Wechselspiel der Gegensätze

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Mo, 08. Oktober 2018

Denzlingen

Acht Künstler des Denzlinger Kulturkreises stellen im Alten Rathaus Arbeiten zum Thema "Die dunkle Seite des Tages" aus.

DENZLINGEN. Zum Tag gehört die Nacht, zur Dunkelheit das Licht. Gegensatzpaare sind, wie die zwei Seiten einer Medaille, untrennbar miteinander verbunden. Das Verbindende ist ein wesentlicher Ansatz der Arbeit des Denzlinger Kulturkreises. Sparten übergreifend wollen die Mitglieder die Grenzen zwischen Bildender Kunst und Musik überwinden, suchen sie das Gemeinsame. So steht auch die Gemeinschaftsausstellung, bei der acht Künstler sich einem Thema angenommen haben, im Zusammenhang mit einem Konzert des Zyklus 2018/19.

Der Titel "Die dunkle Seite des Tages" lehnt sich an die Komposition "Pierrot Lunaire" von Arnold Schönberg an, eine Vertonung von 21 ins Deutsche übersetzten Gedichten des belgischen Dichters Albert Giraud. Das musikalische Werk wird am 16. November aufgeführt, die davon inspirierten Kunstwerke sind schon jetzt zu sehen.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass die acht Künstler den Interpretationsspielraum, den der Titel bietet, reichlich nutzen und sich dabei wohltuend auf wenige, dafür umso markantere Werke konzentrieren. Kaum verwunderlich bei einem Kreis von Kunstschaffenden, die auf ganz unterschiedlichen Feldern agieren und allein schon durch die unterschiedlichen Genres auch einen Hinweis geben auf die sehr unkonventionelle Instrumentierung, die Schönberg für sein Werk wählte. Durchgängig beziehen sich die Künstler in ihren ausgestellten Werken auf ein Wechselspiel von Hell und Dunkel, sicht- und unsichtbar.

Bärbel Bähr greift den Ausstellungstitel in einer Mischtechnik-Arbeit auf, vor allem aber in ihren Objekten mit dem Titel "Widerschein", die dem Betrachter mit dunkler Fassade begegnen, deren fluoreszierende Färbung aber auf der Wand widerscheint. Eine ähnliche Installation, jedoch nur auf den ersten Blick, ist "Dots" von Brigitte Liebel. Ihre elf Fotogramme entwickeln sich als Fragmente aus einem "dot", einem Punkt. Scharf konturiert, in schwarz und weiß, wobei die Arbeit auf Fotopapier die Welt ein bisschen auf den Kopf stellt. Strahlend weiß sind die Flächen, auf die bei der Belichtung gerade kein Licht gefallen ist.

Fotografisch arbeitet auch Wolfgang Langenkamp. Sein Triptychon spielt mit heller und geschwärzter Haut auf dunklem Untergrund.

Monochrom sind die Arbeiten von Marianne Maul, die mit Kohle und Kreide auf Holz faszinierende Nachtlandschaften entstehen lässt, geheimnisvoll mit der gespenstischen Stimmung zwischen real und irreal spielend.

Marianne Wendeborn zeigt mit "Einsam" und "Trauer" zwei ältere Arbeiten, die einen starken Kontrast zwischen licht und dunkel setzen. Ihre Arbeit "Entfremdung" vereint diesen in einem Werk.

Den direkten Bezug zu Girauds Versen nimmt Ilse Reichinger auf, die in "Colombine" das gleichnamige Gedicht verarbeitet und ihren "Pierrot" auf den Kopf stellt. So wie eben auch nicht klar ist, ob "Pierrot lunaire" nun der "Pierrot im Mondschein" oder der "mondsüchtige Pierrot" ist. Mit Acryl zaubert sie auf Blech einen leuchtenden Mond – "Lunaire" – in blau-schwarzer Nacht.

Während Reichinger das Blech noch als Untergrund verwendet, verarbeiten Bernhold Baumgartner und Dirk Schindelbeck Metalle zu konkreten Objekten. Schindelbecks intensive Beschäftigung mit Texten spiegelt sich dabei in seiner Installation "nachtblindes Abendlied mit weißem Neger" wider – einer Visualisierung der ersten Strophe vom "Abendlied" von Matthias Claudius in Braille-Blindenschrift. Anstoß zum Denken ist dabei die Entscheidung des Sprachwissenschaftlers, in der letzten Zeile vom Claudius-Original "der weiße Nebel wunderbar" abzuweichen. Tausendfach gesungen wurde stattdessen, so Schindelbeck, "der weiße Neger Wumbaba".

Runde Formen wie

die des Vollmonds

Wie Schindelbecks Arbeit benötigen auch die Installationen von Baumgartner eine gedämpfte Raumbeleuchtung, weil beide Künstler mit indirektem Licht arbeiten. Baumgartner greift in seinen Werken die kreisrunde Form von Voll- und Leermond auf, kreisförmige Elemente ergeben in einer dritten Installation ein Mondphasenspiel. Vieles kreist in der Gemeinschaftsausstellung um den Erdtrabanten, der selbst, in seinem permanenten Wandel, für das Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, Tag und Nacht steht. Von dem haben sich die Kulturkreiskünstler zu einer faszinierend vielfältigen Ausstellung inspirieren lassen.

Die Ausstellung mit Arbeiten von Bärbel Bähr, Bernhold Baumgartner, Wolfgang Langenkamp, Brigitte Liebel, Marianne Maul, Ilse Reichinger, Dirk Schindelbeck und Marianne Wendeborn ist in der Galerie im Alten Rathaus in Denzlingen bis 4. November samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Am Freitag, 12. Oktober, 19 bis 22 Uhr, findet in der Galerie eine Schreibwerkstatt statt. Am Sonntag, 21. Oktober, ist um 16 Uhr ein Kunstgespräch mit Kunsthistorikerin Caroline Yi. Am Sonntag, 4. November, 16 Uhr, gibt es eine Lesung mit Kostproben aus der Schreibwerkstatt und dem Melodrama "Pierrot Lunaire"