Die Welt bleibt draußen

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Di, 10. Juli 2018

Rock & Pop

Zwischen Kulturauftrag und Zugkraft: Der Schwund globaler Musikfarben auf deutschen Festivals.

"Kulturelle Gleichberechtigung sollte zu allen anderen Prinzipien der Menschenwürde hinzutreten." Das forderte bereits 1977 der bekannte Musikethnologe Alan Lomax. Meilenweit von seiner Forderung entfernt sind 40 Jahre später Deutschlands Sommerfestivals für populäre Musik – die Orte, an denen eine große integrative Kraft und ein Erleben anderer Kulturen für Zehntausende möglich wäre. Nach der Aufbruchstimmung der Weltmusik, die heute eher mit "Roots" und "Global Pop" bena
nnt wird, herrscht wieder angloamerikanische, und verstärkt nun auch deutsche Dominanz in den Programmen. Bleibt das Global Village in der Musik eine Utopie?

Lutz Engelhardt bucht mit dem Kulturzelt Kassel und der Kulturarena Jena zwei der großen ehemals global geprägten Festivals, in denen Klänge aus aller Welt heute nur noch eine marginale Rolle spielen. "Unsere Umfragen haben ergeben, dass das Publikum der Roots-Sparte 60+ ist. Wir haben beschlossen, eine Verjüngung durchzuführen, sonst machen wir ein Altersheim draus. Denn die Kids interessiert diese Musik nicht." Zudem seien die Gagen bei ausländischen Roots-Künstlern in nicht mehr finanzierbare Höhen gestiegen, und der Nachschub an interessanten Acts fehle. Seit er verstärkt den – deutlich preiswerteren – Deutsch-Pop von Mogli, Olli Schulz oder Von Wegen Lisbeth bucht, hat er wieder junge, dankbare Besucher. Als Fan bedauert Engelhardt die Entwicklung, die er seit einigen Jahren bundesweit wahrnimmt. Als Veranstalter sieht er das nüchtern: "Der Musikgeschmack hat sich halt verändert, vielleicht ist es in fünf Jahren wieder anders." Das das aber von alleine passiert, muss man für Deutschland anzweifeln.

Die "klassische" Weltmusik hat mit ihrem reifen Publikum in die Hochkultur gewechselt, in Hamburg, Dortmund, Frankfurt oder Köln finden sich entsprechende Reihen auf dem Spielplan der Philharmonien. Die Vermittlung neuer Töne aus Afrika, Lateinamerika und Asien an die junge Festivalgeneration dagegen findet so gut wie nicht mehr statt. Ausnahmen: Das Fusion-Festival nördlich von Berlin bettet aus einer Undergroundperspektive heraus Elektronica-betonten Global Pop in sein Programm, und Rudolstadt lockt mit der Kombi von Folk, World und Rock alle Generationen an.

Ernüchternd auch der Blick auf die Großveranstaltungen unserer Region, abseits der spezialisierten Orientalischen Sommerakademie in Sulzburg oder dem Freiburger Tamburi Mundi. Früher konnte man sich darauf verlassen, dass es beim ZMF die ein oder andere Entdeckung im World-Bereich gab. Heute sind globale Bands Füllsel, die oft schon mal da waren.

Ein Ansatz wäre:
Neugier wecken,

gezielt fördern

ZMF-Geschäftsführer Marc Oßwald sagt dazu: "Die Zahl der Konzerte mit Weltmusik geht zurück, weil das Interesse am Genre zurückgeht. Die Hochzeiten sind vorbei. Der Musikgeschmack hat sich verändert. Das Publikum, das wir früher hatten, gibt es in der Form nicht mehr." Weltmusik um der Weltmusik willen zu buchen, komme nicht in Frage. Natürlich spiele auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle: "Wir quotieren auch nicht und buchen Weltmusikkonzerte, damit das Genre halt vertreten ist, sondern orientieren uns an der Qualität der Künstler – und natürlich auch an der Frage, ob es dafür ein Publikum auf dem ZMF gibt."

