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04. April 2012

Eine Heimat mit viel Zeit für jeden

VEREINT IM VEREIN: "Labyrinth" schafft neue Perspektiven für Menschen mit Demenz – vor allem in zwei Wohngemeinschaften.

  1. Wohlfühlen in der Wohngemeinschaft: Bewohnerin Anneliese Bruhn und ihre Schwiegertochter Ulrike Bruhn (2. und 3. von links). Foto: bamberger

EBNET. Bei schönem Frühlingswetter hält es die wenigsten drinnen im Wohn- und Essbereich mit Sofa, Sesseln und Klavier. Und in ihren Zimmern im Bett bleiben ohnehin nur diejenigen, denen es nicht gut geht. Die meisten zieht es auf den sonnigen Balkon des ehemaligen "Hirschen", wo Stefan Vey inmitten von ein paar älteren Frauen und jüngeren Besucherinnen sitzt und das Lied von der Vogelhochzeit singt: eine von vielen Facetten im Alltag der "Hirschen-WG" für acht Menschen mit Demenz, die der Verein "Labyrinth" gegründet hat und begleitet.

In der Ecke tummeln sich die Hasen Socke und Lissy in ihrem Gehege, auf dem Tisch stehen Kaffeetassen. Anneliese Bruhn (81) sitzt neben ihrer Schwiegertochter Ulrike Bruhn und schaut zufrieden vor sich hin. Vor einem Jahr gab sie ihr Haus in Bremen auf und zog in die "Hirschen-WG", inzwischen sagt sie mit Überzeugung: "Ich bin hier angekommen." Jeden Morgen schläft sie, so lang sie will, manchmal legt sie sich nach dem Frühstück wieder hin, sonntags schaut sie "Tatort", ab und zu geht sie mit jemandem spazieren.

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Anfangs aber war’s nicht einfach, da hat sie den Pflegern viel von ihrem Heimweh erzählt. Immer war jemand da, hat ihre Hand gehalten oder sie in den Arm genommen. Damals kamen ihr Sohn oder die Schwiegertochter, die sie aus Bremen in ihre Nähe geholt hatten, täglich vorbei.

In der "Hirschen-WG" sind immer alle für alles da

Das ist jetzt nicht mehr nötig, auch wenn die Besuche der Angehörigen der derzeit sechs Bewohnerinnen und zwei Bewohner immer erwünscht und sogar gefordert sind. Denn der Verein "Labyrinth", der die "Hirschen-WG" 2004 gegründet hat – und sein Projekt 2007 mit der "Birkenhof-WG" in Kirchzarten weiter ausbaute – regelt die Organisation des Alltags bewusst ganz anders, als es etwa in Pflegeheimen üblich ist. Zwar gibt es natürlich ein insgesamt 20-köpfiges Pflegeteam, von dem in zwei Tagesschichten jeweils drei Leute im Einsatz sind, sowohl ausgebildete Pflegefach-, als auch Hilfskräfte und Praktikanten. Doch statt jeden entweder dem Pflege- oder dem Hauswirtschaftsbereich zuzuordnen, sind alle für alles da, auch wenn klar ist, dass die Fachkräfte die medizinische Verantwortung tragen und immer erreichbar sind.

Und zusammen mit diesem gemischt-ganzheitlichen Team sollen bewusst auch möglichst viele von "draußen" mitgestalten, Angehörige ebenso wie ehrenamtlich Engagierte, an denen in der "Hirschen-WG" zurzeit klarer Mangel herrscht. Effi Jacobs kommt meist dreimal die Woche vorbei. Dann besucht sie nicht nur ihre Mutter, die hier seit fünf Jahren lebt, sondern geht selbstverständlich auch mit den anderen spazieren, bügelt oder kocht Kaffee für alle. "Auch die Angehörigen hier müssen WG-tauglich sein", bringt sie es auf den Punkt. Sie leben den Alltag der Bewohner mit und übernehmen viel Verantwortung, indem sie überall mitanpacken und mitentscheiden. Auch die Mutter von Birgit Grammelspacher hat in der WG gelebt, inzwischen ist sie tot. Birgit Grammelspacher engagiert sich weiter für "Labyrinth", ist Vorsitzende und für interessierte Angehörige zuständig, die sie begleitet, bis ein Platz frei wird.

Begleiten – von Angehörigen, von Bewohnern – steht im Zentrum, das gelingt in den WGs viel besser als im Krankenhaus oder Pflegeheim, ist Claudia Kunz überzeugt. Darum hat sie sich als Krankenschwester hier beworben, wo sie sich über Jahre hinweg auf jeden konzentrieren kann, "anders als in einem Pflegeheim, wo zwei Pflegekräfte für 20 Bewohner da sind". So entsteht Vertrautheit, die sich entfaltet, wenn jemand nicht mehr sprechen kann, aber verstanden wird.

LABYRINTH

Gegründet: Herbst 2003.

Mitglieder: 50.

Angebot: Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz initiieren und begleiten (derzeit in Ebnet und Kirchzarten), Öffentlichkeitsarbeit (zum Beispiel Filmabende) zum Thema Demenz.

Mitgliedsbeitrag: 20 Euro/Jahr.

Kontakt: 0151/59093579 (mit Mailbox/Anrufbeantworter),Internet: http://www.labyrinth-freiburg.de  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler