Was geht und was bleibt

Paul Klock

Von Paul Klock

Di, 01. Oktober 2013

Breisach

Ruhe sanft heißt eine Ausstellung im Radbrunnen in Breisach.

BREISACH. Verwandlung in eine andere Zustandsform, Reise in eine andere Welt, letzte Station des menschlichen Daseins: Kein anderes Phänomen beschäftigt die Menschen so andauernd wie der Tod. Und keine andere Form menschlicher Existenz provoziert so viele Fragen und so viele Antworten. Letztlich bleibt der Tod und das, was danach kommt, ein Rätsel, ein Mysterium, eine offene Frage. Er entzieht sich unserer Vorstellungskraft wie die Entstehung der Urmaterie. Es gibt keine Erfahrungsberichte, keine Zeugen, keine Dokumente. Was also läge beim Versuch, sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, näher, als das abzubilden, was gerade noch erfassbar ist: Den Tod als Übergang. Als Lücke, als Erinnerung an das Gewesene, als Versuch, ihn in dem Augenblick zu fassen, in dem das Leben noch anwesend ist, aber der Tod schon von ihm Besitz ergriffen hat.

Die in Staufen beziehungsweise Schallstadt wohnenden Künstlerinnen Chris Popovic und Kathrin Deusch haben ihn genau dort aufgesucht, wo er Abdrücke hinterlassen hat. Auf einer abgezogenen Matratze, in verschieden kulturell eingefärbten Ruhestätten, auf leer geräumten Klinikbetten, als Rauminstallation in der Ausstellungsstätte Radbrunnen in Breisach, als digitale Bildfolge in einer Fotoprojektion. Nicht bedrückend, melodramatisch oder schmerzhaft. Der Tod legt den Besuchern keine Hand auf die Schulter, sondern nimmt sie sanft bei der Hand und mit bis zu dem Tor, durch das die Lebenden (noch) nicht schreiten können.

So zeigen die Ölbilder von Chris Popovic Matratzen, von denen die Bettbezüge schon entfernt sind, während beispielsweise die nur wenige Zentimeter daneben liegende Matratze frisch bezogen ist. Fotos von Kathrin Deusch zeigen Grabstätten aus verschiedenen Ländern mit Devotionalien, die eine letzte Verbindung zwischen den Gegangenen und den Verlassenen schaffen. Dabei reicht die Bandbreite von Plastikschmetterlingen bis hin zu Spielzeugtieren, Spielzeugautos, Madonnenbildern oder der Darstellung des Toten auf einem Foto mit Gewehr im Anschlag an der Seite. Objekte, die auch von der Hilflosigkeit künden, mit denen wir dem Tod gegenübertreten.

Hier scheint die Seele über dem Todesort zu schweben

Herzstück der Ausstellung ist aber sicher die über einen Beamer an die Wand geworfene Projektion aus leeren Klinikbetten, nackten Bettstätten, verlassenen (vor)letzten Ruhestätten, auf denen sowohl das Leben als auch der Tod noch sichtbar sind. Hier scheint noch, will man dem christlichen Mythos vom Verlassen des Geistes aus dem Körper Glauben schenken, die Seele über dem frischen Todesort zu schweben. Dargestellt über eine darunter gelegte transparente Bildschicht aus Matratzenstoffen, die diesen unsichtbaren Teil des menschlichen Lebens symbolisieren beziehungsweise ikonographieren. Die Erinnerung als bleibendes Verbindungsstück zwischen den beiden Welten ist auch das, was den Lebenden mit den Toten verbindet. Man fragt sich unwillkürlich, ob ein Toter, an den viele denken, lebendiger ist als ein Lebender, an den niemand denkt. Auf diese Weise wird die Zeit relativ, rücken Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so eng zusammen, dass sie eins werden.

Anwesenheit und Abwesenheit als die beiden Klammern des Daseins gehen sozusagen Hand in Hand und es braucht nicht viel, um diese Entität darzustellen. Vor einen kleinen Torbogen haben die beiden Künstlerrinnen eine rechteckige Gipsplatte gelegt. Ein sanftes Raumlicht fällt auf dieses abstrakte bildnerische Arrangement. Unwillkürlich erscheint vor dem geistigen Auge eine Szene aus Kubricks Film Odyssee 2001, in welcher der schwarze Monolith, der bei jedem Erscheinen der Menschheit einen Entwicklungsschub gibt, vor dem sterbenden Kosmonauten steht, bevor sich dieser durch die Wiedergeburt in ein Sternenkind verwandelt.

Die Gemeinschaftsarbeit der beiden Künstlerinnen entstand aus zwei verschiedenen Themenkomplexen, mit denen sie sich schon länger gemeinsam beschäftigen: Bettstatt und letzte Ruhestätte. Mit dem Schlaf als kleinem Bruder des Todes zitierte Margarete Tott-Schütt in ihrer Einführung eine Metapher, in der beide Zustandsformen vereint sind.

Die Ausstellung im Radbrunnen auf dem Münsterberg ist bis zum 20. Oktober freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und feiertags von 11.30 bis 13 und 14 bis 18 Uhr geöffnet.