Minimalistisch und außergewöhnlich

Hildegard Karig

Von Hildegard Karig

Di, 14. November 2017

Denzlingen

Der Denzlinger Kulturverein zeigt im Kultur- und Bürgerhaus die Dreigroschenoper in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule.

DENZLINGEN. Die erste Veranstaltung des 26. Konzertzyklus des Denzlinger Kulturvereins brachte am Samstagabend eine Oper auf die Bühne des Kultur- und Bürgerhauses. Gabriele Kniesel, Vorsitzende des Denzlinger Kulturvereins, hatte "Die Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bertolt Brecht als Projekt von und mit Schulmusikstudierenden der Freiburger Musikhochschule erarbeitet.

Nach zwei Aufführungen in der Musikhochschule in Freiburg gastierte das Ensemble am Samstagabend in Denzlingen: acht Sängerinnen und Sänger, neun Instrumentalisten, Gabriele Kniesel am Klavier, Leitung Axel Kühn. Die Aufführung wurde zu einem außergewöhnlichen Auftakt für die Konzertreihe und von den zahlreichen Zuhörern mit langem Beifall bedacht.

Dass eine sachlich fundierte, musikalisch und interpretatorisch erstklassig angeleitete Auseinandersetzung mit diesem Werk vorausgegangen war, zeigte sich nicht nur in dem, was auf der Bühne zu hören und zu sehen war, sondern auch in der Ausgestaltung des Programmheftes. Mit den ausgewählten kommentierenden Texten, den von den Interpreten selbst gestalteten Charakterisierungen der einzelnen Rollen war intensiv und detailliert auf dieses Werk inhaltlich eingegangen.

Die konzertante Aufführung unterstrich Brechts Idee, dass das Geschehen auf der Bühne die Zuschauer nicht in eine illusionäre Welt hineinziehen soll, sondern ein kritisches Nachdenken initiieren solle. Dem kam diese konzertante Aufführung näher als eine szenische Opernaufführung. Kein Bühnenbild lenkte ab, kein Gedanke zu möglichen oder unmöglichen Inszenierungen stellte sich ein, die Zuhörer blieben konzentriert auf Musik und Texte. Auch wenn die Dreigroschenoper dem Namen entsprechend als Oper eingestuft wird, kann sie mit gleicher Berechtigung als gesellschaftskritisches Theaterstück mit 22 in sich geschlossenen Gesangsnummern klassifiziert werden.

In dem Projekt der Studierenden wurde die Wirkung von Musik und Text, von musikalischer und schauspielerischer Ausdruckskraft umso wichtiger, je minimalistischer sich die szenische Gestaltung gab. Und da setzte dann auch ein mögliches, kritisches Bemerken an. Die Bühnenpräsenz und Textverständlichkeit der jungen Mitwirkenden war unterschiedlich, was in der konzertanten Aufführung sehr viel mehr zum Tragen kam und einzelne Nummern in ihrer Intensität beeinträchtigte. Dem einen Zuhörer mag es dem Minimalismus entsprechend konsequent gewesen sein, dem anderen fehlte es songweise an Emotion und Gestaltungskraft. Eine unterschiedliche Wahrnehmung, die lebhaft diskutiert wurde.

Die musikalische Leistung blieb fraglos eine besondere: Die Mitglieder des Ensembles musizierten und sangen mit viel Verve, mit Konzentration, mit Spaß an den Rhythmen, den ungewöhnlichen Instrumenten, deren Zusammenstellung und Klängen. Flöte, Trompete, Sopran- und Altsaxophon, Posaune, Kontrabass, Banjo, Gitarre, Hawaii-Gitarre, Schlagwerk mit Pauke, Harmonium und Klavier entsprachen der Originalbesetzung, die Kurt Weill für seine Musiksprache gewählt hatte. Die Melodien seiner Songs scheinen einfach, sie sind weit entfernt von großen Opernarien. Dem entsprach die Interpretation durch die Studierenden optimal.

Gerade in dem Song "Die Seeräuber-Jenny" widerstand die Polly (in Denzlingen Luisa Zickwolf) allem, womit der Song von vielen namhaften Interpretinnen überfrachtet worden war. Damit war der Intention des Komponisten sinnvoll entsprochen: "Erst die Durchführung einer fassbaren, sinnfälligen Melodik ermöglichte das, was in der ’Dreigroschenoper’ gelungen ist, die Schaffung eines neuen Genres des musikalischen Theaters" (Kurt Weill 1929). Dass dieses "Genre" in der erlebten Qualität und Konsequenz in Denzlingen derart stimmig auf die Bühne gebracht war, war das besondere Moment dieses ersten Konzertabends.