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03. September 2014

Geschichte soll lesbar bleiben

Dieter Ohmberger und Adi Lapp erfassen alte Ratsprotokolle.

  1. Foto: Lara Walter

  2. Dieter Ohmberger (oben) im Archiv im Denzlinger Rathaus mit alten Protokollen und Rechnungen, die er mit Adi Lapp erfasst. Foto: Lara Walter

  3. Foto: Lara Walter

  4. Foto: Lara Walter

DENZLINGEN. Im Raum 215 im Denzlinger Rathaus wird konzentriert gearbeitet. Alte Bücher liegen auf dem Tisch, die Archivalien dürfen nicht aus dem Gebäude getragen werden. Mit einer Lupe sitzt Ortshistoriker Dieter Ohmberger über den alten Schriften und liest vor. Adi Lapp schreibt nebenher am Laptop mit. Im Team übersetzen sie ehrenamtlich Gemeinderatsprotokolle ab dem Jahre 1852. Das erste Band bis 1866 ist nun fertig und gewährt einen Blick in die Geschichte Denzlingens.

"Heute hat der Gemeinderath allwo der Bürgerausschuß auch anwohnte folgende Verhandlungen gepflogen", liest Ohmberger vor. Ein Auszug aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 5. April 1864. Das Papier ist vergilbt und an manchen Stellen ausgefranst. Allein die Schrift ist ein Kunstwerk, sie erscheint so gleichmäßig wie gedruckt. Auf manchen Seiten ist die blaue Tinte leicht verblasst oder sogar unlesbar. Die Handschrift gehöre dem Ratsschreiber Schilinger, sagt Ohmberger.

"Wir übernehmen jedes Wort originalgetreu, auch Abweichungen zur heutigen Rechtschreibung. Wenn es einen einmal gepackt hat, hört man auch nicht mehr auf." Die Altdeutsche Schrift sei manchmal schwer zu lesen, und viele Begriffe, aber auch Währungen und Maßeinheiten seien komplett anders. Bei manchen Wörtern muss auch der Ortshistoriker das Internet zu Rate ziehen: "Ein Faselvieh beispielsweise ist im heutigen Sprachgebrauch ein Tier, dass zur Zucht bestimmt ist, also ein Hengst oder Stier." Das wusste er bis dahin nicht. Eine bestimmte Vorgehensweise beim Übersetzen habe er nicht, "ich lese es einfach runter". Bis 1920 seien die Protokolle handschriftlich gewesen, erst danach wurden sie mit der Schreibmaschine erfasst. Eine Lücke gibt es während der NS-Zeit: Dort fehlen Protokolle, wo sie sich befinden, weiß der Ortshistoriker nicht.

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Seit Ende Februar arbeitet Dieter Ohmberger mit Adi Lapp ein Mal pro Woche an den Übersetzungen der Gemeinderatsprotokolle, die Begeisterung für die Ortsgeschichte begann jedoch schon viel früher: "Mitte der 60er Jahre habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren. Ich bin damals bei meinen Großeltern aufgewachsen. Mein Großvater Leopold Ohmberger lief mit mir durch Denzlingen und konnte mir zu jedem Platz etwas sagen", erklärt der 76-Jährige.

Die Altdeutsche Schrift habe er von seinem Opa gelernt, und Geschichtsprofessor Dieter Geuenich habe ihm das Basiswissen vermittelt. "Irgendwann wollte ich dann wissen, was vor meinen Großeltern war, und so kam ich dann nach einigen Jahren zum Heimatverein in Denzlingen", erzählt Ohmberger. Aus persönlicher Neugierde heraus sei das Transkriptions-Projekt entstanden. Lapp habe davon gewusst und Ohmberger auf der Straße angesprochen: "Ich hatte eh noch alte Dokumente von meiner Mutter und habe mit ihm geredet, so kam es dann, dass ich die Computerarbeit leiste, während Dieter liest", erzählt die Denzlingerin.

Die Armut war ein großes Thema

Der erste Band der Gemeinderatsprotokolle aus den Jahren 1852 bis 1866 ist fertig übersetzt. Thematisiert seien darin unter anderem Bürgeraufnahmen, Armut, Gemarkungsregelungen und Gemeinderechnungen. "Der Gemeinderat hat früher auch über Eheschließungen beschlossen", erklärt Dieter Ohmberger. Wer arm war, habe oft nicht heiraten dürfen. "Die Angst war viel zu groß, dass dann noch mehr arme Kinder versorgt werden müssen." Wer zu dieser Zeit nicht in Denzlingen geboren war, hatte kein Bürgerrecht. Auch die Staatsangehörigkeit musste die richtige sein. Damals habe man sich einkaufen oder ein Wohnhaus im jeweiligen Ort besitzen und Steuerzahler sein müssen, weiß Ohmberger.

Das Thema Armut habe ihn während des halben Jahrs Arbeit am meisten bewegt. Damalige Probleme und Sorgen wirkten heute banal, "es war aber auch eine ganz andere Zeit". Dieter Ohmberger und Adi Lapp übersetzen ehrenamtlich und mit Blick auf die Zukunft. "In einigen Jahren werden die meisten Menschen diese Schrift nicht mehr lesen können. Wir übersetzten für die jetzige und für kommende Generationen, für Normalbürger, Studenten und gelernte Wissenschaftler", sagt der Ortshistoriker. Und Adi Lapp fügt hinzu: "Es ist für uns Geschichte zum Anfassen." Neben dem übersetzten Werk soll es auch ein Personen-, Orts- und Sachregister geben. "Viel Arbeit macht uns die Auflistung von anwesenden Gemeinderäten und Bürgerausschuss-Mitgliedern. So wissen wir aber genau, wer von wann bis wann Bürgermeister war", sagt Ohmberger. Wie lange das Projekt noch dauern wird, sei unsicher. Aber über eine Veröffentlichung werde bereits gesprochen.

Autor: Lara Walter