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12. April 2010 12:48 Uhr
Ego-Googeln
Dieter Salomon entdeckt sich selbst im Netz
Den eigenen Namen zu googeln, ist längst Volkssport. Was enthüllt das Internet über die drei Freiburger OB-Kandidaten? Als erstes ging uns Amtsinhaber Dieter Salomon ins Netz. Was hat er mit dem SC Freiburg gemeinsam? Und wie geht er mit Kritik um?
Der linke Mundwinkel lächelt, der rechte kräuselt sich spöttisch. Locker liegen die langen Finger auf der Maus – und wirken doch wie Fremdkörper; entschlossen lösen sie sich, verharren über der Tastatur. Der Zeigefinger reckt sich, der Zeigefinger streckt sich. Tipp, tipp, tipp – Zeile für Zeile ruckelt die Seite nach unten. Ego-Googeln mit Dieter Salomon ist die Entdeckung kompletter Ahnungslosigkeit. Freiburgs amtierender Oberbürgermeister stolpert genauso orientierungslos durch das Internet wie der SC Freiburg derzeit über das Spielfeld – und steht dazu. "Ich verbringe mein Leben nicht im Netz. Ich habe anderes zu tun", erklärt er und klingt beinah ein wenig stolz darauf, sich einem weltweiten Phänomen komplett zu verweigern.
Aus Spaß im Netz zu surfen, ist für Salomon ähnlich unvorstellbar wie ein Freiburger Oberbürgermeister mit Namen Ulrich von Kirchbach. Oder die Zeitung am Bildschirm zu lesen. "Das ätzt mich an." Den Duft der Druckerschwärze in der Nase, das Rascheln der Blätter zwischen den Fingern – "das hat etwas Sinnliches, darauf will ich nicht verzichten". Den Computer nutze er zur Textverarbeitung. "Höchstens."
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Beim Ego-Googeln scheitert der OB beinah schon am Suchfeld: "www, oder?" Die Augen auf Halbmast wandern die Finger über die Tastatur. Der dunkelblaue Krawattenknoten ruht ruhig unter dem Adamsapfel, wippt keine Sekunde unter einem heruntergeschluckten Frosch. Salomon stellt sich dem Internet, wie er sich seinen Kritikern stellt: mit einem ruhigen Lächeln.
Der Name ist eingegeben, Enter gedrückt. "Ich habe keine Peilung, wo das landet", murmelt er. 15.600 Treffer zeigt Google an. "Aha." Beeindruckt klingt anders. Salomon klickt seinen Eintrag bei Wikipedia an. "Das ist’n Scheiß", entfährt es ihm. "Da kann jeder reinschreiben, worauf er Lust hat." Er überfliegt die Zeilen, alles scheint soweit in Ordnung. Im August wird der OB 50 Jahre alt. "Ist eigentlich nicht so lustig, aber ich kann es ja nicht ändern."
Am Fuß der Seite prangt ein kleiner Strich, der Salomon beinah entgeht, doch dann fixiert er ihn, rutscht auf dem Stuhl nach vorn. "Oberbürgermeister, 2002 –" steht da. "2010 wird da sicher nicht stehen", erklärt er resolut. Scheitern komme für ihn nicht in Frage. "Wenn man etwas will, darf man darüber erst gar nicht nachdenken", spricht’s und klickt sich souverän zurück zur Trefferliste; und zu einem Bild, das ihn verkleidet als römischer Legionär zeigt. "Das ist doch eine Fotomontage", ruft er. "Eine Fotomontage!" Salomon schaut einmal hin, zweimal, dreimal, kneift Augen und Stirn zusammen, fährt das Bild ab, Millimeter um Millimeter und – "genau! Die haben mir 2009 im Colombi-Schlössle einfach ’nen Helm aufgesetzt, das sollte aber nie veröffentlicht werden", schimpft er, muss aber doch schmunzeln.
Und dann, das Unfassbare: Salomon zeigt beinahe so etwas wie Internet-Begeisterung. "Schon fantastisch, dass man mit einem Klick vorliegen hat, wofür man früher ins Archiv musste", murmelt er und klickt sich auf einen neun Jahre alten Spiegel-Online-Artikel: Der Mann, der mit fünf Jahren schon fluchen konnte. "Ich bin in einer Wirtsstube im Allgäu aufgewachsen und der Allgäuer gilt zu Recht als derb." An seinen ersten Fluch kann sich der 49-Jährige nicht erinnern. "Es gab ganz viele – und die waren alle nicht druckreif."
Ein Screen weiter blickt ihm eine jüngere Version seiner selbst entgegen. Die frech in die Stirn gezupften Strähnen des Fraktionsvorsitzenden der Landtags-Grünen sind weichen Wellen gewichen. Auch sein Outfit hat sich gewandelt. Anzug und Krawatte statt Jeans und Sakko – eine Kluft, mit der er laut Artikel auf den Spuren von Außenminister Joschka Fischer wandelte. "So ein Quatsch! Früher sind doch alle Realos so rumgelaufen." Der ehemalige Turnschuh-Minister habe ihn weder in Stil- noch politischen Fragen geprägt. "Fischer ist eine absolute Diva im Auftreten, aber ein genialer Redner und toller Schreiber." Ein Vorbild habe er nie gehabt. "Man lernt ja aus den eigenen Fehlern."
Zu Salomons Sündenfall stilisieren seine Mitstreiter Ulrich von Kirchbach (SPD) und Günter Rausch (WiR) den geplanten Stadtbauverkauf. So auch das Blog Wohnen ist Menschenrecht. "Kein Mieter wählt Dieter" schreit es ihm da in Grellrot entgegen. Salomon atmet ein, lehnt sich zurück. "Damals war es richtig, um den Stadthaushalt zu entschulden. Hätte ich gewusst, wie es ausgeht, hätte ich es nicht gemacht." Man hört, dass er sich schon oft zu diesem Thema erklärt hat, kaum eine Podiumsdiskussion kommt ohne aus. Für seine Gegenkandidaten ist es eine Steilvorlage. Doch egal wie scharf deren Ton auch wurde, bislang ließ sich Salomon nicht zu einer unbedachten Reaktion verleiten. "Als Amtsinhaber muss man sich das gefallen lassen."
In der Rolle des Herausforderers sei er vor acht Jahren auch bissiger aufgetreten, wenn auch jederzeit freundschaftlich und nie so derb. "Ich glaube auch, dass ich sehr viel gelassener und professioneller geworden bin", meint Salomon, lehnt sich zurück, blickt an die Decke. Der linke Mundwinkel verzieht sich zu einem Lächeln, der rechte kräuselt sich spöttisch. "Und wer weiß, wie cool ich erst mit 50 bin?"
- Live-Chat: Online-Diskussion mit Dieter Salomon
- Dossier: Alle Artikel zur OB-Wahl
Autor: Alexandra Sillgitt


