"Das sind wir unseren Nachkommen schuldig"

umi

Von umi

Mi, 21. September 2016

Buggingen

BZ-INTERVIEW mit Gerhard Kaiser, der für sein Engagement um eine bessere Planung beim Ausbau der Rheintalbahn mit dem Auggener Viertele ausgezeichnet wurde.

BUGGINGEN-SEEFELDEN. Gerhard Kaiser aus Seefelden kämpft seit 14 Jahren gegen die Antragstrassen der Bahn und für Alternativen beim Ausbau der Rheintaltrasse. Er war 2002 Mitbegründer der Interessengemeinschaft Freies Feld in Buggingen und 2003 Mitbegründer der Bürgerinitiative MUT. Jetzt wurde er für sein Engagement mit dem "Auggener Viertele" ausgezeichnet. Aus diesem Anlass sprach Sigrid Umiger mit dem Preisträger.

BZ: Ist das Auggener Viertele Ihre erste Auszeichnung?

Kaiser: Nein. Vor einigen Jahren wurden Dieter Niebergall, der sich bis zu seinem Tod sehr stark eingesetzt hat, und ich von der Gemeinde Buggingen für unseren Einsatz für die Bürgertrasse gewürdigt. Dass die Bürgertrasse gebaut wird, wurde Roland Diehl und mir am 1. Februar 2010 persönlich von Staatssekretär Scheuerle in Bonn mitgeteilt. Dies war ein unglaublicher Augenblick, Genugtuung für viel Arbeit und total unerwartet nach einem achtjährigem Kampf.

BZ: Sie haben der Bahn den Spiegel vorgehalten und sind anfangs oft angeeckt. Wie haben Sie es geschafft, unbeirrt weiter zu kämpfen und aus Gegnern Mitstreiter zu machen?

Kaiser: Nach der Vorstellung der DB-Planung habe ich festgestellt, dass niemand die Planung versteht und die Beeinträchtigungen sieht, die speziell auf Seefelden und Buggingen zu kommen werden. Je tiefer ich in das Thema einstieg, umso mehr wühlte mich die Rücksichtslosigkeit der Bahn auf. Erst später wurde mir klar, dass dafür die Politik verantwortlich ist. Die Bahn hat mich vor sich her getrieben, was bedeutet, dass ich mich sachkundig machen und Alternativen aufzeigen musste, um im Gespräch zu bleiben. Nur Neinsagen reicht nicht, ich musste bessere Lösungen finden. Am Anfang war der Gegenwind schwer erträglich und ging teilweise unter die Gürtellinie. Aber das ist vergessen. Bei der Prüfergebnisvorstellung der Freien Feldlösung der Bahnplaner in Hügelheim (2002) hat man mir Redeverbot erteilt. Die Bahn hat behauptet, dass wegen des Grundwassers zwölf Meter hohe Gleisüberführungen notwendig seien. Das war der Hammer. In der aktuellen Planung sind zwei Gleisunterführungen in 15 Metern Tiefe geplant. Ein krasser Widerspruch. Für mich war klar, dass ich dagegen etwas unternehmen musste. Dabei haben mich meine Frau und unsere Kinder stets unterstützt. Man kann doch unseren Nachkommen nicht ein Bauwerk hinstellen, das nachweislich durch Lärm krank macht und das Landschaftsbild zerstört. In Seefelden hatte sich schnell eine kämpferische Gruppe gebildet, die dann auch zusammen mit anderen die Bürgerinitiative MUT gegründet hat unter dem beispielhaften Vorsitz von Roland Diehl. Danach kamen die IG Bohr und später die BBM – Bürgerinitiative Bahn Markgräflerland. Da sind so viele Ehrenamtliche, die sich vehement einsetzen zum Wohle der Region. Ich habe viele interessante und liebe Menschen kennengelernt. Widerstand schweißt zusammen und bringt Freundschaften.

BZ: Sie haben 2002 die Alternativplanung "Freies Feld" erfunden, die vom Regierungspräsidium geprüft wurde. Was sprach dagegen?

Kaiser: Nichts. Im Gegenteil. Unterm Strich war das ein toller Erfolg. Die genehmigte Bürgertrasse leitet den Güterzugverkehr wie die Freie-Feldlösung südlich um die Kalisiedlung, ist aber sogar noch besser, weil die Güterzuggleise in Tieflage gebaut werden. Im Grunde genommen ist die Bürgertrasse im Bereich Buggingen die optimierte Freie Feldlösung.

BZ: Der Widerstand hat Bahnchef Rüdiger Grube und mehrere Politiker ins Markgräflerland gebracht. Dennoch stellen sich Bund und Bahn gegen die geforderte Tieflage zwischen Hügelheim und Auggen. Warum?

