Als Räte noch im Armenhaus tagten

Max Schuler

Von Max Schuler

Mi, 20. Dezember 2017

Denzlingen

Adi Lapp und Dieter Ohmberger haben die Gemeinderatsprotokolle aus den Jahren 1853 bis 1866 in unsere heutige Schrift übersetzt.

DENZLINGEN. Welche politischen Entscheidungen sind in Denzlingen vor 150 Jahren gefallen? Dieser Frage geht ein neues Buch nach, das in dieser Woche im Medienhaus Dirr vorgestellt wurde. Dieter Ohmberger und Adi Lapp haben die Denzlinger Gemeinderatsprotokolle von 1853 bis 1866 aus dem Altdeutschen in unsere heutige Schrift übertragen. Es sind die ersten schriftlichen Aufzeichnungen, die in Denzlingen aus dem Gemeinderat angefertigt wurden. Die Zahl der Menschen, die diese Schrift lesen können, wird immer geringer.

"Es ist ein Sorgenbuch", sagte Ohmberger bei der Vorstellung des 100 Seiten starken Bandes. Damit meinte er aber nicht, dass es Probleme bei der Recherche oder der Herstellung des Werkes gab, beides habe in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Denzlingen und dem Medienhaus sehr gut funktioniert, wie alle Seiten betonten. Nein, es geht um den Inhalt der damaligen Sitzungen. Viele Gemeinderats-Entscheidungen beschäftigten sich damals mit der vorhandenen Armut und Auswanderungen von Denzlinger Bürgern

Manche Vorgänge kann man sich aus heutiger Sicht nur schwer vorstellen: So musste der Gemeinderat zum Beispiel sein Einverständnis zu Heiraten erteilen. Als die ersten Katholiken ins evangelische Denzlingen kamen, war das ein pikantes Thema, wie Ohmberger weiß. Die Gemeinderäte bekamen beispielsweise auch Wege zugeteilt, die sie das Jahr über sauber halten mussten. Das Büro des Bürgermeisters und der Ratssaal waren früher im Armenhaus untergebracht. Der Gemeinderat war auch wesentlich kleiner als heute: Dem Gremium gehörten sechs Mitglieder und der Bürgermeister an. Heute sitzen im Ratssaal 22 Mitglieder. Damals gab es aber auch eine "Zweiklassengesellschaft". Nur wer Bürger war, konnte im Gemeindeleben mitbestimmen.

Den ersten Denzlinger Bürgermeister und Gemeinderat gab es laut Ohmberger 1831. In der Zeit bis 1853 gibt es keine Aufzeichnungen der Sitzungen. Ob diese verschollen sind oder gar nicht angefertigt wurden, konnte nicht geklärt werden. Die vorhandenen Originaldokumente lagern noch im Rathaus. Diese haben Ohmberger und Lapp intensiv studiert. "Wir haben alles buchstabengetreu transkribiert und nichts glatt gemacht", sagt der Autor. So kommt es auch vor, dass es von einzelnen Wörtern mehrere Varianten gibt: Sitzung, Sizung, Siezung. Damals gab es keinen Duden, auf den sich der Ratsschreiber berufen musste.

"Man liest das Buch nicht runter wie einen Krimi. Es ist vor allem für Leute interessant, die sich für die Thematik interessieren", sagt Lapp. Daher erscheint es auch erstmal in einer kleinen Auflage von 100 Stück. Den Beteiligten ist es aber wichtig, dass vor allem nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben in das Geschehen vergangener Zeiten blicken zu können.

Bürgermeister Markus Hollemann lobte das Projekt. "Mir ist nicht bekannt, dass es so etwas Außergewöhnliches im Landkreis Emmendingen gibt. Meines Wissens nach gibt es keine Publikation dieser Art." Im kommenden Januar wollen die beiden Autoren sich die Protokolle von 1867 sowie den folgenden Jahren vornehmen und ihre Übersetzung in einem weiteren Band veröffentlichen.

Info: Das Buch "Denzlinger Gemeinderatsprotokolle von 1853 bis 1866" von Adi Lapp und Dieter Ohmberger ist für zehn Euro im Rathaus in der Buchhandlung Losch und bei Schreibwaren Markstahler zu erhalten.