"Seid tapfer und vergesst nichts"

Johannes Klotz

Von Johannes Klotz

Do, 16. August 2018

Breisach

Helmut Donat hielt im Blauen Haus in Breisach zwei Vorträge.

BREISACH. Die Gegensätze hätten nicht größer sein können: auf der einen Seite das Schicksal von Mala Zimetbaum, 1944 im KZ Auschwitz unter dramatischen Umständen ermordet, auf der anderen Seite ein Vortrag über "Hitler – und kein Ende", verbunden mit einer Kritik an der neuen Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte von "Mein Kampf". Als zweifachen Redner hatte das "Blaue Haus" den Historiker Helmut Donat gewonnen, der sich als Autor und Verleger seit über 50 Jahren mit Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus befasst.

Nach Auschwitz deportiert
Donat sprach über Mala Zimetbaum und stellte das Schicksal der Jüdin dar, die vor 100 Jahren in der polnischen Kleinstadt Breszko geboren wurde. Bereits 1920er Jahren wandert die Familie wegen des Antisemitismus in ihrem Heimatland nach Belgien aus, wo sie zunächst vor der Judenverfolgung sicher ist. 1942 aber wird Mala im inzwischen besetzten Belgien festgenommen, ins KZ Auschwitz deportiert und kommt ins benachbarte Frauenlager Birkenau.

Da die junge Frau fließend Flämisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Polnisch und auch ein wenig Russisch spricht, wird sie als Dolmetscherin und Läuferin beschäftigt. Selbstbewusst, intelligent, durchsetzungsfähig und stolz gewinnt sie sich das Vertrauen der Lagerleitung und erwirbt gewisse Privilegien.

Bevorzugte Stellung
Unter den Mitgefangenen gilt sie dennoch rasch als die "heldische Mala von Antwerpen", denn die junge Frau hat laut der Berichte vieler Häftlinge ihre bevorzugte Stellung nicht für sich selbst, sondern für andere genutzt. "Sie war ein "Adresse", jemand, an den man sich wenden konnte", sagt Lea Schyjowski, wie Mala Läuferin in Birkenau. Anna Palarczyk erklärt: "Mala wollte helfen, das war in ihrer Moral!"

Und Adela Szermann urteilt: "Was sie tat, tat sie mit der ihr eigenen Kraft und Geduld; so subtil, dass niemand bemerken konnte, dass sie manchmal Schwierigkeiten hatte, sich auf den Beinen zu halten."

Mitgefangene gerettet
Mala hilft ihren Mitgefangenen, nimmt sie mit zum Duschen, besorgt ihnen bessere Kleidung, bringt Erkrankten Medizin und Brot oder schickt sie zur Arbeit zurück, weil sie sonst ihr Leben verlieren. Erfährt sie von Selektionen, warnt sie Betroffene. Sie manipuliert sogar Todeslisten und rettet so viele vor der Gaskammer.

Mala verliebt sich in den in Auschwitz inhaftierten Polen Edward Galinski, die Mitgefangenen decken das Verhältnis. Als den beiden im Juni 1944 die Flucht gelingt, jubelt das ganze Lager. Doch nach 13 Tagen werden sie gefasst und nach Auschwitz zurückgebracht. Galinski ruft, bevor die Deutschen ihn erhängen: "Es lebe Polen!" Mala, ebenfalls zur Inszenierung ihrer Hinrichtung auf den Appellplatz geführt, schneidet sich plötzlich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf. Ein SS-Mann packt Malas blutende Hand und will ihr die Klinge entreißen. Doch sie wehrt sich und schlägt ihm mit der freien, zur Faust geballten Hand ins Gesicht. Die SS-Leute stürzen sich auf sie, bringen sie um.

Mala wusste, was sie erwartet. Aus dem Bunker übermittelte sie Giza Weisblum die Nachricht: "Ich bin auf das Schlimmste vorbereitet. Seid tapfer und vergesst nichts!" Still und in sich gekehrt verlassen die Zuhörer nach diesem Vortrag über den grausamen Alltag im Dritten Reich das "Blaue Haus". Viele von ihnen fahren im Herbst nach Auschwitz. Mala wird ihnen dort wieder begegnen, denn bei den Führungen wird stets an sie erinnert.

Zweiter Vortrag am Abend
In seinem Abendvortrag stellte Donat das neue Buch von Jeremy Adler "Das absolut Böse" vor und verdeutlichte an Beispielen dessen Kritik an der Neuedition von Hitlers "Mein Kampf", die vom Münchner Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben wurde. So lässt die Edition laut Donat zahlreiche Behauptungen Hitlers unkommentiert stehen und widerspreche ihnen nur mangelhaft, sodass Hitlers Antisemitismus damit tradiert werde.

Nicht "Mein Kampf" sei letzten Endes bedeutsam, sondern dass viele, ohne das Buch gelesen zu haben, Hitler gefolgt seien, weil sie ähnlich dachten.

Kritik an Neuedition
Statt den Versuch zu unternehmen, Hitler permanent richtigzustellen und zu beweisen versuchen, dass nahezu jeder Satz eine grobe Unwahrheit, Verfälschungen und Verdrehungen enthält, komme es darauf an, seine Erfolge und Wirkungen zu erklären, ihn als historisch-politische Figur zu begreifen und aufzuzeigen, dass er und seine Gedankenwelt tief in die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hineinragen. Diese zentrale Erkenntnis der Forschung werde durch die Neuedition nicht ausreichend berücksichtigt, kritisierte Donat. Auch hätten unter anderem die wichtigen Aufklärungswerke von NS-Gegnern keinen Eingang in die Edition gefunden.

Kontroverse Diskussion
Die kontroverse und lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass vielen Deutschen offenbar auch weiterhin nicht klar ist, warum Hitler große Teile der Bevölkerung gefolgt sind. Das Blaue Haus hat, indem es sowohl die Täter- wie die Opferperspektive thematisierte, einen wichtigen Beitrag zum "Erinnern für die Zukunft" geleistet.

Lorenz Sichelschmidt: Mala – Ein Leben und eine Liebe in Auschwitz, ISBN 978-3-924444-89-1, 12,80 Euro;

Jeremy Adler: Das absolut Böse – Zur Neuedition von "Mein Kampf", ISBN 9783943425-74-1, 12,80 Euro (beide Donat Verlag, Bremen)