Schlosskonzert

Dem Originalklang historischer Instrumente auf der Spur

Hans Jürgen Kugler

Von Hans Jürgen Kugler

Do, 30. Juni 2016

Bad Krozingen

Was ist aus der Vorstellung vom Originalklang geworden? Dieser Frage widmeten sich jetzt in einem moderierten Vortragskonzert im Bad Krozinger Schloss der Musikwissenschaftler Jan Reichow und dessen Sohn Marc Reichow.

BAD KROZINGEN. Was ist aus der Vorstellung vom Originalklang geworden? Dieser Frage widmeten sich jetzt in einem moderierten Vortragskonzert im Bad Krozinger Schloss der Musikwissenschaftler Jan Reichow und dessen Sohn Marc Reichow.

Dem Originalklang vergangener Jahrhunderte und Epochen nachzuspüren, dafür lässt sich kein geeigneterer Ort denken, als die von Fritz Neumeyer initiierte Sammlung historischer Tasteninstrumente, die im Bad Krozinger Schloss untergebracht ist. Jan Reichow, Weggefährte von Fritz Neumeyer, zeichnete in einem ebenso informativen wie kurzweiligen Vortrag die Begegnungen mit Fritz Neumeyer nach, der vielen als Vater der historischen Aufführungspraxis gilt.

Denn Neumeyer hatte Ernst gemacht mit der Suche nach dem Originalklang. War er es doch, der damit begann, eine umfangreiche Sammlung von originalen Tasteninstrumenten anzulegen, um auf diesen Instrumenten die Spieltechniken und Fingersätze der Renaissance und des Barock zu rekonstruieren.

"Was, du spielst Bach ohne Daumen? – Ja, das hört man", erinnert sich Jan Reichow an den Ausspruch eines Geigenkollegen. War es doch gerade Johann Sebastian Bach, der den Gebrauch des Daumens für die musikalische Praxis propagierte, wie Jan Reichow erläuterte. Einen ohrenfälligen Eindruck, wie Kompositionen aus dem 16. Jahrhundert auf einem originalen Instrument klingen können, gab Marc Reichow mit einer Toccata von Jan Pieterszoon Sweelinck auf einem Spinett aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.

Mit einer Fülle biographischer Details, Anekdoten und eingebettet in den jeweiligen historischen Kontext, ließ Jan Reichow die Persönlichkeit von Fritz Neumeyer und dessen Schülern und Nachfolgern Rolf Junghanns und Bradford Tracey lebendig werden. So war Fritz Neumeyer nicht nur in der Fachwelt auch für seine launigen Sprüche und Schüttelreime bekannt: "Der Frank steht hundert, der Dollar zwölfhundert – dass die Welt noch steht, mich wundert", so Neumeyer um 1923/24.

Neumeyer konzentrierte sich neben dem Komponieren auf die musikalische Begleitung, war Mädchen für alles und war sich auch nicht zu schade, Musik für "Peterchens Mondfahrt" zu machen.

Wandel der Klangbilder

In Berlin begegnet Neumeyer zum einen Curt Sachs, dem Direktor der Sammlung alter Musikinstrumente an der Berliner Musikhochschule und zum anderen der auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Cembalistin Alice Ehlers. Beide Persönlichkeiten weckten bei Neumeyer das Interesse an historischen Instrumenten und der an den Quellen orientierten Aufführungspraxis. Neumeyer übte fundamentale Kritik an den großformatigen und mit Stahlrahmen gestützten Cembali aus dem späten 19. Jahrhundert, die er für völlig ungeeignet hielt, um den feingliedrig-differenzierten Sound der Barock-Cembali darzustellen. "Der knallige, drahtige, reizlose Ton der modernen Konzertcembali zerstört alles Feine, Singende, was den alten Instrumenten zu eigen war", schrieb Neumeyer. Für manche Zeitgenossen klangen die "modernen" Instrumente gar, "wie wenn Ameisen auf Glas pinkeln". Den sensiblen, "singenden" Silberklang eines einmanualigen Cembalos aus der florentinischen Schule um 1726 hingegen demonstrierte Marc Reichow feinnervig mit der Suonata sesta von Johann Kuhnau – einer intimen musikalisch-meditativen Betrachtung über das biblische Thema "Jacobs Tod und Begräbniß".

Und dass Mozart keinen modernen "Steinway-Schlachtkreuzer" braucht, um eindrucksvoll zu klingen, bewies Marc Reichow mit der facettenreichen Wiedergabe der Sonate Nr. 1 C-Dur KV 189d auf einem Tangentenflügel von Christoph Friedrich Schmahl aus dem Jahr 1801. Die Ohren spitzen mussten die Zuhörer allerdings bei dem flüsterleisen, hauchzarten Klang eines Clavichords (Christoph Georg Schiedmeyer, 1785), bei dem die Saiten nicht wie beim Cembalo per Gänsekiel angerissen, sondern durch flache Metallstäbchen angeschlagen werden.

Anhand einiger Musikbeispiele verschiedener Ensembles, die das breite Spektrum der historisch informierten Aufführungspraxis repräsentieren, machte der Musikwissenschaftler Jan Reichow den Wandel und die Vielfalt der Klangbilder historischer Instrumente sowie die Spieltechnik und rhythmisch-agogische Gestaltung derselben Komposition bei unterschiedlichen Ensembles anschaulich hör- und erlebbar.