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20. Oktober 2009
Die Schönheit ist nicht nur eine Laune der Natur
Kein Land stellt häufiger die schönste Frau der Welt wie Venezuela – weil schon junge Mädchen auf ihr Äußeres getrimmt werden und viele daran verdienen
Als Stefania Fernandez das Ergebnis hörte, hüpfte sie wie ein Kaninchen freudig auf der Bühne von hier hin nach da hin und zurück. Hinter den Kulissen wurden die Whiskygläser erhoben und auf die neue Miss Universum angestoßen. Die 18-Jährige ist die sechste Titelträgerin aus Venezuela, wo die Schönheit eine fast so einträgliche Industrie ist wie das Erdöl.
"Misses" wie Stefania sind die großen Vorbilder von Jugendlichen wie Kendrys Mendoza, die sich schon im Teenageralter auf eine Karriere in der Modelindustrie vorbereiten. Als Kendrys in der Modelschule Giselles im vornehmen Osten der venezolanischen Hauptstadt Caracas zur Übungsstunde eintrifft, ist sie nichts weiter als ein hübscher, schüchterner, schlaksiger Teenager in Jeans und weißem Top. Minuten später stolziert sie mit silbernen, hochhackigen Schuhe, verführerischem Blick und wiegendem Schritt über den imaginären Laufsteg. Sie hat dabei stets einen der vielen Spiegel im Blick und korrigiert ständig ihre Haltung. "Sehr gut, das Training zahlt sich aus", ist Lehrerin Eliana zufrieden. "Nichts der Improvisation überlassen und der Natur notfalls ein bisschen nachhelfen", ist das Motto des Zars der venezolanischen Schönheitsindustrie, Osmel Sousa.
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Kein Land hat mehr Schönheitsköniginnen hervorgebracht als der südamerikanische Karibikstaat und das Studio Giselles ist eine der Talentschmieden im Schönheitsgeschäft. Nirgendwo zählt das Aussehen mehr als hier, wo schon Dreijährige zur Talentsichtung geschickt werden. "Die Kleinen sind die Besten der Akademie, aus ihnen kann man richtig viel Koketterie herauskitzeln", sagt Schulleiterin Giselle Reyes. Früh übt sich, wer Miss werden will. Und falls daraus nichts wird, schadet es nicht zu wissen, wie man sich schminkt, bei Tisch ordentlich benimmt und die zum Outfit passende Handtasche auswählt, meint die ambitionierte Mutter einer kleinen Schönheit.
Inhaberin Giselle, 42, war selbst früher Model und rühmt sich eines nahezu unfehlbaren Röntgenblicks für angehende Talente. "Ich weiß, was Osmel Sousa gefällt", behauptet die makellos herausgeputzte Dunkelblonde. Sousa ist die bunt schillernde Eminenz des Schönheitsbusiness in Venezuela, Präsident der Organisation Miss Venezuela. Jedes Jahr zieht sein Tross suchend durchs Land, bei Giselle werden die Anwärterinnen getrimmt. Gewinnerin wird stets Sousas Favoritin. So wie seinerzeit Irene Saez, die später Miss Universum, Hauptstadtbürgermeisterin und Präsidentschaftskandidatin war. Ihr Höhenflug wurde erst durch den derzeitigen Präsidenten Hugo Chavez gebremst, der die politisch ambitionierte Barbie beim Wahlkampf in ihre Schranken verwies.
Schön zu sein ist keinesfalls gottgegeben oder eine Laune der Natur – jedenfalls nicht in Venezuela. Hier ein bisschen Silikon mehr, dort ein bisschen Fett wegsaugen, die Zähne gebleicht, die Nase begradigt, eine strikte Diät – das ist der Stoff, aus dem die Erfolgsgeschichten der schönen Frankensteins geschrieben sind. Seit 1993 bereitet Giselle alle Misses auf den nationalen Schönheitswettbewerb vor. Immerhin an eine kann sie sich erinnern, die nicht operiert war.
Doch Schönheit ist nicht alles, wie Carlos Cordoba zu bedenken gibt. Der Kommunikationswissenschaftler ist trotz seiner 28 Jahre schon ein alter Hase im Geschäft. Seit mehr als zehn Jahren trainiert er angehende Schönheitsköniginnen in Rhetorik und Auftreten. "Die Ausstrahlung macht mindestens 50 Prozent des Erfolgs aus", sagt der Trainer. "Selbstbewusstsein ist wichtig", betont er.
Dem drakonischen Schönheitsdiktat unterwerfen sich fast alle Venezolanerinnen. Wer sich die 100 Dollar monatlich für den Kurs in einer der Akademien nicht leisten kann, triezt seinen Körper mit Diäten und im Fitnessstudio. "Ich kenne 15-Jährige, die sich bereits die Brüste operieren lassen", erzählt Carlos Cordoba. "Die Schönheit gehört zu unserem Selbstverständnis, wir sind einfach eitel." Kaum jemand hinterfragt den Schönheitswahn. "Hierzulande wirst du nicht begrüßt, sondern von deinem Gegenüber mit den Augen vermessen, gewogen und entsprechend eingeordnet", sagt Luz Mely Reyes, Autorin eines Buchs über den Schönheitsfimmel ihrer Landsleute. Sie hat nachgewiesen, dass die Venezolaner Schönheit mit Erfolg gleichsetzen. Wer schön ist, hat es leichter – sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder auf dem Heiratsmarkt. "Die Banken hier geben Kredite für Schönheitsoperationen, nicht aber fürs Auslandsstudium", sagt Reyes. Viele haben ein Interesse daran, dass es so bleibt. Denn die Schönheit ist in dem Land,in dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt, Ablenkung von der Alltagsmisere – und ein Milliardengeschäft. Für die Schönheitsakademien, die Chirurgen, die Medien, die Werbe- und Kosmetikindustrie. Allein in Giselles Schönheitsfabrik belegen jedes Jahr rund tausend Mädchen einen Kurs.
Michelle wird es wohl nicht auf den Laufsteg schaffen. Mit ihren 1,53 Meter ist das aufgeweckte Mädchen dafür einfach zu klein. "Vielleicht reicht es ja zum Fotomodel", hofft die 15-Jährige, die bereits Diät macht, um nicht zuzunehmen, ihre depilierten Achseln behandelt, um sie aufzuhellen und das lange, dunkle Haar mit Essig-Avocado-Spülungen zum Glänzen bringt. "Das alles habe ich hier gelernt", sagt sie stolz. Sollte es zum Model nicht reichen, hilft es vielleicht dabei, einen tollen Mann zu angeln.
Autor: Sandra Weiss
