Echte Hilfe zur Selbsthilfe

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Fr, 27. Januar 2017

Emmendingen

Die Emmendinger Stiftung Brücke hat mit Mitteln der Weihnachtsaktion im Millenniumsdorf Harguzirpar viel Gutes bewirkt.

EMMENDINGEN. Es gilt als Vorzeigeprojekt für eine nachhaltige Entwicklungshilfe, die wie von der UN gefordert, die Armut auf der Welt halbieren soll: Seit Ende 2009 arbeitet die Organisation MATI mit Unterstützung der Emmendinger Stiftung Brücke im Millenniumsdorf Harguzirpar gemeinsam mit der Dorfbevölkerung an der schrittweisen Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse – den Rahmen bestimmen die Millennium-Entwicklungsziele, die Prioritäten setzen die Dorfbewohner, vor allem die Frauen, als direkte Mitglieder in den aufgebauten und betreuten Frauengruppen. Die BZ-Aktion Weihnachtswunsch hat das Projekt auch in 2016 mit 2000 Euro unterstützt.

Hiermit wurde zum einen die im Dorf eingerichtete Vorschule finanziert, deren Jahresbedarf bei rund 1200 Euro liegt, und die Betreuung der Frauengruppen. Die Vorschule wurde auf Wunsch der Mütter eingerichtet, da viele Kinder im Dorf die Aufnahme in die staatliche Grundschule nicht schafften, weil sie die Aufnahmeprüfung, in der Kenntnis des Alphabets und der Zahlen bis 20 geprüft werden, ohne Vorschulwissen nicht bestehen konnten.

Auch dieses Jahr haben wieder 35 Jungen und Mädchen mit Hilfe der Vorschule die Aufnahme in die Grundschule geschafft. MATI unterstützt die Familien bei diesem wichtigen Schritt, indem es als "Schultüte", die in Bangladesch unbekannt ist, für jedes Kind eine Schuluniform und ein Mäppchen mit Schreibutensilien gibt. Diese kosten etwa fünf Euro pro Kind, und können für eine arme Familie schon der entscheidende Grund sein, das Kind nicht einzuschulen.

Ein weiteres Ziel der Frauen im Millenniumsdorf Harguzirpar war es, Möglichkeiten zu finden, ein eigenes Einkommen zu verdienen. Dazu brauchten sie Startkapital. MATI vergab dafür zinslose Darlehen in den Frauengruppen, und die Frauen lernten das konsequente Sparen, und seien es auch nur 10 Cent pro Woche. "Mittlerweile haben die Frauengruppen einen soliden Kapitalgrundstock angespart, der es ihnen ermöglicht, immer wieder zinslose Darlehen aus dem Gruppentopf zu erhalten", berichten Peter Haas und Bettina Mühlen-Haas von der Stiftung Brücke. Bis zum Jahresende sollen die Gruppen in die Selbstverwaltung der Frauen übergehen.

Samsunhahar, die seit Beginn Mitglied in der Frauengruppe ist, schildert in einem Bericht die Errungenschaften ihrer Familie: "Mein Mann ist Tagelöhner auf dem Bau, er verdient sechs Euro € am Tag, wenn er Arbeit findet, was an 15 bis 20 Tagen im Monat der Fall ist. Meine drei Kinder gehen alle in die Schule, unsere Älteste hat eine Schulpatenschaft von der Stiftung Brücke, was uns bei den Kosten hilft. Ich habe insgesamt fünf Darlehen über die Frauengruppe genommen und damit langsam unsere Situation verbessert. Wir haben für meinen Schwiegervater ein Fischgeschäft finanziert, ein Stück Land gepachtet, eine Kuh gekauft, in der Sommersaison einen kleinen Handel mit Mangos betrieben und nun einen kleinen Laden eröffnet, in dem ich die Dinge des alltäglichen Bedarfs wie Seife, Öl, Kekse, Streichhölzer verkaufe."

Damit verdient Samsunahar etwa zwei Euro am Tag. Ihr Plan ist es, bald mit einem höheren Darlehen noch mehr Produkte für ihren Laden zu kaufen, um ihren Gewinn weiter zu steigern. "Es geht uns besser als früher, ich habe unsere Schulden abbezahlt, die wir bei Geldverleihern zu hohen Zinsen nehmen mussten, bevor MATI hierher kam", sagt sie. "Das größte Problem für uns Dorfleute sind die steigenden Lebensmittelpreise." Insgesamt haben im vergangenen Jahr 86 Frauen ein zinsloses Darlehen über ihre Frauengruppe genommen.

Für Peter Haas und seine Frau ist das Millenniumsdorf ein Beispiel dafür, wie "echte Hilfe zur Selbsthilfe" funktionieren kann: "Wir schaffen keine Abhängigkeiten, sondern helfen den Menschen auf die Beine, damit sie selbst laufen können", sagt er im BZ-Gespräch. Und das hat sich herumgesprochen und Interesse geweckt. In der Umgebung erkennen die Menschen, "dass es sich dort plötzlich viel besser lebt". Die Dorfbewohner von Harguzirpar wirken als Multiplikatoren, das Beispiel macht Schule und wirkt damit nachhaltig.

Das ist auch das Stichwort für die künftigen Pläne der Emmendinger Stiftung, die sich jährlich mit rund 25 000 Euro allein in Bangladesch engagiert. Denn Nachhaltigkeit in der Förderung armer Länder haben sich auch die Vereinten Nationen in ihren Zielen bis zum Jahr 2030 auf die Fahnen geschrieben. Dass die Armut auf der Welt bis dahin beendet werden kann, das glaubt Peter Haas nicht: "Das ist sicher zu hoch gegriffen". Doch im Frühjahr startet die Stiftung ihr nächstes Projekt. Haas: "Wir bleiben dran".

Die Stiftung Brücke im Internet: http://www.stiftung-bruecke.de