Fotografie

Die Ausstellung "Wildlife Photographer of the Year" in Basel

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Mi, 10. Januar 2018 um 18:16 Uhr

Ausstellungen

Profi- und Amateurfotografen aus aller Welt haben 49000 Wildtierfotos eingereicht. 100 davon bekamen den "Wildlife Photographer of the Year"-Award. Was die Ausstellung so besonders macht.

Man möchte sich sofort den eigenen Mantel vom Leibe reißen und ihn dem frierenden Gesellen umlegen. Und die Nussvorräte im Keller würden natürlich auch geteilt. Bedenkenlos. Denn das, was der Schwede Mats Andersson mit seiner Nikon-D3-Kamera in der Nähe von Jönköping eingefangen hat, berührt zutiefst. Die Schwarz-Weiß-Fotografie mit dem Namen "Winterpause" zeigt ein Eichhörnchen in einer Schneelandschaft, das wie in einem Gebet kurz innehält, die Äuglein schließt, sich Wärme wünscht und dann weitermacht mit der Futtersuche. Muss ja. Der Betrachter, wohl wissend um die derzeitige Unfreundlichkeit des Wetters da draußen vor den dicken Museumsmauern, leidet mit und denkt sich: Wie viel Mensch steckt doch in einem Tier!

"Winterpause" ist eines der 100 prämierten Werke des "Wildlife Photographer of the Year 2017", die noch bis zum Juni im 1821 gegründeten, monumental über dem Rhein thronenden und auch ansonsten recht sehenswerten Naturhistorischen Museum in Basel zu sehen sind. Vor zwei Jahren waren die damaligen Siegerfotos ebenfalls dort ausgestellt. Seit 1965 richtet das Natural History Museum in London diesen Wettbewerb aus; eine sechsköpfige Jury sichtete fast 49 000 von Profifotografen und Amateuren eingereichte Fotos aus 92 Ländern und beurteilte diese anonym. Ins Finale kamen schließlich jene 100 ausgestellten Fotos in insgesamt sechs Kategorien – keine übermäßige Bearbeitung, das war das Kriterium.

Zum Teil recht herzige Momentaufnahmen

In der Kategorie Porträts zu sehen sind etwa Anderssons Eichhörnchen, ein in Alaska aufgenommener Weißkopfadler, der nass-zerzaust-eindringlich blickt, oder die beiden um Futter und die Gunst des Weibchens kämpfende Schneehasen in Norwegen – wie so viele Siegerfotos auch dies ein Glückstreffer, denn diese Hasen sind sehr scheu. Höchstens 17 Jahre alt sind die Kinder und Jugendlichen, die in der Kategorie Junge Fotografen ausgezeichnet wurden. In der Kategorie Umgebungen sind unterschiedliche Lebenswelten der Tiere dargestellt, etwa in spektakulären Unterwasseraufnahmen oder in Fotos des urbanen Raumes, in dem sich die verdrängten Tiere zurechtfinden müssen. Dann gibt es noch die Kategorien Vielfalt, Dokumentation, worin etwa die Auswirkungen von Klimawandel oder Waldrodung beschrieben werden, und Portfolio, in dem Fotoreportagen zu einem Thema gewürdigt werden.

Es sind zum Teil recht herzige, wie die Schweizer sagen, Momentaufnahmen, die in den abgedunkelten Räumen hinter LED-Paneelen zu sehen sind: etwa ein Braunbärjunges, das sich mit seiner Mutter an einem Fluss in Alaska balgt; oder ein Rotfuchs, der auf der Suche nach Futter den ganzen Oberkörper in ein Schneefeld steckt, so dass nur noch der buschige Schweif herausragt; oder die Wildschweinmutter in einem Vorort von Barcelona, die mit ihren beiden Jungen nachts eine verlassene, hell erleuchtete Straße kreuzt – über den Zebrastreifen. Auch das Foto "Das gute Leben" des besten Nachwuchsfotografen 2017, des 16-jährigen Niederländers Daniël Nelson, zeigt einen wunderschönen Moment: Ein Gorilla entspannt sich, wie ein müder Wanderer, im dichten Dschungel Sambias mit einer Brotfrucht.

Das Siegerfoto ist ein Horrorszenario

Doch dass die heile Welt im Reich der Tiere wohl eher ein frommer, ein menschlicher Wunsch ist, daran erinnern viele andere eindrückliche Fotos. Ums Fressen und Gefressenwerden geht es etwa an einem südafrikanischen Wasserloch, an dem ein Krokodil eine Impala-Antilope schnappen will – die aber drei Meter hoch in Sicherheit springt. Brutal ist auch das Bild "Saved but caged", das einen sechs Monate alten Tiger in Indonesien zeigt, dem die Schlinge eines Wilderers das rechte Vorderbein gekostet hat – und der gerettet wurde, allerdings auf Kosten der Freiheit.

Ein Horrorszenario ist das Siegerfoto des Wettbewerbs, das "Andenken an eine Art" des Südafrikaners Brent Stirton, der als leitender Korrespondent für Getty Images arbeitet und dieses Bild im Rahmen einer Reportagereihe geschossen hat. Es zeigt ein Nashorn, dass an einem Wasserloch in einem Reservat aus dem Hinterhalt von Wilderern erschossen wurde und dem das Horn abgetrennt wurde, um die Nachfrage in Asien nach vermeintlichen Wundermitteln gegen Krankheiten zu befriedigen.

Ein anderes Foto dieser Reihe zeigt eine Frau in Vietnam, die an Brustkrebs leidet und sich von dem Pulver des Horns Heilung erhofft. Die Folge der Wilderei: Nur noch 5000 Exemplare dieser Tiere leben in Freiheit. "Wir fühlen Ekel vor unserer eigenen Art, während wir gleichzeitig Mitleid mit dem Spitzmaulnashornbullen wegen seines grausigen Todes fühlen", schreibt der Juryvorsitzende Lewis Blackwell in seiner Begründung. Und auch der Betrachter in Basel fragt sich erschüttert: Wie viel Tier steckt doch in uns Menschen?
  • Was? "Wildlife Photographer of the Year"
  • Wann? Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, bis 3. Juni
  • Wo? Naturkundemuseum, Augustinergasse 2, Basel