hat, werden seit 2011 auch unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) betreut. Rund 1700 geflüchtete Jugendliche wurden hier in den vergangenen sechs Jahren aufgenommen, gefördert und begleitet. Derzeit leben Heranwachsende aus 27 Nationen auf dem Campusgelände in Oberrimsingen. "Natürlich gibt es da auch Konflikte", sagt Köck über das nicht ganz einfache Miteinander von jungen Männern aus sehr unterschiedlichen sozialen wie kulturellen Kontexten.

Konflikte nicht leugnen, sondern mit Verständnis, Offenheit und Dialogbereitschaft bearbeiten, ist auch das Ziel der Kunstaktion "Engel der Kulturen", in deren Zentrum eine ringförmige Rollskulptur mit reichlich Symbolgehalt steht – und auch mal liegt.

Im Mittelpunkt der Skulptur "Engel der Kulturen" stehen die Zeichen der drei abrahamitischen Religionen: Das Kreuz für das Christentum, der Sichelmond für den Islam und der Davidstern für das Judentum. Alle drei wurden in einem Ring vereint, dessen Rund auch für den Globus stehen soll. "Religionen sind dem Erhalt des Friedens und der Schöpfung verpflichtet. Wir wollten sie in ihrer Eigenständigkeit zeigen, aber doch zusammenfassen, um diese gemeinsame Verantwortung deutlich zu machen", erläutert Carmen Dietrich. Überrascht waren die beiden Künstler indes über ein Zufallsprodukt: Im Freiraum des metallenen Runds war zwischen den Symbolen ganz unbeabsichtigt eine Engel-Silhouette entstanden. Nachdem sich das Künstlerpaar versichert hatte, dass diese Wesen in allen drei Religionen ihren Platz haben, war neben der Skulptur auch gleich ihr Name geboren.

Mitdenken und mitmachen
Rund um das Kunstwerk haben Dietrich und Merten eine Mitmach-Aktion erdacht, die bereits in 114 Städten in Deutschland zu Gast gewesen ist. Beim Christophorus Jugendwerk hieß es, seit feststand, dass der Engel nach Breisach kommt, über etliche Wochen Hirnen und Handeln: Die Jugendlichen hatten die Aufgabe, sich selbst etwas zum Thema auszudenken, dies auch bildnerisch umzusetzen und am Aktionstag zu präsentieren.

So rollte denn – immer von anderen Helfern bewegt – der mobile "Engel der Kulturen" in seinem Metallring zunächst zur Flex-Fernschule, wo man sich des Themas Sprache als Mittel der Verständigung schlechthin angenommen hatte. Auf ein selbstgestaltetes Plakat, das die Skulptur farbenfroh wiedergab, wurde in allerlei Sprachen und Schriften das Wort Engel verewigt. Für eine Sprache, die jeder versteht, hatte man sich bei der Erich-Kiehn-Schule entschieden: Musik. Zudem gab es ein Puzzle mit Fürbitten, auf dem ebenfalls der "Engel der Kulturen" zu sehen war.

Gleich eine eigene Skulptur hatten indes die angehenden Handwerker aller im Berufsausbildungszentrum "BAZ" vertretenen Berufe geschaffen. Im Mittelpunkt des Gesamt- und Gemeinschaftskunstwerkes, auf das, wer mochte, seine eigenen Gedanken schreiben durfte, baumelte ein Globus. Filmisch war man das Thema Miteinander der Kulturen bei den "Flexiblen Hilfen" angegangen. Bei den Kurzinterviews standen Erfahrungen mit Religion in der Heimat wie in Deutschland im Mittelpunkt.

Bodenintarsie erinnert an Besuch
Den feierlichen Abschluss der Kunstaktion bildete der Einlass einer Bodenintarsie vor der Erich-Kiehn-Schule, die den "Engel der Kulturen" zeigt. Und wieder war Mitmachen angesagt – nicht nur für die religiösen Vertreter von Christentum und Islam – verhindert war der Vertreter der jüdischen Religion –, die jeweils auch einen Segensspruch vorbereitet hatten. Auch einige Gäste, wie der Vorsitzende des Breisacher "Runden Tisches für Mitmenschlichkeit", Roman Siebenhaar, Oberrimsingens Ortsvorsteher Pius Mangold sowie Gastgeber Thomas Köck packten beim symbolträchtigen Fliesenlegen mit an.

Viel Verbindendes hat seit jeher gemeinsames Essen. Gäste wie Gastgeber stärkten sich abschließend unter anderem an einem eigens gedeckten "Tisch der Kulturen".