Fehlanzeige auf den Bühnen zwischen Breisgau und Dreiländereck sind frische, progressive Impulse aus den Myriaden neuer Musikspielarten, aus arabischem Electro Châabi etwa, aus Chicha und Digital Cumbia zwischen Lima und Buenos Aires, aus den Urban-Africa-Varianten zwischen Bamako und Kinshasa. Die sind im Pop und auf Festivals in Frankreich, England und Spanien fast selbstverständlich geworden. Stattdessen wird in diesem Sommer viel Deutsch-Rap abgefeiert und fossiles Rock-Testosteron verbrannt.

Da liegt es nahe, ein altes Argument aus der Tasche zu ziehen: Da Deutschlands Kolonialgeschichte früh endete, fand die Integration außereuropäischer Kulturen als verzögerter Kollateraleffekt nicht statt. Doch das greift zu kurz. Nicht gerade für ihre Kolonien bekannt ist die Schweiz. Trotzdem integrieren viele Veranstalter, unter ihnen das B-Sides in Luzern und Kaserne Basel "Weltmusik 2.0" klug in ihr Festival- und Saisonprogramm. Das Kolonialargument zieht auch nicht bei Markus Muffler. Der Chef des Stimmen-Festivals Lörrach – lange eine Bastion der Weltmusik – spricht gerne darüber, dass Deutschland eben nicht nur bei Ethno vom internationalen Musikgeschehen abgehängt sei. "Unseren Ethno-Radar setzen wir bei neuen Trends an, deshalb sprechen wir mit ausländischen Agenturen, da dort die aktuellen Entwicklungen viel schneller ankommen."

In den vergangenen Jahren hat er mit Emel Mathlouthi, Bye Beneco oder Sandra Nkake Highlights des neuen Global Pop vorgestellt, und da auch schon junge Besucher gewonnen, die sonst eher zu HipHop gehen. Um das auszubauen, bräuchte es Kontinuität, doch 2018 gibt es einen einzigen malisch-kongolesischen Abend. "Zufall", sagt Muffler, "es hängt manchmal an ganz banalen Sachen wie Tourplänen oder kuratorischer Abrundung." Für 2019 verspricht er wieder Zuwachs, momentan hat die Anglophiles kräftig Vorrang vor der von ihm selbst beschworenen "Weltoffenheit".

Einen konsequent hohen Anteil an globaler Musik fährt im Südwesten nur das Zeltival in Karlsruhe, das am selbstgewählten inhaltlichen Auftrag der "Weltreise" seit den 1980ern festhält. "Wenn man die Möglichkeit hat, in dieser gesellschaftspolitischen Situation, die wir gerade haben, zumindest ansatzweise Kulturen begegnen zu lassen, sollte man das unbedingt wahrnehmen", sagt Leiter Bernd Belschner. Er mischt etablierte mit unbekannten Acts und bietet diese auch mal für einen niedrigen Entdecker-Eintritt an. Die Rechnung geht auf: Der Zuspruch ist ziemlich hoch, das Alter der Zuhörenden gemischt.

Um weiterhin weltläufig zu bleiben, braucht die deutsche Konzertszene ein Teamspiel vieler Faktoren. Digitale Verfügbarkeit aller Töne des Planeten führt nicht automatisch dazu, dass das Verständnis für das Fremde wächst. Tiefenscharfer Musikjournalismus im Rundfunk, Internet und Print kann Einordnungshilfe bieten, Neugier auf Live-Events wecken. Es braucht mehr gezielte öffentliche Förderung, um im europaweiten Wettbewerb bei der Jagd nach attraktiven Acts konkurrenzfähig zu bleiben.

Vor allem braucht es Programmchefs mit Visionen, die aktiv recherchieren statt immer die gleiche Handvoll Roots-Künstler als Quote einzubauen. Denn die Vielfalt an Künstlern mit Live-Qualitäten aus der Sparte hat sich – entgegen aller Behauptungen – keineswegs verringert. Das könnte aus dem deutschen Festivalsommer – und auch aus dem Konzertbetrieb unterm Jahr – wieder nach und nach eine weltoffene Angelegenheit machen. Aktuell ist es sowohl politisch als auch musikalisch dringend nötig, ein paar Tore mehr aufzumachen. Derzeit aber heißt es vielerorts: Ein Hoch auf uns! Die Welt bleibt draußen.

Der Autor ist langjähriger BZ-Mitarbeiter, Programmbeirat des Rudolstadt-Festivals und Juror in der ethnologischen Abteilung des Preises der Deutschen Schallplattenkritik.