Kaiser: Vor der Landtagswahl waren viele Politiker hier, nur jetzt hört und sieht man sie nicht mehr. Landesverkehrsminister Winfried Hermann und Ministerpräsident Winfried Kretschmann haben die Tieflage nur aufgrund der falschen Kosten tot gemacht, wobei die Kosten aufgrund der 250 km/h des ICE in die Höhe getrieben wurden, weil das MVI sagte, der schnelle ICE sei eine "heilige Kuh" ohne die es keinen EU-Zuschuss gebe. Wie wir jetzt wissen stimmt das nicht. Jetzt werden wir mit 15 Millionen Euro für einen besseren Lärmschutz bedacht, was bis zu neun Meter hohe Schandwände mit Glasfenstern und Galerien bedeutet. Wir bekommen 20 Meter breite Stahlhallen vor die Nase gesetzt und Güterzüge, die mit Gefahrstoffen in Hochlage fahren. Davon profitiert nur die Bahn. Das empfinde ich als Betrug an den Bürgern. Verkehrsminister Hermann hat bei einem Besuch zugesagt, dass es hier "kein zweites Eimeldingen" geben werde, was fatalerweise sogar stimmt, denn die Wände sollen, wie aktuell geplant, doppelt so hoch werden wie in Eimeldingen.

BZ: Was wäre die Alternative?

Kaiser: Um 178 Millionen Euro in unserem Bereich einzusparen, müssen die RTB-Gleise, der Bahnhof Müllheim, der Busbahnhof und das Stellwerk bestehen bleiben. Die ICEs dürfen auf einer Teilstrecke von zehn Kilometern statt 250 km/h nur 200 km/h schnell sein, so wie dies Auggen und Hügelheim mit ihren Resolutionen fordern. Dies bringt einen Zeitverlust von gerade mal neun Sekunden beim ICE 2, spart aber gleichzeitig 35 Prozent an Energiekosten. Ein Gutachten zeigt, dass der ICE 2 nach Süden in unserem Abschnitt eh nur 188 km/h fahren kann. Mit den eingesparten 178 Millionen Euro könnte der Güter- und Gefahrstoffverkehr kostenneutral so in die Tiefe verlegt werden, dass die Lärmschutzwände viel kürzer und viel niedriger sind. Wartende in den Bahnhöfen wären besser geschützt, die Landwirtschaft hätte ein geringeres Frostrisiko und das Landschaftsbild wäre nicht beeinträchtigt. Städtebaulich wären die hohen Wände eine Katastrophe für Hügelheim, Müllheim und Auggen und eine Schande für unser Markgräflerland.

BZ: Warum möchten Sie den Termin mit Bürgerinitiativen, Bürgermeistern und der Bahn, der für Donnerstag in Stuttgart geplant ist, verschieben?

Kaiser: Uns liegen nunmehr erste Ergebnisse einer gutachterlichen Untersuchung der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von "ICE Vmax = 250 km/h" im Streckenbereich Buggingen-Schliengen vor, die wir nach Ablauf der Sommerpause aufbereiten und werten müssen. Den Vertretern der Region müssen wir sie zudem vorstellen und mit ihnen beraten. Dieser Abstimmungsprozess ist aus unserer Sicht unbedingt erforderlich. Im Streckenbereich Offenburg-Kenzingen haben wir ebenfalls neue Erkenntnisse gewonnen. Letztlich sehen wir insgesamt ein erhebliches Kosteneinsparpotenzial für das Land.

BZ: Sind bei dem Gespräch auch die Abgeordneten der Region dabei?

Kaiser: Die Teilnehmerliste nennt man uns nicht und die Unterlagen der Bahn haben wir nicht, obwohl uns das zugesagt wurde – aber diese Hinhaltetaktik der Bahn sind wir gewohnt. Abgetaucht sind auch die Politiker, die uns im Wahlkampf und bei der Demo in Stuttgart Unterstützung zugesagt haben. Von der CDU hört man nichts mehr, seit sie mitregiert und Winfried Kretschmann will unsere Argumente nicht diskutieren. Es ist unglaublich, was für einen Aufwand Bürger bringen müssen, um Fehler der Politiker zurecht zu rücken. Wir sind dialogbereit und kämpfen weiter. Das sind wir unseren Nachkommen schuldig!

Gerhard Kaiser (63 Jahre) wohnt mit seiner Frau in Seefelden. Er ist selbstständiger Diplomingenieur für Luftanalytik, Sachverständiger für Emissionsmesstechnik und Chef der Firma ILU-Luftanalytik GmbH in Seefelden. Er ist Gründungsmitglied der IG Freies Feld und der Bürgerinitiative MUT.